Hubert Saupers lebenspralles Kuba-Porträt
Mit seiner These hält der Film erst gar nicht lange hinter dem Berg: Kuba sei, erfährt man gleich zu Beginn, das (titelgebende) Epizentrum von Sklaverei, Kolonialisierung und Globalisierung der Macht. Das mag man so sehen, doch es spricht letztlich für Hubert Saupers Doku, dass sie ihr Anliegen nicht mehr mit dem etwas kraftmeierischen Nachdruck manch früherer Arbeiten des Regisseurs (Darwin’s Nightmare, We Come As Friends) verficht.
Vor allem die einleitende Passage, die mit einer bis heute nicht ganz geklärten Explosion eines US-Kriegsschiffes im Havanna des Jahres 1898 die Ur-Katastrophe amerikanischer Hegemonie in einen spielerischen Zusammenhang mit Frühformen des Kinos setzt, rücken Epicentro in die Nähe eines vielschichtigen Essayfilms. „Wenn man Geschichten erzählt, erschafft man Realität“, wird später eine der jugendlichen Protagonistinnen des Films formulieren, und diese Doppelbödigkeit bewahrt Saupers Kuba-Bild vor allzu eindimensionaler Verklärung.
Ohnehin sind es mehr die lebensprallen Episoden aus dem heutigen Kuba, und weniger die vereinzelten antiamerikanischen Statements, die den Reiz dieses Films ausmachen. Die große Weltpolitik dringt dabei eher vom Rande her, in Form von Fernsehberichten über Castros Tod und Trumps Schikanen, ins Geschehen ein. Sauper holt stattdessen Kinder, Karikaturisten und Prostituierte vor die Kamera, er tritt auch selber in Erscheinung und bündelt seine Beobachtungen zu Episoden voll Komik und Dramatik. Da erweist sich ein handfester Mutter-Tochter-Streit im Nachhinein als bloß gespielt, da schmuggelt Sauper zwei Kids in den Swimmingpool eines Luxushotels und da wird die Geschichte Kubas in Form einer Stummfilm-Vorführung samt beredtem Film-Erklärer rekapituliert.
Natürlich hält die Kamera auch Bilder fest, die – wohl nicht grundlos – zum fixen Bestand kubanischer Klischees zählen: die bunt lackierten Oldtimer, die malerisch verfallenen Industriebauten, die alles fotografierenden Touristenhorden. Doch immer wieder rauen verblüffende Paradoxien die Idylle auf: Eine Zuckerfabrik hatte just den Erzfeind Coca Cola beliefert, während die Kinder von einem Leben als Filmstars an der Seite von Brad Pitt und Leonardo DiCaprio träumen. Wobei es etliche Protagonistinnen, unter ihnen eine leibhaftige Enkelin Charlie Chaplins, an Charisma mühelos mit der Prominenz aus dem fernen Hollywood aufnehmen können …
Und so mündet die Beschwörung einer progressiven Utopie unversehens in pittoreske Nostalgie: So ungentrifiziert wie hier wird man Kuba nie mehr in den Blick bekommen.
