In Linz findet Ende April wieder das Filmfestival Crossing Europe statt. Ein Ausblick auf erste Highlights.
Wenn es Frühling wird, hält die Filmkunst Einzug in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz: Das Arthouse-Festival Crossing Europe findet von 28. April bis 3. Mai zum bereits 23. Mal statt. Rund 140 Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Experimentalfilme aus ganz Europa können sich Cineastinnen und Cineasten an mehreren Spielstätten zu Gemüte führen; wie gewohnt gibt es in der beliebten Schiene Local Artists auch Werke mit Oberösterreichbezug zu sehen. Inhaltlich ist man sich über die Jahre treu geblieben: Im Zentrum steht europäische Filmkunst, die keine Angst vor unangenehmen Themen hat und sich zeitgenössischen sozialpolitischen Themen widmet. Seit 2022 wird das Festival von Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler geleitet; nach den schwierigen COVID-Jahren und Unkenrufen, wonach Streaming das Kinoerlebnis bald zu Grabe tragen würde, kann das Duo durchaus positive Nachrichten verkünden. So war man mit der Festivalausgabe 2025 nach Eigenangabe sehr zufrieden – 14.500 Besucherinnen und Besucher bedeuteten sogar eine höhere Auslastung als 2024.
„Gerade für Filme zu ,komplexen‘ Themen gab viel Zuspruch“, so das Leitungs-Duo. „Als Beispiel dafür gilt einer der letztjährigen Eröffnungsfilme, der den Ukraine-Krieg zum Thema hatte: My Dear Théo von Alisa Kovalenko. Hier mussten wir sogar eine Zusatzvorstellung anbieten, um der Nachfrage gerecht werden zu können.“ Insgesamt habe man „wieder stark gespürt, dass es bei Filmfestivals eben nicht nur darum geht, neue Filme zu entdecken, sondern um das Gefühl, Teil von etwas zu sein, um die Spannung im Kinosaal und den sicheren Raum für Austausch danach. In diesem Rahmen fällt es auch leichter, sich auf herausfordernde Themen einzulassen und genau hinzusehen.“
Das Publikum von morgen
In letzter Zeit gab es vermehrt Medienberichte, wonach besonders junge Menschen die Lichtspielhäuser wieder für sich entdecken. Auch Gebetsroither/Riedler sind der Ansicht, dass Kino wieder ein Stück hipper geworden ist: „Wir sehen das bei live vor Ort im Zusammenhang mit unserer YAAAS!-Jugendschiene, das Interesse seitens der Jugendlichen, Teil davon zu sein, ist ungebrochen. Fünf verschiedene Streaming-Dienste abonniert zu haben ist für junge Menschen schon lange nicht mehr die Ausnahme – in dieser Zeit von Überangebot und resultierender Überforderung laden Kino und speziell Filmfestivals dazu ein, der kuratorischen Handschrift des Programmteams zu vertrauen, und sich ins Festivalgeschehen fallen zu lassen. Wenn man bei einem Festival mehrere verschiedene Filme sieht, beginnen irgendwann diese miteinander zu kommunizieren – genauso wie im Idealfall das Publikum vor und nach der Vorstellung.“
Und so ist es kein Zufall, dass Crossing Europe so einiges für das Kinopublikum von morgen zu bieten hat: „Unsere Young Programmers überraschen uns jedes Jahr aufs Neue mit ihrem Einsatz und ihrer filmischen Neugier. Sie haben wieder ein abwechslungsreiches Spielfilmprogramm ausgewählt, das sie beim Festival selbst moderieren und mit Filmgesprächen begleiten werden. Zusätzlich bietet ein professionell angeleitetes Gruppen-Videoprojekt Jugendlichen die Möglichkeit, spielerisch in das Filmemachen hineinzuschnuppern (die dort entstandenen Kurzfilme laufen dann auch auf großer Leinwand am letzten Festivaltag). Zwei Workshops in Kooperation mit dem Filmmuseum Wien werden bereits zum zweiten Mal angeboten.“ 2025 veranstaltete man zudem erstmalig ein Screening, das sich speziell an Kinder richtete – ein Erfolg, der fortgesetzt wird. Eine Neuheit ist der Club YAAAS!: Dieses Community Building-Projekt lädt Jugendliche und junge Erwachsene ein, in entspannter Atmosphäre das Festival kennenzulernen, live im Kino zu sein und sich auszutauschen.
