Seit nunmehr bereits 15 Jahren bringt „EU XXL – Die Reihe“ europäische Filme in größere und kleinere Gemeinden in Österreich, dorthin, wo es schon lange keine Kinos mehr gibt. Ein Gespräch mit den Organisatorinnen über den Verlust von Orten der Kommunikation, über regionale Kultur und über zauberhaftes Feedback.
Ein ungeschriebenes Gesetz im Sport heißt: „Never change a winning team“, und so sitzen beim 15-Jahre-Jubiläumsgespräch exakt die gleichen drei Frauen wie vor fünf Jahren beim 10-Jahre-Jubiläumsgespräch – drei Frauen, die umtriebig zu nennen die Untertreibung des Jahres wäre: Katharina Albrecht-Stadler, die Geschäftsführerin von EUXXL, Mercedes Echerer (inzwischen zur Frau Professor gereift), die – gemeinsam mit der späteren langjährigen Diagonale-Intendantin Barbara Pichler – die Idee hatte und die „Reihe“ ins Leben rief, und Banu Mukhey, die die Filme auswählt und das Programm auch organisatorisch betreut.
An der Grundausrichtung der „Reihe“ hat sich nichts geändert, und warum auch? Das Konzept ist bis heute erfolgreich. „Die Idee war und ist“, so Echerer, „Filme auf einfache und unbürokratische Weise zu den Leuten zu bringen.“ Mit „Filmen“ sind – siehe den Namen der Organisation, die dahintersteht – europäische gemeint, und darunter befindet sich wiederum eine erkleckliche Anzahl an österreichischen Filmen. Auch das offizielle Jubiläum am 29. November im Kulturzentrum Waldviertel in Ziersdorf wird mit einem solchen gefeiert, noch dazu mit einem höchst erfolgreichen, nämlich Sabine Derflingers Dokumentarfilm Die Dohnal. Die filmische Hommage an die legendäre sozialdemokratische Politikerin, Feministin und erste Frauenministerin erreichte bis dato mehr als 40.000 Zuschauerinnen und Zuschauer und sorgte für einhellige Begeisterung. Das wird auch im tiefschwarzen Niederösterreich nicht anders sein, wo die „Reihe“ einst ihren Ausgang nahm.
Inzwischen sind längst alle anderen Bundesländer auch dabei, auch wenn der bisher einzige steirische Partner in Mariazell in dieser Saison (die immer von Oktober bis Juni dauert) pausiert. Dabei ist es nicht so, dass es nicht genug Veranstaltungspartner – meist Gemeinden, lokale Initiativen und Kulturvereine – gäbe, auch wenn die Zahl dieses Jahr aufgrund der Corona-Problematik von 43 auf 37 gesunken ist. „Wir hätten die Zahl schon locker verdoppeln können“, sagt Echerer, „Anfragen gibt es genug, aber wir machen nur das, was wir organisatorisch und finanziell bewältigen können. Denn natürlich sind wir abhängig von Förderungen, und die werden eher nicht höher.“ Banu Mukhey konkretisiert: „Außerdem wollen wir uns an unsere eigene Regel halten, die da lautet: Wir spielen in Niederösterreich nicht in Orten, die weniger als 30 Kilometer von einem der Programmkinos entfernt sind – und in den anderen Bundesländern nicht in einem Umkreis von 20 Kilometern. Wir machen diesen engagierten Kinos keine Konkurrenz.“
Alle drei Frauen sind überzeugt davon, dass die Initiative heute wichtiger sei denn je. Echerer: „Der ländliche Raum wird vernachlässigt, nicht nur, was Kultur betrifft. Es gibt immer weniger Orte der Kommunikation, es fehlen die Treffpunkte, wo man einander begegnen kann.“ Wer in Österreich unterwegs ist, muss dem zustimmen. In vielen kleineren Orten gibt es inzwischen kein Gasthaus mehr, keine Post, nicht einmal ein Geschäft. Auch die (überregionalen) Medien sind da wenig Hilfe, und die Menschen sind es auch nicht gewöhnt, im Internet nach Veranstaltungen in ihrer Nähe zu suchen. Echerer: „Das sind alles keine neuen Themen, aber sie sind heute noch virulenter geworden. Dieser Dialog muss dringend wieder aufgebaut werden, wo er nicht vorhanden ist. Wo es ihn – zum Glück – noch gibt, muss er gestärkt werden.“ Der längst erfolgte Kahlschlag bei den Kinos (etwa im südlichen Niederösterreich, wo es früher in jedem Ort ein Kino gab, heute aber weit und breit keines mehr) sei schon gar nicht mehr das Thema, sagt Banu Mukhey, „inzwischen ist die ,Reihe‘ so etwas wie ein Ort der Zusammenkunft, wo die Leute einander treffen können.“ „Am besten funktioniert Mundpropaganda“, sagen Katharina Albrecht-Stadler und Banu Mukhey, „aber dazu muss ein Projekt, egal ob unseres oder ein anderes, neues, erst einmal gelandet sein.“ Albrecht-Stadler sieht aber noch einen anderen Trend: „Ich merke, dass viele meiner Bekannten in Wien wieder aufs Land ziehen, weil sie sich das Leben hier nicht mehr leisten können. Und diese Leute sind zum Glück auch sehr aktiv, die tun etwas, die engagieren sich auch für Kultur.“ Es ist dies ein Phänomen, wie es auch in anderen Großstädten, etwa Berlin, Barcelona, Paris oder New York vor allem seit dem Corona-Ausbruch zu bemerken ist.
