Alles ist gut

Alles ist gut

Erstarrung

| Jörg Schiffauer |
Die Paradoxie, die sich hinter dem auf den ersten Blick so harmlos klingenden Titel von Eva Trobischs bemerkenswertem Langfilmdebüt Alles ist gut verbirgt, tritt schon bald zutage.

Zunächst scheint Normalität im Leben von Janne (Aenne Schwarz) und ihrem Freund Piet (Andreas Döhler) zu herrschen, als sich die beiden daran machen, ein leer stehendes Haus zu renovieren und so ihre Übersiedlung von München aufs Land schön langsam in die Wege zu leiten. Doch über der vermeintlichen Idylle hängt bereits ein erster Schatten, denn der kleine Buchverlag, den das Paar seit sechs Jahren in mühevoller Arbeit betreibt, muss Insolvenz anmelden – die berufliche Zukunft erscheint ungewiss. Ein Klassentreffen im  Dorfgasthaus erscheint da als willkommene Abwechslung. Und wie der Zufall so spielt, trifft Janne dort Robert (Tilo Nest), einen langjährigen Bekannten, und dessen Schwager Martin (Hans Löw). Als Robert von ihrer misslichen beruflichen Lage erfährt, bietet er ihr spontan einen Job als Lektorin in jenem großen Verlag an, den er leitet. Im Verlauf des Abends trifft Janne erneut auf Martin, der erst am nächsten Tag zu einem Termin weiterreisen muss und deshalb in der Wirtschaft geblieben ist. Es wird spät, Janne bietet Martin eine Übernachtungsmöglichkeit in ihrem Haus an – eine freundliche Geste gegenüber dem Schwager eines guten Bekannten, nicht mehr. Doch wie aus dem Nichts nimmt der Abend eine fatale Wendung. Aus einem kleinen, harmlosen Flirt nach ein paar Gläsern Wodka heraus beginnt Martin Janne immer stärker zu bedrängen, zunächst durch psychologischen Druck, bald jedoch – das deutliche „Nein“ Jannes ignorierend – mittels physischer Gewalt sie zu missbrauchen. Als alles vorbei ist, zeigt Janne eine verblüffende Reaktion. Ganz ruhig, beherrscht und kühl, als ob nichts gewesen wäre, erhebt sie sich, beinahe wie eine Boxerin, die einen Niederschlag betont locker wegsteckt, um ihrem Gegner nur ja keine Schwäche zu zeigen.

Auch später ignoriert Janne den Zwischenfall – das Wort Vergewaltigung fällt nie – konsequent. Ihrem Freund Piet gegenüber, der nicht zu Hause war, verschweigt sie die Sache. Als sie ihre neue Stelle antritt, trifft sie erneut auf Martin, der ebenfalls dort arbeitet. Janne gibt sich völlig ungerührt, was ihn immer mehr irritiert. Mehrfach sucht Martin das Gespräch, doch Janne blockt all diese Versuche kühl und bestimmt ab; alles sei in Ordnung, von ihrer Seite aus bestehe überhaupt kein Gesprächsbedarf. Janne wird diese Weigerung, die Opferrolle konventionellen Zuschnitts auszufüllen, konsequent aufrechterhalten, das Geschehen wird von ihr schlichtweg ausgeblendet und verschwiegen. Doch die Strategie funktioniert nur bedingt. So gut Janne es versteht, nach außen hin Stärke zu zeigen und unbeeindruckt zu erscheinen, das erlittene Unrecht breitet sich innerlich wie schleichendes Gift aus und beginnt Spuren zu hinterlassen. Das Verhältnis zu ihrem Freund bekommt – auch wenn die Gründe dafür scheinbar woanders herrühren – Bruchstellen, nach und nach droht Jannes Leben aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Mit Alles ist gut, der Abschlussarbeit der Regisseurin an der Hochschule für Fernsehen und Film München, gelang Eva Trobisch ein außergewöhnliches Langfilmdebüt, das formal und dramaturgisch der Komplexität des Sujets durchgehend gerecht zu werden versteht. Geschuldet ist das neben dem klugen Skript vor allem der großartigen Leistung der Hauptdarstellerin Aenne Schwarz. Es gibt in Alles ist gut keine einzige Szene ohne Janne, eine Omnipräsenz, die es Schwarz ermöglicht, ihre Figur ebenso intensiv wie nuanciert zu gestalten. Zweifellos ist Janne ein starker Charakter, eine Frau, die in ihrer Selbstbestimmung die typische Opferrolle schlichtweg verweigert. Die konsequente Ablehnung der Aussprache mit dem Täter ist nur ein logischer Teil, zumal die Versuche Martins in diese Richtung weniger wie echte Reue wirken als vielmehr wie der Wunsch, im Sinn eines Formalakts exkulpiert zu werden. Wiederum also eine Konvention, die Janne nicht bereit ist zu erfüllen. Doch diese Verweigerungen, die oftmals mit betonter Lässigkeit vorgetragen werden, kosten Kraft, und Eva Trobischs Inszenierung im Zusammenspiel mit der darstellerischen Tour de Force von Aenne Schwarz machen spürbar, dass diese Haltung Janne nach und nach an die Grenzen der Belastbarkeit bringt. Das Verschweigen des erlittenen Unrechts als Teil dieser Strategie, die daraus folgende  Notwendigkeit, ganz allein damit fertig werden zu müssen – und vor allem zu wollen ­– verstärkt den Druck und lässt die Protagonistin inmitten des bürgerlichen, intellektuellen Milieus, in dem sich alle stets betont „sophisticated“ und souverän geben, zusehends sehr einsam zurück.

Es erscheint allzu leicht, Alles ist gut als einen Beitrag zum „Me Too“-Komplex einzuordnen. Doch Eva Trobischs Film, an dessen Entwicklung sie bereits lange vor dem Aufflammen des Themas gearbeitet hat, geht über eine solche Kategorisierung hinaus, verhandelt er doch höchst intelligent und allgemeingültig Machtverhältnisse, Missbrauch von Macht und vor allem, welche verhängnisvollen Auswirkungen ein solcher Missbrauch hat. Alle Stärke, die Janne aufbietet, um besagten Vorfall nicht ihr weiteres Leben bestimmen zu lassen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, ein Opfer von Machtmissbrauch geworden zu sein, was ein Gefühl von Ohnmacht hinterlässt, das sich wie eine Eisdecke langsam ausbreitet und alles erstarren lässt. Auch Janne kann sich dem ungeachtet aller Toughness nicht entziehen. Eva Trobisch findet in der Schluss-Sequenz ein ebenso treffendes wie griffiges Bild für diese Erstarrung.

Unzuständigerweise noch eine kleine Anmerkung am Rande: Gerüchteweise wurde mancherorts kolportiert, dass die großartige Aenne Schwarz, seit 2013 Ensemblemitglied des Burgtheaters, unter der neuen Direktion von Martin Kušej diesem nicht mehr angehören könne. Dabei kann es sich hoffentlich wirklich nur um ein Gerücht handeln, Aenne Schwarz’ Abgang wäre für die Kulturszene Wiens ein nicht zu ersetzender Verlust – eine solche Schauspielerin ziehen zu lassen, erscheint strategisch ungefähr so geschickt wie General Custers Manöver am Little Big Horn.