Tom Hanks Ein Mann namens Otto / A Man Called Otto

Tom Hanks

Einer von den Guten

| Alexandra Seitz |
Anlässlich Marc Forsters „A Man Called Otto“: Ein Streifzug über das weite Feld, das der Schauspieler Tom Hanks bestellt.

Vor ein paar Jahren hat Tom Hanks in Marielle Hellers A Beautiful Day in the Neighborhood (2019) den immer und unter allen Umständen bedingungslos gut gelaunten Fred McFeely Rogers verkörpert – eine Institution des US-amerikanischen Kinderfernsehens, dessen Sendung „Mister Rogers’ Neighborhood“ mit dem Song „Won’t You Be My Neighbor?“ begann, einer freundlichen Aufforderung zur Geselligkeit. In Marc Forsters A Man Called Otto lässt Hanks nun sozusagen die Gegenfigur folgen: Otto ist der Albtraum einer jeden Nachbarschaft, ein griesgrämiger Blockwart, der Falschparker denunziert, auf Ordnung und Sauberkeit pocht, keinerlei Humor hat und Empathie noch nicht mal vom Hörensagen kennt. Jedenfalls sieht es zunächst danach aus. Doch dann zieht Marisol mit ihrer Familie lautstark ins Haus gegenüber, und vorbei ist es mit der Ruhe, die der Menschenfeind in der Zurückweisung der Welt zu finden vermeint.

Forster adaptiert hier den 2012 erschienenen schwedischen Bestsellerroman „En man som heter Ove“ von Fredrik Backman, der 2015 bereits unter gleichem Titel (Ein Mann namens Ove) von Hannes Holm mit Rolf Lassgård in der Titelrolle verfilmt worden ist. Und Hanks – immer eine sichere Bank, wenn es darum geht, größtmögliche unspektakuläre Normalität mit größtmöglicher charakterlicher Komplexität zu verbinden, ohne dass das störend auffällt – ist als Otto ideal besetzt. Freilich kann auch er nichts daran ändern, dass das Ausgangsmaterial weniger zur Welt- als vielmehr zur Unterhaltungsliteratur zu zählen ist. Doch obzwar sich der melodramatische Kern der Geschichte als Andockstelle für hollywoodtypische Rührseligkeiten aller Art durchaus eignen würde, bleiben die Beteiligten stur wie Otto dem Boden verhaftet und beharren auf der Relevanz des Themas: Auf gute Nachbarschaft – und die Freundschaft, die aus ihr erwachsen kann!

Alltagshelden

„I don’t cause riots, but I do cause confusion. People freeze when they spot me.“ (Ich löse keinen Aufruhr aus, aber ich verursache Verwirrung. Menschen erstarren, wenn sie mich erkennen.) Hat Hanks einmal gesagt.

Das beschreibt recht gut den Status, den dieser Schauspieler hat, der natürlich zugleich auch ein Star ist, also einer von Hollywoods unbestrittenen und vielgeliebten Oberliga-Starschauspielern. Aber im Gegensatz zu, sagen wir Brad Pitt, der das auch ist, fällt es etwas schwerer, sich beim Erscheinen von Tom Hanks eine hysterisch kreischende Fanmenge vorzustellen oder eine durcheinander schnatternde Journalistenmeute oder einen übereinander stürzenden Haufen Paparazzi. Irgendwie, so möchte man meinen, würde es in Gegenwart Hanks’ disziplinierter zugehen, würdevoller, distinguiert.

Seine frühen Rollen und das unverhohlene Vergnügen, das er beispielsweise in Big (Penny Marshall, 1988) und The ’Burbs (Joe Dante, 1989) ganz offenkundig an Slapstick und Grimassenschneiderei hat, dürften einem dabei allerdings nicht einfallen. Zu Beginn seiner Karriere hätte aus Hanks auch ein großer Komiker werden können; sein Timing ist makellos, der Körpereinsatz ohne Netz und doppelten Boden und solidarisch stellt er sich noch hinter den albernsten Unfug. Je absurder der Witz, desto besser. Reste dieser Liebe zum entfesselten Geblödel finden sich auch noch in Hanks’ beiden Regiearbeiten That Thing You Do! (1996) und Larry Crowne (2011) und fungieren dort als Salz in der Suppe. Den dramatischen Schauspieler, der in ihm steckt, den kann man allerdings damals schon erkennen (achten Sie auf das Spiel seiner Augen). Und während sich der geborene Komödiant in ihm immer mal wieder einen gewaltigen Chargen-Auftritt wie zuletzt jenen in Baz Luhrmanns Elvis (2022) gönnt – wo er, weil er nicht anders kann, dem vielversprechenden Jungspund an seiner Seite, Austin Butler, der in der Titelrolle alles gibt, beinahe die Show stiehlt –, perfektioniert der Charakterdarsteller über die Jahrzehnte die hohe Kunst der Darstellung von Alltagshelden.

Hanks-Figuren sind meist ganz normale Männer, die in ungewöhnliche Umstände geraten, die sie über sich hinauswachsen lassen. Hanks-Männer bewähren sich, weil sie an etwas glauben; sie haben Werte, sie verfügen über einen moralischen Kompass, in ihnen leben Mitgefühl und das Vertrauen in das Gute im Menschen. Zugleich haben sie Angst, wie wir alle, und zweifeln, wie wir alle. Woraus folgt, dass jeder ein Held sein kann. Und das macht uns Tom Hanks auch so sympathisch – und seine Schauspielerei so sehenswert. Es gelingt ihm, die genretypischen Darstellungskonventionen des Mainstream-Kinos aufzubrechen und zu erweitern und eine rare Anmutung von Authentizität in sie zu injizieren. Wir glauben ihm seine Figur und wir glauben in (und mit) ihr an den Wert des Humanen.

