Filmkritik

Endphase

| Angela Sirch |
Blick auf ein fast vergessenes Verbrechen der letzten Kriegstage

In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945, nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verübte ein SS-Kommando in den niederösterreichischen Gemeinden Hofamt Priel und Persenbeug ein Massaker unvorstellbaren Ausmaßes. Bei der Hinrichtung, die als „Bartholomäusnacht von Persenbeug“ in die Chroniken eingeht, werden 228 ungarische Jüdinnen und Juden, vor allem Frauen, Kinder und alte Männer zu einer Böschung am Rande von Hofamt Priel getrieben und dort erschossen. An der Stelle, wo die Menschen ihren grausamen Tod fanden, erinnerte lange Zeit nichts an die Geschehnisse jener Nacht. Heute findet sich dort ein Gedenkstein, doch in den Köpfen der Menschen und den Geschichtsbüchern sind die Vorkommnisse weitestgehend in Vergessenheit geraten.

Die längst überfällige Erinnerungsarbeit leisten Filmemacher und Fotograf Hans Hochstöger und sein Bruder, der Politikwissenschaftler Tobias Hochstöger, die selbst in der Ortschaft aufgewachsen sind. In sechs Jahren Recherche und Dreharbeit halten sie mit ihrem Film fest, was die Zeit bald nicht mehr möglich machen wird: die Stimmen von Zeitzeugen. Es ist eine Suche nach Antworten und zeichnet ein altbekanntes Bild über die versäumte und verdrängte Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen in Österreich.

Für ihren Film arbeiteten sich die Brüder durch unzählige Akten in Archiven ebenso wie die im Sande verlaufenen Ermittlungen eines gewissen Inspektor Winkler, sprechen mit Augenzeugen aus dem Ort und machen sich auf die Suche nach den Nachkommen der Toten und jenen drei Menschen, die das Massaker schwer verletzt überlebten. Die Ergebnisse ihrer Arbeit zeichnen ein berührendes, aber auch zutiefst erschütterndes Bild. Einheimische, die dem SS-Kommando zuarbeiteten oder bewusst wegsahen und danach aus Selbstschutz und um „des dörflichen Friedens willen“ schwiegen. Ein Mann, der als SS-Mitglied wohl als direkter Täter für den Tod der 228 Menschen verantwortlich war, der nach dem Krieg hochrangige politische Ämter bekleidete und nach dem bis heute ein Platz benannt ist. Aber auch Einheimische, die die Verletzten bei sich aufnahmen und versteckten sowie Überlebende und Nachkommen, in deren Herzen die Auswirkungen jener Nacht auch nach 76 Jahren unvergesslich eingebrannt sind. Die Kamera begleitet all dies mit einer ruhigen Zurückhaltung, die den vielen kraftvollen Momenten des Films die nötige Bühne bietet. Wenn Überlebende mit zitternder Hand und Stimme die Namen der Ermordeten auf einer Gedenktafel berühren und ihre Lebensgeschichten erzählen, fällt das Atmen schwer.