In Markus Schleinzers drittem Film wagt eine Frau im 17. Jahrhundert den Neuanfang als Mann: Bühne frei für Sandra Hüller, die für ihre Titelrolle in „Rose“ bei der Berlinale zum zweiten Mal in ihrer Karriere als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.
Wer nach Unabhängigkeit strebt, lebt gefährlich. Gerade hat Rose (Sandra Hüller) den Dreißigjährigen Krieg überstanden; nun hofft sie, sich in einem abgelegenen Dorf in der süddeutschen Provinz eine neue Existenz aufzubauen. Ein kleiner Hof, ein bisschen Vieh, eine zweite Chance, mehr verlangt sie nicht. Dass sie dafür lügen, sich als Soldat ausgeben und durch ein altes Kuhhorn zwischen den Beinen pinkeln muss, um ihre wahre Identität nicht zu enthüllen, ist es allemal wert. Die harte Zeit an der Front hat Rose gezeichnet, eine tiefe Narbe verzerrt ihr Gesicht. An einer Kette hängt die Kugel, die ihr auf dem Schlachtfeld durch die Wange geschossen wurde. Immer wieder kaut sie darauf herum, um die Erinnerung heraufzubeschwören. Es ist ein Festhalten wider das Vergessen. Wider das Verdrängen. Aber auch wider die Angst, dass der Schwindel um ihre Person jederzeit auffliegen könnte, in einer Gemeinschaft, die Regelbrüche und Unterschiede nicht verzeiht. Markus Schleinzers dritter Spielfilm kommt zunächst so breitbeinig daher wie ein Western. Raue Landschaften, misstrauische Bauern, festgefahrene patriarchalische Strukturen verstärken den Effekt. Ähnlich wie seine Protagonistin riskiert auch der Regisseur einiges, um das zarte Wesen hinter seinem historischen Frauenporträt nicht zu verraten. Einerseits entzieht er den kargen Bildern förmlich ihre Farbe, andererseits stellt er Rose mit Suzanna (Caro Braun) eine Gattin zur Seite, die es mit ihrem „falschen“ Ehemann durchaus aufnehmen kann.
In der Reibung dieses unfreiwilligen Paares findet Schleinzer Charme, Humor und eine Utopie über alternative Lebensformen, die für den Hauch eines Augenblicks wahr und möglich erscheint. Hüllers beherrschte, kraftvolle Darstellung verleiht dem Film seine Form und Muskulatur; Braun hält mit Temperament und Leidenschaft dagegen. Doch der kollektive Druck, der auf den beiden Frauen lastet, droht sie zu übermannen. Akzeptanz ist in Rose ein prekäres Gut.
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Umso mehr Respekt zollt Schleinzer seinen Figuren. Schon immer, seit er 2011 sein provokantes Regiedebüt Michael drehte, in dem ein Versicherungsmanager einen zehnjährigen Jungen in seinem Keller gefangen hält. 2018 legte der gebürtige Wiener mit Angelo ein ähnlich gewagtes Werk über einen afrikanischen Sklaven vor, der in der höfischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts erst prominent und dann geächtet wird.
Dass auch Rose bald für ihren Mut zur Eigenständigkeit bezahlen muss, scheint kaum verwunderlich. Aber es ist nicht das Bedrückende, das Tragische, das den Film so wirkungsvoll macht. Vielmehr staunt man darüber, mit welcher Kühnheit und Willenskraft diese Frau hier in die Hose steigt, in der, wie sie selbst sagt, mehr Freiheit steckt.
Frau Hüller, Ihre Figur Rose sagt im Film: „Ich stehe jeden Tag vor diesem Wunder, hier zu sein.“ Geht es Ihnen manchmal ähnlich?
Sandra Hüller: Ja, doch, im Moment kann ich den Gedanken gut nachvollziehen.
Rose ist eine Frau, die sich als Mann ausgibt und dementsprechend kleidet. Als Schauspielerin betreiben Sie sozusagen ein doppeltes Rollenspiel.
Wir haben während des Films viel darüber nachgedacht, wie sehr wir uns eigentlich alle täglich verkleiden, so wie wir eben wahrgenommen werden wollen. Das gilt für Männer wie Frauen und alle dazwischen. Das fand ich spannend. Ich habe bisher nie darüber nachgedacht, dass auch Männer performen. Es ist mir erst in der Arbeit und vor allem auch in der Auseinandersetzung danach richtig deutlich geworden, was für Aufwand immer wieder betrieben wird, um so gelesen zu werden, wie man gelesen werden möchte. Dabei geht es nicht ausschließlich um Minderheiten, sondern tatsächlich um die schon lange etablierten Geschlechter. Das war mir nicht klar.
Was hat Sie an Rose am meisten beeindruckt?
Ich mochte, dass sie sich auf eine seltsame Art treu bleibt in dieser Verkleidung, und dass dieser Panzer aus Stoff, den sie trägt, es ihr ermöglicht, weicher zu sein als ohne. Es gelingt ihr irgendwie, sich einen durchsichtigen Anteil zu bewahren. Ich kann es nicht genau beschreiben. Aber sie schafft es, innerlich nicht zu erstarren, während außen alles härter sein muss. Sie ist von Natur aus ein sehr zärtlicher Mensch.