Es sei hier lediglich ein Beispiel aus der schier überwältigenden Menge Hanks’scher Präzisions-Männerporträts herausgehoben, ein einziger auf den Punkt gebrachter Mann nur, weil sich in diesem verdichtet, was Hanks wie kein Zweiter beherrscht: Inmitten von Steven Spielbergs fundamental-epischem Kriegsfilm-Klassiker Saving Private Ryan (1998), inmitten dieses teuflischen, unentrinnbaren Gebräus aus Pathos und Gewalt steht Tom Hanks’ Captain John Miller wie ein Fels in der Brandung; ein Englischlehrer an einer Schule in einer Kleinstadt in Pennsylvania, der die Tragweite der Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, unterschätzt hat. Man erkennt das, als es ihn auf Kriegsfilm-eher-untypische Weise zerlegt, nachdem er einen seiner Männer verloren hat. Unbeobachtet von den anderen, geschützt von einem Bunkerbrocken, beginnt Miller zu weinen. Vielmehr, es will ein lautes Klagen aus ihm heraus, Geheul, Wehgeschrei drängt machtvoll an die Oberfläche – darf aber natürlich nicht hörbar werden, weil Mann, und weil Krieg. Den härtesten Kampf seines Lebens ficht Krieger-Lehrer Miller gegen seine eigenen Tränen. Der Captain zählt zu jenen von Hanks so verständnis- wie liebevoll ergründeten Charakteren, die auf lange Sicht funktionieren. Mit der ihn auszeichnenden, von Respekt getragenen Sorgfalt nimmt Hanks sich seiner Figur an und stellt sie vor uns hin als einen, der tatsächlich etwas über den Krieg zu sagen hat und über die Väter, Brüder, Söhne, die ihn fochten: mann kämpft dort nicht nur gegen einen Feind, mann kämpft dort immer auch um die eigene Menschlichkeit. Ohne Hanks wäre Spielberg bereits am Omaha Beach baden gegangen.

Vielseitigkeiten

Geboren wurde Thomas Jeffrey Hanks am 9. Juli 1956 in Concord, Kalifornien, in einfache Verhältnisse hinein, die unübersichtlich wurden, als sich seine Eltern 1960 scheiden ließen und die vier Kinder trennten. Gemeinsam mit zwei seiner Geschwister wuchs Tom beim Vater und in unterschiedlichen Stieffamilien-Konstellationen auf. Er besuchte die High School, beschloss Schauspieler zu werden, begann ein Studium und lernte das Handwerk von der Pike auf, auch indem er sich als Allrounder beim Great Lakes Theater Festival in Cleveland verdingte und drei Jahre lang praktische Erfahrungen in allen Gewerken hinter der Bühne sammelte. Auf der Bühne wiederum trat er als Proteus in Shakespeares „The Two Gentlemen of Verona“ auf, gewann prompt den Kritikerpreis als Bester Schauspieler, schmiss sein Studium und übersiedelte 1979 nach New York. Dort spielte er in Sitcoms und lernte schließlich Ron Howard kennen, der ihm die Hauptrolle in der romantischen Komödie Splash (1984) anvertraute. Und das war’s.

In Hanks’ IMDb-Filmografie – sie umfasst derzeit 93 Schauspiel-Titel – finden sich unstrittige Einträge in die Filmgeschichte wie Forrest Gump (Robert Zemeckis, 1994) und die Toy Story-Saga (Cowboy Woody spricht mit Hanks’ Stimme), Meilensteine des romantischen Liebesfilms wie Sleepless in Seattle (Nora Ephron, 1993), beeindruckende Soli wie Cast Away (Robert Zemeckis, 2000), historisch verbürgte, biografische Porträts wie Captain Phillips (Paul Greengrass, 2013) und Sully (Clint Eastwood, 2016). Es finden sich Bomben wie der im falschen Genre verortete The Bonfire of the Vanities (Brian De Palma, 1990) und der im Uncanny Valley gestrandete The Polar Express (Robert Zemeckis, 2004); es gibt wüst zusammenfabulierte Abenteuergeschichten wie The Da Vinci Code (Ron Howard, 2006), Fantasy-Spektakel wie Cloud Atlas (Tom Tykwer und die Wachowski-Sisters, 2012; Hanks hat hier in gleich sechs Rollen Spaß und trifft zudem auf einen anderen berüchtigten Szenendieb: Hugh Grant; ein Fest!) und herzergreifende Dramen wie Road to Perdition (Sam Mendes, 2002). Es gibt eigentlich alles. Und nun gibt es auch noch einen Mann namens Ove.

Tom Hanks wurde mit so ziemlich jeder bedeutenden Auszeichnung ausgezeichnet, mit der man ausgezeichnet werden kann. In zwei aufeinander folgenden Jahren erhielt er den Oscar für den Besten Schauspieler für seine Rollen in Philadelphia (Jonathan Demme, 1993) und Forrest Gump (1994) – das war vor ihm nur Spencer Tracy gelungen. Er hat mehrere Emmys und Golden Globes im Regal stehen und erhielt bereits 2002 den Life Achievement Award des American Film Institute (AFI). Die Navy hat ihm den Distinguished Public Service Award verliehen, Barack Obama hat ihn mit der Presidential Medal of Freedom ausgestattet und die Queen (Gott hab sie selig!) hat ihn zum Abendessen eingeladen.

Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass man Tom Hanks auch im Supermarkt begegnen könnte. Und dann würde man mit offenem Mund wie angewurzelt stehen bleiben und ehrfürchtig flüstern: Hey, ist das nicht Tom Hanks? Er ist sogar noch größer als auf der Leinwand!