Kommen wir zu den etwas älteren Semestern – und zu Specials: In der Local-Artists-Programmschiene ist PRINZpod ein Spezialprogramm gewidmet. Brigitte Prinzgau und Wolfgang Podgorschek leben seit über 40 Jahren zusammen und arbeiten genreübergreifend in bildender Kunst, Film, Design, Architektur und Intervention. Ebba Sinzingers Dokumentarfilm Die Kunstkomplizen begleitet die beiden eineinhalb Jahre lang und ihr porträtiert ihr Schaffen, das von sozialem Engagement, Solidarität, und einer jahrzehntelang ununterbrochenen kreativen Leidenschaft lebt. Das Duo wird beim Festival zu Gast sein und Kurzfilme präsentieren, zudem gibt es eine Zusammenarbeit mit der Galerie MAERZ, die PRINZpod ab Mitte April mit einer Ausstellung würdigt.
Was gibt es noch bei den „Local Artists“ 2026? Etwa Bernhard Sallmanns Dokumentation Das Kino, eine intensive Auseinandereinsetzung mit dem verheißungsvollen Raum der großen Leinwand: Elf Menschen, darunter Alexander Horwath (ehemaliger Direktor des Österreichischen Filmmuseums und Regisseur), erzählen von ihrer persönlichen Beziehung zum Kino. Während der Essayfilm Herzblutwiese Stadtwerkstatt von Claudia Dworschak und Tanja Brandmayr die Geschichte des Linzer Veranstaltungszentrum Stadtwerkstatt aus der Perspektive der Gleichberechtigung erzählt, widmet sich der Dokumentarfilm Die noch unbekannten Tage von Jola Wieczorek der Familiengeschichte der Filmemacherin: In den 1980er-Jahren ist sie als Kind mit ihren Eltern und dem Bruder aus Polen nach Oberösterreich geflohen. Anhand von Briefen der Eltern sowie Reisen an Orte der Jugend entsteht ein Werk voller persönlicher Erinnerungen. Ebenfalls dokumentarisch: Baba, Ne Yapmayı Düs¸ünüyorsun? (Baba, What’s Your Plan, R: Tolga Karaaslan), die intime Annäherung eines Sohnes an das Leben seines Vaters und zugleich das Porträt einer migrantischen Biografie. Für den Festivaltrailer 2026 zeichnet das Duo Amanda Burzic´ und Dominik Galleya verantwortlich. Burzic´ bewegt sich zwischen bildender Kunst und experimentellem Film, Galleya schafft Arbeiten in narrativen und popkulturellen Bildwelten.
Soziale Brennpunkte und Poppiges
In der Programmschiene „Architektur und Gesellschaft“ dreht sich 2026 alles um das Thema Strukturwandel. Mia Hemmerling und Gerald Wöss haben fünf dokumentarische Arbeiten kuratiert, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Verdrängung, sozialen Kämpfen und demografischen Umbruch befassen. Dazu gehört beispielsweise der Film The Great Together (FR/IT/BA 2025, R: Rocio Calzado & Jasper Meurer), der den europäischen Umgang mit seinem modernistischen Wohnungsbauerbe thematisiert – und zwischen Utopie und Marktdruck der Frage nachgeht, ob es Alternativen jenseits von Abriss gibt.
Der Dokumentarfilm The Sinking Fringe (NL 2025, R: Mirte Jepma) wiederum porträtiert das Amsterdamer Viertel Baaibuurt-West, das einem Stadterneuerungsprojekt weichen soll – Interviews und Archivmaterial erzählen von Ungewissheit, aber auch Hoffnung hinsichtlich der Umgestaltung.
In der thematisch durchaus verwandten Schiene „Arbeitswelten“ läuft unter anderem der Spielfilm Ich verstehe Ihren Unmut (DE 2026 Kilian, R: Armando Friedrich), der bereits im Panorama der Berlinale zu sehen war und sich den Zuständen im Niedriglohnsektor widmet. Im Zentrum steht Heike, die Objektleiterin in einer Reinigungsfirma, die versucht, einen nicht offiziell angemeldeten Arbeiter eines Subunternehmers abzuwerben und damit gegen die Vorschriften verstößt. Der Subunternehmer droht, die Zusammenarbeit einzustellen, wenn Heike ihm nicht mehr Arbeitsstunden und Einnahmen zusichert. Um diesen Forderungen nachzukommen, müsste sie einen ihrer eigenen Mitarbeiter entlassen – Heike gerät in einen Gewissenskonflikt.
