Passing the time with Rian Johnson: Der „Looper“-Regisseur spricht über Romantik, Generationsprobleme und die Faszination von Zeitreisen.
Ich habe mir gerade Ihren Kurzfilm „The Psychology of Dream Analysis“ aus 2002 angesehen.
Oh je.
Der letzte Satz ist: „Ich würde nicht zu viel hineininterpretieren.“ Ich habe mich gefragt, ob das ironisch war oder ob Sie das auf „Looper“ auch anwenden würden.
Ja und nein. Ich bin eigentlich ein großer Fan davon, zu viel in Filme hineinzuinterpretieren. Ich mag Filme, die einen dazu anregen, das zu tun und es ist eine Art Hobby von mir, also würde ich davon nicht abraten. Ich denke allerdings auch, dass es mir bei den Zeitreise-Elementen von Looper als Geschichtenerzähler wichtig war sicherzustellen, dass dieses Element ein wenig abgeschwächt war, damit man auch einfach nur die Geschichte so nehmen kann, wie sie ist. Ich wollte, dass es mehr ein menschliches Drama ist, das die Geschichte vorantreibt, als eine mathematische Gleichung, die man berechnen muss.
Ich war besonders betroffen von dem Bild eines Menschen, der aus der Zukunft zurück kommt und von seinem jüngeren Selbst umgebracht wird. Es ist ein sehr verstörendes und fast Jung’sches Bild.
Es hat so etwas Ursprüngliches an sich, nicht wahr? Gerade in der Science Fiction kann man ein Bild kreieren, das eine fremdartige Situation wie Zeitreise verwendet, um dem Film etwas zu geben, das einen tief drinnen auf eine sehr menschliche Art trifft. Es ist also das jüngere Selbst, das das ältere Selbst umbringt, was offensichtlich eine sehr mächtige und verstärkte Reflektion davon ist, was unvermeidbar auf eine gewisse mythische Art und Weise mit Vätern und Söhnen passiert. Oder es ist das ältere Selbst und das jüngere Selbst, die einander gegenüber sitzen und die Konversation, die sie haben. Das ältere Selbst sagt „Ich weiß wohin du unterwegs bist, du bist ein Idiot“ und das jüngere Selbst sagt „Leck mich, ich werde nicht der werden, der du bist“. Das ist wieder etwas, das durch SciFi-Elemente verstärkt wird, aber im Grunde eine menschliche Situation, mit der man sich in Beziehung setzen kann. Das ist es, wofür ich SciFi verwenden wollte, das ist es, was all meine Lieblings-Science-Fiction-Filme machen.
Denken Sie, dass das jüngere oder ältere Selbst etwas mit dem Verdruss der jüngeren Generation über die 68-er Generation zu tun hat?
Ich glaube, es ist ein Problem, das jede Generation mit der folgenden Generation hat. Auch, wenn man eine gute Beziehung zu seinem Vater hat, wird man an einem gewissen Punkt diese „Ich bin nicht du“-Basiskonversation mit ihm führen. Es ist das Generationsgefühl „Deine Art, Dinge zu tun, ist tot, ich werde einen besseren Weg finden“. Ich meine, die Babyboomer hatten das mit der vorangegangenen Generation, und ich denke in keinem geringeren Ausmaß.
Trau keinem über 30.
Ja, genau.
Dieser Film und ihr voriger ebenso sind eine Kombination aus Genres, vor allem Film noir und SciFi. Warum finden Sie, dass die beiden gut zusammenpassen?
SciFi ist ein Genre, das ich mir nicht allein vorstellen kann; es scheint, als würde sich SciFi normalerweise mit etwas anderem vermischen. Wie zum Beispiel mit Western oder mit Noir, oder Alien als SciFi/Haunted House Movie. Als jemand, der es liebt, die Genres zu mischen, war das extrem verlockend für mich. SciFi/Noir passen offensichtlich gut zusammen und haben die Blade Runner-Verbindung. Aber Teil des Spaßes ist, einfach zu schauen, wo die Reise hingeht, und vielleicht davon überrascht zu sein. Daher will ich nicht alle Einflüsse auf den Tisch legen. Der ganze Film ist letztlich der Aufbau für eine moralische Entscheidung.