Ist die „Reihe“ einmal vor Ort, funktioniert alles sehr gut, da sind sich die drei einig. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Banu Mukhey, „denn natürlich braucht man als Veranstalter auch Personal, jemanden, der sich technisch auskennt, Karten abreißt, usw.“ Um die Schwelle so niedrig wie möglich zu halten, setzt man seit jeher auf das Erfolgsprinzip, das da heißt „Einfachheit“. „Also DVD, Beamer, Leinwand“, so Mukhey, „selbst Blu-rays, die wir anbieten wollten, sind nicht gefragt. Manchmal sind die Leute vor Ort ja Pensionistinnen, die eine kleine Kulturinitiative gründen – da ist es wirklich besser, wenn alles ganz einfach ist. Dass die Filme ihr Publikum finden, das steht für uns im Vordergrund. Wir wollen nicht, dass die Veranstalterinnen und Veranstalter Stress haben.“
Mit den Filmverleihfirmen, so Mukhey, funktioniere die Zusammenarbeit prächtig. In anderen Bereichen sei noch Luft nach oben: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte“, sagt Echerer, „dann dass sich die Politik in den anderen Bundesländern an Niederösterreich ein Beispiel nimmt und ihre Wertschätzung für dieses Projekt ausdrückt. Wenn ihnen die regionale Kultur so wichtig ist, wie sie sagen, dann wäre da Handlungsbedarf. Derzeit sind es nur die Länder Nieder- und Oberösterreich, die die „Reihe“ unterstützen. Es fallen vor Ort Kosten an, so gering sie auch sein mögen, und es passiert ohnehin viel ehrenamtlich, aber alles geht halt nicht.“ Alle neuen Partner werden dringend ersucht, Eintritt oder zumindest freie Spenden zu verlangen, „und seien es nur fünf Euro“. Nur an einem Ort, dem einzigen in Wien, nämlich der Hauptbücherei am Gürtel, sei es möglich und sinnvoll, auf den Eintritt zu verzichten.
Gespräche nach dem Film seien ein weiterer positiver Aspekt der „Reihe“. Ideal ist es natürlich, wenn ein Gast kommt („Heuer haben wir ein bisschen Moretti-Festspiele“, sagt Mercedes Echerer), aber auch da appelliere sie an die Landespolitik, den Veranstaltenden ein wenig unter die Arme zu greifen. Umso schöner, dass es für viele heimische Filmschaffende inzwischen „Ehrensache“ sei, wo immer möglich persönlich anzureisen. Für das Publikum, das von solchen Begegnungen nicht so verwöhnt sei „wie wir im Ballungsraum“, sei das ein besonderes Highlight.
Banu Mukhey sucht aus einer „Unzahl an Filmen“, die sie jährlich sichtet, etwa 30 aus. Die Veranstaltenden selbst entscheiden dann, wie viele und welche Filme sie pro Saison zeigen wollen. EU XXL klärt die Rechte, kauft die DVDs und stellt sie zur Verfügung. „Die Veranstalter können sich aus unserem Angebot Filme auswählen, ganz nach den Gegebenheiten. Sie kennen ihr Publikum am besten. Manche können jeden Freitag spielen, manche nur zweimal im Jahr, andere jeden zweiten Sonntag, ganz, wie es für den Ort und die Leute passt. Manche nehmen lieber ,easy Filme‘, aber auch für einen filmischen Schlag in die Magengrube wie Nora Fingscheidts Sozialdrama Systemsprenger gibt es viel Interesse. Darüber hinaus stellen die Organisatorinnen Material zu den Filmen zur Verfügung, Plakate, Fotos, Texte und ein kleines Heft als zentrales Medium für alle. Darin finden sich die Filmbeschreibungen, Angaben zu Regie und Besetzung und die Termine – mehr braucht man gar nicht. Und natürlich laufen die die Filme in deutscher Fassung: „Filme mit Untertiteln zu zeigen, wäre nicht sehr sinnvoll, das sind die Leute einfach nicht gewohnt.“
Die größte Freude für das „Reihe“-Team ist natürlich die Tatsache, dass die Leute nach den Vorführungen über die Filme zu sprechen beginnen, manchmal zunächst zögernd, dann auch sehr intensiv. Und das ist noch längst nicht alles. Aus Anlass des Jubiläums habe man die Veranstaltenden gebeten, einen kurzen Video-Beitrag zu erstellen. Mercedes Echerer: „Was da an Positivem zurückgekommen ist, kann man sich gar nicht vorstellen: zum Beispiel ein eigens komponierter EU-XXL-Die-Reihe-Swing, gespielt von der gesamten örtlichen Kapelle, oder Menschen, die mit ihren Körpern den Schriftzug ,EU XXL‘ auf der Wiese nachbilden – einfach zauberhaft.“
