Zulu

Eine Frage der Gerechtigkeit

| Jörg Schiffauer |
Forest Whitaker über seine Rolle in „Zulu“, die Arbeitsbedingungen in Südafrika und sein eigenes politisches Engagement

Interview ~ Thomas Abeltshauser

Wie schwierig war es, sich den südafrikanischen Akzent anzueignen?
Forest Whitaker: Der Akzent fiel mir eigentlich leicht. Aber ich kam erst im letzten Moment an Bord und musste ganz schnell lernen. Ich hatte den Anspruch, drei Sprachen zu können. Viel schwerer wäre es gewesen, wenn ich Xhosa hätte sprechen müssen, eine der elf Amtssprachen Südafrikas, weil in dieser Sprache Laute verwendet werden, die ganz anders sind als im Englischen. Zulu zu sprechen war auch nicht einfach, ich hatte damit mehr Probleme als mit Afrikaans.

Was hat Sie an dem Film interessiert?
Forest Whitaker: Ich fand, dass das Drehbuch eine starke Aussage hatte. Es war interessant, dieses Post-Apartheid-Universum, über das ich kaum etwas wusste, durch den Charakter, den ich spiele, und durch sein Innenleben zu entdecken. Klar, es gibt auch Actionszenen und brutale Gewalt, aber für mich war es eine hochinteressante Charakterstudie.

Was haben Sie während der Dreharbeiten in Südafrika über die dortige Situation gelernt?
Forest Whitaker: Zuerst einmal musste ich meine Figur verstehen. Ich habe viel Zeit mit Polizeibeamten verbracht, um zu sehen, wie sie arbeiten. Mit ihnen bin ich in den Communities Streife gefahren. Und ich habe mich mit den verschiedenen Gangs getroffen, mit mehreren Mitgliedern über die Situation und die eskalierende Gewalt gesprochen. Zugleich hatte ich Kontakt mit diversen Mediationsgruppen, die in den Townships vermittelnd tätig sind. Auch ich war vor Ort in den Townships und konnte mir ein Bild davon machen, welche Probleme es dort gibt, von den schlechten sanitären Einrichtungen bis zu den gewalttätigen Ausschreitungen. Das ist noch immer ein grassierendes Problem. Die Jungs, mit denen ich damals unterwegs war, sind inzwischen nicht mehr am Leben. Sie wurden von rivalisierenden Banden erschossen. Aber ich habe mich auch mit der schwarzen Jugend und ihren Erfahrungen mit Drogen auseinandergesetzt. Im Film geht es ja um Tik, ein Rauschmittel, von dem in manchen Gebieten in Südafrika die Hälfte aller Acht- bis Zwölfjährigen abhängig ist – so auch an der Schule, die ich besucht habe. Ich habe wirklich sehr viel gelernt in dieser Zeit.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie in Afrika drehen. Bereits The Last King of Scotland, in dem Sie den Diktator Idi Amin spielten, ist in Uganda entstanden. Was war der Unterschied zu den Dreharbeiten von Zulu?
Forest Whitaker: Das kann man kaum vergleichen. Südafrika hat eine blühende Filmindustrie mit einer großen Tradition. In Uganda war für fast jeden alles neu, und es war ein ständiges Lernen und Ausprobieren. Das war anstrengend, hatte aber auch etwas sehr Frisches und Unberechenbares.

Sie sind nicht nur als Schauspieler aktiv, sondern haben auch gerade das Drama Fruitvale Station produziert.
Forest Whitaker: Das war mir ein Anliegen. Ich kannte natürlich Oscars Grants Schicksal, das der Film rekonstruiert. Der 22-jährige Afroamerikaner war in der Silvesternacht 2008 in San Francisco von einem weißen Polizisten erschossen worden, ohne dass er sich etwas hatte zuschulden kommen lassen. Dieser Vorfall ging ja weltweit durch die Medien, und der Prozess wurde nach Los Angeles verlegt, wodurch er noch mehr Aufmerksamkeit erhielt. Grant ist zu einem Helden geworden. Die Occupy-Bewegung in Oakland zum Beispiel hat sein Gesicht zu ihrem Symbol gemacht.

Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit Rassenkonflikten bei Ihrer Auswahl von Filmprojekten?
Forest Whitaker: Ungerechtigkeit und Ungleichheit, egal ob ethnisch, ökonomisch oder sozial, interessiert mich sehr. Ich finde es wichtig, sich Gedanken über die Menschheit zu machen. Zulu behandelt die Folgen der Apartheid in Südafrika, da geht es nicht nur um die Schwarzen, sondern auch darum, wie die weiße Bevölkerung mit ihrer Verantwortung und Vergebung innerhalb ihrer Gemeinschaft umgeht, das ist ein sehr komplexes Thema. Was Fruitvale Station angeht, bin ich mir sicher, dass es diese Figur in jeder Stadt geben könnte, in der unterschiedliche Kulturen nebeneinander existieren. Mir ist es wichtig, weil es eine sehr persönliche Geschichte für mich ist, aber die Geschichte könnte genauso mit einer anderen sozialen, ethnischen oder religiösen Minderheit irgendwo anders auf der Welt passieren. Diese Probleme bestehen ja. Diese Geschichten über den Kampf für Gleichheit interessieren mich, wenn es auch noch in Verbindung mit ethnischen Fragen ist, umso mehr.