Was ist das Anziehende an der Zeitreise? Sie scheint in neueren Filmen immer häufiger vorzukommen.
Ich glaube, dass Zeitreise auf mehreren Ebenen eine Anziehungskraft ausübt. Sie hat etwas von dieser großen Tragödie des Lebens: Wir alle sind drakonisch in diese gerade Zeitachse eingeklinkt, die hier beginnt und dort endet. So ähnlich wie die Macht zu Fliegen auf uns anziehend wirkt, ist es auch sehr verlockend, diese Zeitlinie zu verlassen und in die Zukunft zu schauen. Und dann gibt es diese Idee, zurück zu gehen und die Vergangenheit in Ordnung zu bringen. Wir alle haben Dinge in der Vergangenheit, zu denen wir mit einem Zeitreiseapparat namens Gedächtnis zurückkehren, über die wir nachdenken, die uns quälen, oder die wir an einem gewissen Punkt loslassen müssen. Es geht um die Idee, zurückzugehen und es in Ordnung zu bringen. Es geht aber auch um die angenehme Vorstellung, dass es nicht so gut ausgehen könnte, wenn wir das zu tun versuchen würden, und dass wir daher nicht darüber nachdenken sollten, zurück zu gehen und die Vergangenheit auszubessern, sondern einfach in der Gegenwart leben. Das ist eine sehr lebensbejahende und bekräftigende Idee, und davon scheinen sich viele Zeitreise-Filme beeinflussen zu lassen.
Wie haben Sie entschieden, wie die Zukunft aussehen soll? Hatten Sie bestimmte Filme als Grundmodelle?
In gewisser Weise. Ich wollte vermeiden, direkt andere Science Fiction Filme anzusehen, weil ich wusste, dass ich mit der Liebe zu diesen Filmen aufgewachsen bin und dass die Einflüsse ohnehin da sein würden. Ich wollte keine Hommage an andere Filme, also habe ich versucht, jede Design-Entscheidung Schritt für Schritt zu treffen und sie den Bedürfnissen der Geschichte anzupassen. Beispielsweise ist die Welt, die wir erschaffen haben, eine sehr dystopische. Es gibt offensichtlich keine Mittelklasse und es ist eine sehr gefährliche Welt, in der du, wenn du nicht deinen Haufen Reichtümer hast, am Boden bist. Das war mir wichtig, weil Joes Charakter an einem sehr eigennützigen Ort zu leben begonnen hat. Er ist ein bisschen so wie Bogart am Beginn von Casablanca. Es war wichtig, dass die Zuschauer aufgrund der Welt um ihn herum sehen, warum er so ist. Er ist nicht einfach eine egoistische Person – es gibt einen Grund, warum er so agiert.
Ein weiterer großer Auftrag, den ich bei jeder Design-Entscheidung hatte, war, das alles quasi auf den Boden zu bringen und es wiedererkennbar zu machen. Ich war der Meinung, dass die Zuschauer bereits genug zu tun hatten, vor allem in der ersten halben Stunde, sich mit der Idee der Zeitreise und all diesen verschiedenen Dingen zu beschäftigen. Ich wollte, dass die Welt eine leicht erkennbare war. Ich wollte nicht, dass man viel Energie hineinstecken muss, zusätzlich zu allem anderen auch noch eine komplizierte Zukunftswelt zu verstehen.
Deshalb fahren alle Kleintransporter und Siebziger-Jahre-Muskelautos?
Ja, genau. Eines der Elemente ist Nostalgie. Es gibt doch den Spruch: Wenn eine Gesellschaft keine Zukunft hat, schaut sie in ihre Vergangenheit. Das hat für mich viel Sinn ergeben. Deshalb tragen die Looper Krawatten und Joe findet einen alten Miata cool.
