Elf Kumpel müsst ihr sein

| Markus Prasse |

Im Osten der Ukraine, im Industriegebiet des Donbass nahe der russischen Grenze, galt lange Zeit das Sprichwort „Wenn der Fußballverein gewinnt, dann wird mehr Kohle gefördert“. Mit dem Fußballverein ist Schachtar Donezk, der 1936 gegründete und seit der Übernahme durch den Milliardär Rinat Achmetow im Jahr 1996 bis zum UEFA-Pokal-Sieger der Saison 2008/09 hochgestählte „Bergarbeiter“-Klub gemeint.

Der Erfolg von Schachtar war stets eng mit der Region, mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, mit der Motivation der Arbeiter verbunden. Heute schwebt der Verein dank finanzkräftigen Zutuns seines Besitzers im siebten Fußballhimmel, die Industrie aber liegt am Boden und kein noch so liquider Oligarch investiert in die maroden Gruben. Dann doch lieber prestigeträchtig in einen hypermodernen 250-Millionen-Euro-Fußballtempel, die Donbass-Arena, neue Heimat von Schachtar und Spielstätte bei der Europameisterschaft 2012.

Die starken Kontraste der Region und die enge Verknüpfung von Politik, Wirtschaft und Fußball fängt der mit dem Max Ophüls Preis 2011 und dem Grimme-Preis 2012 ausgezeichnete Dokumentarfilm The Other Chelsea – Eine Geschichte aus Donezk stilsicher und durchaus unterhaltsam ein. In den drei Jahren seiner Recherche- und Dreharbeiten hat sich der Filmemacher Jakob Preuss in den Wohnzimmern der älteren, liebenswürdigen, sowjetnostalgischen und ebenso verbitterten wie humorvollen Arbeiterschicht bewegt und im krassen Gegensatz dazu einen aufstrebenden populistischen Jungpolitiker und Unternehmer begleitet, der die auf ihn gerichtete Kamera zur Selbstinszenierung nutzt und dabei mehr zeigt, als ihm lieb sein dürfte.

Und dann hatte der Filmemacher das Glück des Tüchtigen: Just während der Drehzeit gelang Schachtar der unerwartete Marsch durch den UEFA-Cup-Wettbewerb. Und so kehrt der Film immer wieder ins Fußballstadion zurück, wo auf engstem Raum und wie in einem Mikrokosmos die Menschen aus allen sozialen Schichten zusammentreffen, um mit Schachtar zu fiebern – die einen aus Liebe, die anderen aus reinem Kalkül. Oben thront der unnahbare Oligarch in seiner VIP-Box, darunter, in seinem Schatten und Sog, zeigt sich mit den anderen Neureichen auch Kolya, der Jungpolitiker, und auf den unteren Rängen sitzen die Sashas, Stepanovichs, Valyas und die anderen Kohlekumpel, das Fuß(ball)volk, für das Schachtar eine Herzensangelegenheit ist und dem so langsam die Arbeit, nicht aber die Lebenslust abhanden kommt. Und das sich trotz Murren und erhöhter Eintrittspreise auch in der neuen Prunkarena einfinden wird, um dem Verein nahe zu sein.

Ein wenig erinnert das ganze Szenario an die Metropolis des Filmklassikers, die der Alleinherrscher Fredersen von seinem neuen Prachtturm aus im Blick hat und regiert, in der sich die neue Elite in paradiesischen Verhältnissen bei Sportveranstaltungen und rauschhaften Festen vergnügt, während die Arbeiter tief unterhalb der Stadt den Gewinn der Reichen erschuften. Der versöhnende Händedruck im ukrainisch-babylonischen Herrscherturm ist wohl der Erfolg des von oben protegierten und von unten geliebten Fußballklubs. Mit dem Herzen – bei Metropolis bekanntlich Mittler zwischen Hirn und Hand – sind in Donezk allerdings nur die Arbeiter dabei.

The Other Chelsea – Eine Geschichte aus Donezk ist in erster Linie ein Gesellschaftsporträt, das sich mitten unter den Menschen bewegt und dadurch mehr über sie und die Verhältnisse in der Ukraine aussagt, als es alle Euro-Halbzeitpausenfüller-Features zusammen wagen und schaffen werden. Wer sehen möchte, wie Fußball die Menschen begleitet und begeistert, aber auch zu Publicity- und Machtzwecken missbraucht werden kann, und wer gleichzeitig einem neugierig-offenen Blick auf eine weitgehend unbekannte Region im Herzen – und durch EM und aktuelle politische Situation im Blickpunkt – Europas nicht abgeneigt ist, wird hier einen Treffer landen. Wer allerdings einen typischen Fußballfilm erwartet, dürfte enttäuscht werden. Dazu ist Jakob Preuss’ vielschichtiger Dokumentarfilm viel näher an Wolfgang Ettlichs Revierfußball-Porträt Im Westen ging die Sonne auf als an den Wunder- und Sommermärchen-Filmen eines Sönke Wortmann.