Wie ändert sich die Situation für nichtweiße Schauspieler in Hollywood?
Forest Whitaker: Gerade kamen und kommen eine ganze Reihe interessanter Filme über People of Color ins Kino. Es gibt sicherlich mehr farbige Regisseure als früher. In meiner Kindheit gab es immer nur einen farbigen Schauspieler, zuerst Sidney Portier, später dann Eddie Murphy. Und heute gibt es eine ganze Reihe, die regelmäßig Hauptrollen spielen, da hat sich also einiges geändert. 1995 habe ich einen Film inszeniert, der hieß Waiting to Exhale, mit dem ich dann weltweit auf PR-Tour ging. Und überall wurde mir gesagt, der darin gezeigte Alltag sei nicht wahr, und die Charaktere seien nicht echt. Da ich solche Menschen und ihre Welt kannte und wir es realistisch darstellten, wusste ich, dass die Kritik völlig fehlgeleitet war. Wir repräsentierten eine schwarze Mittelschicht in Amerika, die nicht dem Klischee entsprach, das sich viele von Afroamerikanern gemacht haben. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für Latinos oder Asiaten. Aber es tut sich was, und das hat auch mit der wirtschaftlichen Kraft dieser Ethnien zu tun. Sie bezahlen für Geschichten, mit denen sie sich identifizieren können. Und das ist es, was am Ende in dieser Industrie zählt: Geld.

Welchen Eindruck haben Sie von Kapstadt gewonnen?
Forest Whitaker: Sehr gemischt. Der Strand und die Lage sind traumhaft, aber in manchen Communities herrscht große Armut, und die Menschen haben resigniert. Diesen Widerspruch haben wir auch versucht, im Film anzusprechen.

Wie kann man sich als Filmstar in Townships bewegen?
Forest Whitaker: Ich war immer mit Vermittlern unterwegs, Sozialarbeitern, die das Viertel gut kannten oder Anführern dort.

Ihr Interesse für soziale Themen resultiert aber auch in gesellschaftlichem oder politischem Engagement.
Forest Whitaker: Ich war im Komitee für Stadtpolitik zu Beginn der ersten Regierungszeit unseres Präsidenten Barack Obama. Derzeit bin ich im Komitee des Präsidenten für Kunst und Geisteswissenschaften. Ich mache keine Politik, aber ich engagiere mich politisch. Ich habe eine Non-Profit-Organisation namens PeaceEarth, mit der wir uns im Südsudan und Uganda einsetzen und junge Menschen trainieren, Konflikte zu lösen und Frieden zu fördern. In Kürze werden wir das auch in Mexiko tun. Ich habe mich das ganze Jahr über sehr aktiv dafür eingesetzt.

Obama wurde zuletzt vermehrt kritisiert. Wie hat sich Ihre Einstellung zu Obama im Laufe seiner Amtszeit verändert?
Forest Whitaker: Ich unterstütze ihn. Es gibt in unserem Land so viele politische Baustellen, auf denen er tätig ist, und in vielem macht er einen hervorragenden Job. Ich finde ihn phantastisch.

Letztes Jahr haben Sie in The Butler den persönlichen Diener gleich mehrerer US-Präsidenten gespielt.
Forest Whitaker: Auch da fand ich die Perspektive spannend. Da ist der mächtigste Mann der Welt, und wie geht er mit seinen Bediensteten um? Butler haben wohl den engsten Kontakt und durch ihren intimen Kontakt das meiste persönliche Insiderwissen, viel mehr als ein Sekretär oder ein Minister. Wer außer dem Butler weiß schon, ob der Präsident seine Kinder körperlich züchtigt? Das fand ich spannend.

Lesen Sie eigentlich Kritiken über Ihre Arbeit?
Forest Whitaker: Ich versuche, mich davon nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Und ich hoffe, dass die Menschen um mich herum, meine Familie, meine Freunde, nur die guten Kritiken zu lesen bekommen. Aber ich sitze bestimmt nicht am Laptop und google mich selbst. Wenn man anfängt, die Hymnen zu glauben, glaubt man auch die Verrisse. Davor will ich mich schützen.

Wollen Sie auch wieder einmal selbst Regie führen?
Forest Whitaker: Ich denke ernsthaft darüber nach, aber jede Regiearbeit kostet unglaublich viel Zeit. Ich habe ein paar Stoffe in Entwicklung, ein Biopic über Louis Armstrong und eins über Richard Pryor. Schon als Kind habe ich Pryors Platten gehört und war von seinem Humor und seinem scharfen politischen Verstand fasziniert. Ich besitze sogar sein Tagebuch. Er hat alles Mögliche aufgeschrieben, auch die schmerzhaften Dinge, und seine Witwe hat es mir überlassen. Ich schreibe das Drehbuch und schaue mal, wohin es führt. Mich interessiert, wie unsere Vergangenheit die Gegenwart und Zukunft beeinflusst, es wird also Pryors Kindheit genauso vorkommen wie seine Drogensucht. Aber ich muss nicht zwangsläufig selbst Regie führen. Woran ich allerdings am längsten sitze und was ich wohl als Nächstes inszenieren werde, ist Better Angels über einen Journalisten, der über Krisengebiete berichtet und dabei seine Empathie verliert. Ich habe die Rolle für mich geschrieben, und es wird das erste Mal sein, dass ich mich selbst inszeniere.