Irgendwann können Rose und Suzanna den Schwindel nicht länger aufrechterhalten, und der Film hinterfragt, ob ein selbstbestimmtes Leben auch jenseits der Utopie möglich ist. Wie denken Sie darüber?
Ich glaube, dass wir Menschen dazu fähig sind, uns gegenseitig zu beschützen und Sicherheit zu geben. Zumindest sehe ich es als meine Aufgabe an, für andere Leute mit einzustehen, die dazu vielleicht nicht in der Lage sind, die angegriffen oder bedroht werden, soweit es mir in meinem Rahmen möglich ist. Und das müsste eigentlich für jeden gelten.
Dennoch ist Freiheit für viele Menschen heute noch immer mit einem großen Risiko verbunden, wie auch im Film.
Wir haben lange über das Ende der Geschichte diskutiert und uns gefragt, warum dieses Narrativ von wegen „Das geht aber leider nicht“ immer wieder reproduziert wird. Und ich bin mir tatsächlich nicht sicher, ob es so sinnvoll ist, dem nachzugeben. Warum denken wir immer, alles muss am Ende kaputt gehen? Ich verstehe das nicht. Am Theater ist es ähnlich. Kaum eine Figur kommt durch. Neulich hat mir ein Zuschauer nach einer Vorstellung ein Stück Stoff geschenkt, auf dem alle Tode bei Shakespeare aufgelistet waren und darüber stand „Everybody dies“.
Sie haben Roses Kostüm, diesen Panzer, bereits angesprochen. Zu Ihrem Kostüm gehörte auch ein Kuhhorn, das Sie dauerhaft zwischen den Beinen getragen haben.
Es hat alles beeinflusst, wie man geht, wie man sitzt, welche Bewegungen man macht. Ich habe es bewusst immer getragen, vielleicht auch aus Angst, dass ich doch mal in eine Situation komme, in der ich improvisieren muss, irgendwo im Stehen hinpinkeln, zum Beispiel. In der Hinsicht gab es mir eine gewisse Sicherheit.
Haben Sie es als Befreiung empfunden, die Maske am Ende des Drehtags wieder abzulegen?
Ich bin immer froh, wenn ich abends mein Kostüm ausziehen kann. Das ist einfach ein schöner Moment.
Streifen Sie damit auch die Rolle ab?
Ja, ich bin in einer ganz anderen Situation, gehe in meine Wohnung, mache mir was zu essen. Es gibt keinen Grund, sich weiter so zu verhalten, wie die Rolle es verlangt. Und doch: Diese Melancholie, die über Rose liegt, ist immer geblieben. Also das Nachdenken darüber, warum es so kompliziert zu sein scheint, miteinander zu leben. Diese inhaltliche Beschäftigung ging in mir weiter, aber ich bin nicht mit dem Horn zwischen den Beinen nach Hause gegangen.
Sie haben 2023 in Frauke Finsterwalders Sisi & Ich gemeinsam mit Markus Schleinzer vor der Kamera gestanden. Inwieweit hat diese Erfahrung Ihre Entscheidung beeinflusst, die Rolle von Rose anzunehmen?
Wir haben uns bei dem Dreh sehr gut verstanden und mein Vertrauen in ihn, in sein Urteil, seinen Blick, ist schon damals erwachsen. Markus ist ein fantastischer Geschichtenerzähler, ein großer Unterhalter. Er hat einen tollen Humor, und das Buch war so gut geschrieben, da stellte sich für mich gar nicht die Frage, ob wir das zusammen machen wollen.
Er hat die Rolle auf Sie zugeschrieben. Sind Sie grundsätzlich erstmal skeptisch, wenn Sie das hören?
Nein, ich lese eigentlich alles erstmal gleichwertig und neutral. Markus Schleinzer hat es mir auch nicht gesagt, dass die Figur von vornherein auf mich zugeschnitten war. Und selbst wenn, habe ich damit nichts zu tun. Es kann sogar sein, dass das, was die Person in mir sieht, überhaupt nicht dem entspricht, was ich jetzt gerade in der Lage bin zu tun oder zu empfinden. Natürlich fühle ich mich geehrt, wenn ich davon erfahre. Ich kann diese Zuneigung oder diesen Respekt annehmen, aber meine Entscheidung treffe ich aufgrund anderer
Kriterien.
Demnächst kann man Sie in Regina Schillings Ingeborg Bachmann Dokumentation erleben. Dieses Ringen um weibliche Selbstbestimmung scheint sich wie eine Art roter Faden durch Ihre gesamte Filmografie zu ziehen.
Ja, wenn Sie das so sagen. Es ist nicht unbedingt so, dass es mir das größte Vergnügen bereitet, diesen Kampf immer wieder zu führen. Aber es scheint nach wie vor nötig zu sein. Und wenn ich es schaffe, Figuren sichtbar zu machen, die diesen Weg einschlagen oder für sich einstehen, dann hoffe ich, dass ich Menschen damit erreiche, die davon vielleicht inspiriert oder ermutigt sind.