Wie sehen die Festival-Direktorinnen, die für die Programmauswahl eine Unzahl von Filmen sichtet, das europäische Gegenwartskino? „Als wiederkehrendes Thema zeichnet sich seit einiger Zeit die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und Familiengeschichten ab, auch und vor allem abseits vermeintlich normativer Konstellationen. Thema ist und bleibt auch der Krieg in der Ukraine, der sich ebenso im europäischen Gegenwartskino wiederfindet, wie die Aufarbeitung kriegerischer Konflikte der jüngeren Vergangenheit.“ Auch Themen wie strukturelle Ungleichheit oder psychische Gesundheit würden verstärkt thematisiert. Die junge Generation dagegen schaue sehr gerne zurück in die 1990er- und frühen 2000er-Jahre – ob dafür die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ verantwortlich ist oder ob es sich um die Lust an knallbunter Ausstattung handelt, könne man nur schwer festmachen. Dazu passt jedenfalls, dass der jährliche „Tribute“ 2026 in anderer Form stattfindet: Dieser ist diesmal weder einer Einzelperson noch einem Duo gewidmet, sondern wird als historisches Special zu einer poppigen Epoche gestaltet. Noch will man nichts spoilern, doch Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler versprechen „einen cinephilen Leckerbissen“.
Ebenfalls bei der Berlinale zu sehen war The Hidden Face of the Earth (FR 2026, R: Arnaud Alain), der in Linz in der Schiene „Competition Documentary“ läuft: Der Fotograf Dimitri weiß, dass er eines Tages erblinden wird. Weil er nicht mehr so wie früher fotografieren kann, verbringt er Tag und Nacht hinter der Kamera. Der Film begleitet ihn nach Paris, New York und in andere Städte. Ein Film, der ein persönliches Schicksal mit einer Reflexion über Träume und die Macht der Bilder verbindet.
In der Programmschiene „Competition Fiction“ ist etwa das preisgekrönte Werk No Ghosts on Good Street (PL 2025, R: Emi Buchwald) zu sehen: Im Zentrum stehen vier Geschwister, deren Verhältnis in allen Facetten gezeigt wird – von aufrichtiger Liebe und Rücksichtnahme bis hin zu geistiger Erschöpfung wegen allzu großer Nähe. Aus der Schiene European Panorama sei das Drama Father (SK/CZ/PL 2025, R: Tereza Nvotová) herausgegriffen, in dem das „Forgotten Baby Syndrome“ behandelt wird: Michal ist hingebungsvoller Vater, dessen Leben durch einen fatalen Fehler zerstört wird: Er vergisst sein Kind an einem heißen Tag im Auto. Der Film, der im Herbst in Venedig Premiere feierte, beleuchtet Schuld, Einsamkeit, das Scheitern von Michals Ehe und den Gerichtsprozess.
Nicht wegzudenken
So ernsthaft sich das Filmprogramm mitunter gestaltet – auf Partystimmung muss auch heuer wieder nicht verzichtet werden: Das etablierte Nightline-Programm am OK Deck lädt an drei Abenden zum Feiern ein, außerdem gibt es erstmalig eine Kooperation mit dem Posthof, der die Nightline am Festival-Donnerstag bis in die frühen Morgenstunden fortsetzt. Zum zweiten Mal findet dieses Jahr der „Industry Afternoon“ statt, der sich neben Branchenvertretern auch an Filminteressierte und Talents richtet, die einen tiefgehenden Einblick in die aktuellen Arbeitsrealitäten europäischer Filmschaffender werfen wollen.
Doch wie geht es dem Festival finanziell in einer Zeit, in der Wirtschaftskrise und Rezession sind in aller Munde sind? Dazu Gebetsroither/Riedler: „Abgesehen von der Tatsache, dass der Organisationsaufwand und die damit verbundenen Kosten in einigen Bereichen unvermeidbar Jahr für Jahr höher werden und somit schwieriger zu stemmen sind, haben uns auch dieses Jahr schon erste Kürzungen erreicht. Die diesjährige Ausgabe wird noch in der geplanten Größe stattfinden können, in die Zukunft blicken wir aber durchaus mit Sorge. Wir sind der Überzeugung, dass Crossing Europe natürlich nicht aus Österreich, Oberösterreich und Linz wegzudenken ist. Um die Größe halten zu können wird es aber ein eindeutiges Commitment der Fördergeber brauchen.“ Man drückt die Daumen.
Und worauf freuen sich die Festivalleiterinnen heuer besonders? „Auf volle Kinos, motivierte Gäste, spannende Filmgespräche und entspannte Festivalvibes in ganz Linz. Künstlerische Ambition und gesellschaftspolitische Relevanz werden im Festivalprogramm genauso Platz haben wie guilty pleasures. Es soll ja schließlich auch Spaß machen. Wenn das Publikum sich willkommen fühlt und sich aufs Festival einlässt, sind wir happy!“