Es gibt ein paar klare Anspielungen auf andere Filme. Allein die Tatsache, dass Bruce Willis mitspielt, erinnert etwa an „Twelve Monkeys“.
Twelve Monkeys, klar. Als ich es geschrieben habe, habe ich mir natürlich Zeitreise-Filme angesehen. Ich wäre ein Idiot, mir nicht diejenigen anzusehen, die funktioniert haben und mir anzusehen, wie sie es durchgezogen haben.
Und ist es ein Zufall, dass die Frau Sara heißt, was doch auch der Name der Frau ist…
Wissen Sie was, es war Zufall. Und eigentlich habe ich erst in der Produktion realisiert, dass es ja Sarah Connor in The Terminator war. Es war vielleicht eine unbewusste Sache. Wäre ich früher draufgekommen, hätte ich das vielleicht geändert. Ich wollte nicht, dass das ablenkt.
Ich habe mir Ihre drei Filme angesehen und es scheint, als wäre ein gemeinsamer Nenner, dass sie alle einen romantischen Kern haben. Der Held wird alles opfern, um die geliebte Frau zu retten oder ihren Tod zu rächen. Ist das eine angemessene Analyse?
Der Gedanke gefällt mir. Es kommt auf die Bedürfnisse jeder individuellen Geschichte an, aber ich bin besonders optimistisch und romantisch. Ich mag Geschichten, die am Ende eine bittersüße Enthüllung haben. Eine Erlösung. Es stimmt auf jeden Fall bei The Brothers Bloom, und ich finde auch bei Looper. Besonders wegen all der dunklen Orte, an denen der Film spielt, war es mir wichtig, dass es am Ende einen Ort der Hoffnung gibt. Und es gibt diese romantische Seite an Bruces Charakter, der diese Dinge vordergründig für seine Frau tut, doch hoffentlich sieht man, dass er mit dieser romantischen Motivation nur seine Eigennützigkeit verschleiert, er in Wahrheit genauso eigennützig wie als junger Joe am Beginn des Films ist. Er wendet Gewalt an, um das zu beschützen, was er sein eigen glaubt. Würde seine Frau wollen, dass er diese schrecklichen Dinge tut? Wahrscheinlich nicht. Ich hoffe, dass die Romantik hier bis zu einem gewissen Grad von einem ehrlichen Auge heruntergekürzt wird.
Die Gewalt-Tirade von der Bruce Willis Version des Joe fand ich sehr erheiternd.
Ja. Es ist interessant, ein Publikum auf diesen Teil reagieren zu sehen. Ein Teil davon ist, dass man sich bis zu diesem Punkt in einem moralischen Konflikt befindet. Aber ein Grund, warum er mit dem Amoklauf weitermacht, ist, dass es endlich Typen gibt, über die er sagen kann „Oh, das sind böse Typen, die kann ich umbringen.“ Ich denke das Publikum fühlt diesen Drang in ihm. Ich hoffe, dass man das bei weiterer Reflektion betrachten und sagen kann, dass es nicht unbedingt ein „Yay! Go-get-’em“- Moment ist.
Wir erfahren diese Befriedigung und dann realisiert man in einem grausamen Moment, dass er genau das Falsche macht.
Ja. Man fühlt diese Erheiterung, während man sich zur selben Zeit fragt, ob man mit ihm mitziehen sollte.
Nun, was hält die Zukunft für Sie selbst bereit?
Ich würde gerne voraus springen und es sehen.
Haben Sie ein Projekt, an dem Sie arbeiten?
Nein, momentan sitze ich nur und schreibe. Ich versuche herauszufinden, was das nächste ist. Ich wünsche mir wirklich, dass ich eine Zeitmaschine habe, damit ich ein Jahr vorschalten kann und ein fertiges Drehbuch habe, aber momentan beginne ich erst, hineinzuwühlen und es herauszufinden.