Sie wurden in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal als beste Schauspielerin bei der Berlinale geehrt. Den ersten Silbernen Bären erhielten Sie im Jahr 2006 für Ihre Rolle in Hans-Christian Schmids Requiem. Hat sich damit für Sie ein Kreis geschlossen?
Absolut. Ich hätte niemals damit gerechnet, noch einmal auf der Berlinale ausgezeichnet zu werden. Es gab einen kurzen Funken, als ich wusste, der Film wird im Wettbewerb laufen, dass ich dachte, was wäre, wenn das jetzt passiert? Und dann habe ich mich aber nicht getraut, den Gedanken zuzulassen. Am Ende war es eine umso größere Freude, weil ich den Preis automatisch mit meinem jüngeren Ich verbinde, als ich anfing, diesen Weg zu gehen. Dass ich diesen Beruf jetzt immer noch machen darf, ist schon ein Wunder.
Sie sind heute gefragter denn je. Mit dem polnischen Regisseur Pawel Pawlikowski haben Sie gerade einen Film über Thomas Mann gedreht, in dem Sie dessen Tochter Erika spielen. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?
Es war nicht nur Erika, sondern tatsächlich eine Mischung aus vielen verschiedenen Aspekten. Ich kannte Pawels frühere Werke und war neugierig, wie er arbeitet, wie seine Geschichten entstehen. Hanns Zischler, der Thomas Mann spielt, ist ein fantastischer Kollege. Auch August Diehl ist dabei, alles Leute, zu denen ich aufschaue.
Worum genau geht es?
Um den Moment, wo Thomas Mann nach dem Krieg zum ersten Mal aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt, um in Frankfurt den Goethe-Preis entgegenzunehmen. Von dort aus fährt er nach Weimar, was damals für großen Widerstand in Teilen der Öffentlichkeit gesorgt hat, weil er es wagte, beide Zonen zu besuchen. Erika Mann war bei dieser Reise eigentlich nicht dabei, der Teil ist im Drehbuch frei erfunden. Aber ich muss gestehen, diese Hingabe an die Biografie oder das Genie eines anderen Menschen, sei es der eigene Vater oder nicht, habe ich vollkommen unterschätzt. Ich hätte gedacht, dass es mir leichter fallen würde – das Gegenteil war der Fall.
Erika Mann wurde von ihrem Vater als „Tochter-Adjutantin“ bezeichnet. Sie war seine Sekretärin, Biografin, Nachlassverwalterin. Was hat sie wohl dazu bewogen, ihm auf diese Weise zu dienen?
Ich denke, dass jeder Mensch sich in einem Familiengefüge den Platz sucht, der eben frei ist. Viel spannender finde ich, dass Erika sich immer wieder dafür entschieden hat, beim Vater zu bleiben. Ihre Motive, was sie dazu bewog, sind undurchsichtig. Es hängt wohl mit dem Freitod von Klaus Mann zusammen. Danach hat sie sich immer mehr aus dem eigenen künstlerischen Leben zurückgezogen. Aber was ich sehr bewundere, ist, wie offen sie als Mensch war, schamlos geradezu.
Aktuell kann man Sie im Kino neben Rose auch in Project Hail Mary an der Seite von Ryan Gosling sehen. Hand aufs Herz, waren Sie nervös? Oder legt sich die Aufregung?
Leider nicht, nein. Ryan ist ein Kollege, der wirklich gut ist in dem, was er tut, und zwar nicht auf einer rein professionellen Ebene, dass er seinen Part abliefert, sondern er schafft es, sich auf eine Art und Weise mit seinen Figuren zu verbinden, die wirklich selten ist und etwas ganz Besonderes.
Haben Sie einen ähnlichen Eindruck von Tom Cruise, mit dem Sie ebenfalls unlängst für den mexikanischen Regisseur Alejandro González Iñárritu vor der Kamera standen?
Ja, aber es war auch wieder ganz anders. Die beiden sind sehr unterschiedliche Typen von Schauspielern.
Könnten Sie sich mit Hollywood auf Dauer anfreunden?
Das kann ich nicht sagen. Es gab jetzt diese zwei Begegnungen. Ich muss schauen, wie sich das entwickelt. Keiner von uns hat gleich ein Abo aufeinander abgeschlossen. Generell bin ich derzeit auch ungern lange von zu Hause weg, weil ich Familie habe, und das steht eigentlich über allem.
Parallel machen Sie auch wieder spannende Sachen am Theater. Vermissen Sie die Bühne manchmal?
Im Moment bevorzuge ich es, eher im Dunkeln zu sitzen und der Kollegenschaft dabei zu helfen, herauszufinden, wie etwas funktionieren kann. Das heißt, ich führe lieber Regie, als selbst auf der Bühne zu stehen. Aber der Ort an sich bleibt weiterhin wichtig für mich. Die besonderen Abläufe, das ungestörte Arbeiten ohne Kameras. Ja, das alles fehlt mir gerade sehr.
