Empire Me

Filmkritik

Empire Me

| Reinhard Bradatsch |

Nichts ist unmöglich: Paul Poet stellt sechs Formen alternativen Zusammenlebens vor.

Medien und Politik verkaufen Freiheit und Unabhängigkeit gern als das Ideal jedes Bürgers, die Utopie findet jedoch nur allzu oft ihre Grenzen bei der Wahl der Wohnzimmertapete. Ein Gegenentwurf zu staatlichen Regulativen und gesellschaftlichen Zwängen hat sich vor 40 Jahren in einem Stadtteil Kopenhagens manifestiert und trotzt seither jeglichen Umsturzambitionen: Christiania, Langzeit-Hippie-Kommune und mittlerweile Auffangbecken für soziale Randgruppen, ist der prominenteste Versuch, eine Gesellschaftsform dauerhaft als Alternative zu jenem Netz an Vorschriften zu etablieren, in das jeder von uns hineingeboren wird.

Die städtische Sehenswürdigkeit ist eines von sechs Beispielen, das der Filmemacher (und ray-DVD-Rezensent) Paul Poet für seinen Dokumentarfilm Empire Me ausgewählt hat. Gemeinsam ist ihnen: Sie erzählen vom Ich als Staatsform. Freilich, wo Träume und Utopien Wellen schlagen, ist die Kehrseite nicht weit: Revierkämpfe unter den Marihuana-Dealern Christianias entsprechen nur noch wenig dem pazifistischen Weltbild, das die Alteingesessenen gern hochhalten. Die Geister der vermeintlichen Offenheit wird man augenscheinlich nicht so leicht wieder los.

Den Drang nach Abnabelung von Autoritäten transportiert Empire Me auch im Fall zweier Mini-Fürstentümer. In weitschweifigen, kraftvollen Bildern wird Sealand, eine bohrinselgleiche Meeresplattform vorgestellt, die ihren Platz als neoliberales Offshore-Eiland gefunden hat; dagegen ist das auf dem australischen Festland gelegene Territorium Hutt River zu einer Touristenattraktion mit einem Fürsten in Fantasie-uniform und eigenem Passamt mutiert. Doch Poet engt das Vokabel „Utopia“ nicht auf staatliche (Wunsch-)Gebilde ein. Die Tempelanlage von Damanhur etwa ist ein skurriles Beispiel dafür, dass es sich auch Sekten unter dem Deckmäntelchen der Autonomie gemütlich machen. Im Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (kurz ZEGG) nahe Berlin wiederum reden die Bewohner nicht von freier Liebe, sie machen sie.

„Geiler raschelnder Menschenwald“, nennt das der Regisseur aus dem Off. Poets philosophisch überhöhte Kommentare mögen nicht jedermanns Sache sein; seine offene Parteinahme für die Unangepassten und Unbequemen unserer Zeit macht ihn aber zu einem Sympathieträger eines politischen Films. In einer Zeit, in der große Staatengemeinschaften wie die EU globale Krisen nicht lösen können und das Vertrauen ihrer Bevölkerung verloren haben, ist Empire Me jedenfalls ein kurzweiliger Vorschlag für ein anderes Leben.