Everybody Wants Some!!

Männer unter sich

| Pamela Jahn |
Bier, Busen und Baseball: Richard Linklater gelingt in „Everybody Wants Some!!“ der Balanceakt zwischen schamloser College-Komödie und schwärmerischer Bestandsaufnahme über das Mannwerden

Eigentlich gibt es nur zwei goldene Regeln, denen sich die College-Kumpane in Richard Linklaters neuestem Geniestreich unterwerfen müssen. Regel Nummer eins: Kein Alkohol im Haus. Regel Nummer zwei: Keine Mädels in den Schlafzimmern. So lautet die klare Ansage des Trainers beim ersten obligatorischen Teammeeting der offiziellen Uni-Baseball-Mannschaft, die es zu einer der besten des Landes gebracht hat. Während die Frischlinge der Mahnung noch aufmerksam folgen, wissen die Eingesessenen unter den Studenten es längst besser, und erwartungsgemäß dauert es nicht lange, bis beide Vorschriften gebrochen sind – konsequent und mit Stil.

Richard Linklaters feuchtfröhliche Komödie Everybody Wants Some!!, lässt sich auf den ersten Blick als eine Art geistiges Sequel zu seinem früheren, in den siebziger Jahren spielenden High-School-Spektakel Dazed and Confused (1993) verstehen und damit liegt man erst einmal nicht falsch. Dennoch steckt, wie in allen Filmen des äußerst sympathischen Texaners mit Drang zur Beharrlichkeit, auch in seinem jüngsten Werk erneut eine innere Intensität und Vielschichtigkeit, die sich aus der Dynamik und dem Wechselspiel zwischen den Figuren ergeben, ganz gleich wie banal die Prämisse oder der komplette Handlungsverlauf zunächst erscheinen mögen. Im Fall von Everybody Wants Some!! setzt Linklater folgerichtig in etwa an der Stelle ein, wo wir uns in Boyhood (2014), dem allseits gefeiertem Langzeitprojekt über das Heranwachsen eines sechsjährigen Jungen, von den Figuren verabschiedet haben: Gerade im College seiner Wahl angekommen, machte sich der über die Jahre manngewordene Mason (Ellar Coltrane) behutsam mit der Umgebung vertraut, in der er die nächste, vielleicht wichtigste Zeit seines Lebens verbringen sollte. Für ihn, der sich gegen die seiner Familie nahegelegene Universität von Texas entschieden hatte, bedeutete das, seinen Platz in der Sul Ross State University im Westen des Landes zu finden, und am Ende des Films beobachten wir den schmächtigen Jungen noch dabei, wie er zaghaft den ersten von vielen Hasch-Brownies verspeist, die ihn vermutlich durch sein Studium begleiten werden. Wer weiß. Denn für die indirekte Fortsetzung seines ungewöhnlichen coming-of-age-Dramas drehte Linklater einmal kräftig am Rad der Zeit und entschied sich dafür, die Handlung kurzerhand in die achtziger Jahre zurückzuverlegen. Doch ähnlich naiv wie Mason in Boyhood tastet sich auch der adrette Jake (Blake Jenner), der als neuer Pitcher jenes besagte Baseball-Team der fiktionalen Southeast Texas University bereichern soll, zunächst einmal langsam vor, wenn es darum geht, sein neues Umfeld auszuloten. Allerdings bleiben ihm nach seiner Ankunft auf dem Campus genau drei Tage und 15 Stunden (wie dem Zuschauer durch eine regelmäßig eingeblendete Zeitangabe mitgeteilt wird), um sich in seinem neuen Uni-Leben zurechtzufinden und so lässt er keine Zeit verschwenden, sich unter der Obhut seiner neuen Mitbewohner und Teamkollegen an den diversen Identitäten auszuprobieren, die das Universitätsdasein bietet: Vom urigen Cowboy-Helden über  den geschmeidigen Disco-Dancer, bis hin zum kopfschüttelndem Punk-Rocker oder extrovertierten Theaterschüler, Jakes Selbstfindungsmöglichkeiten sind zumindest in den folgenden zwei Stunden, die der Film dauert, keine Grenzen gesetzt.

Animal House

Damit wäre der Plot dann auch schon grob umrissen, in dem es augenscheinlich und tatsächlich um nicht viel mehr als das ausgelassene, spätpubertäre Treiben einer Gruppe von testosterongeladenen Sportskanonen geht. Nicht umsonst schreiben wir die Achtziger und Jake ist längst überreif für Sex, Partys, Bier und Kiffen. Dazwischen vertreibt man sich die Zeit mit Tischtennisturnieren, Baseball-Training, harmlosen Rangeleien, geselligen Schlammschlachten, mehr Kiffen, noch mehr Bier, Musik hören und jeder Menge Dummgeschwätz – das alles und noch mehr in beliebig wiederkehrender Reihenfolge. Allein Jakes Zimmergenosse Billy (Will Brittain) hat derweil ganz andere Probleme. Seine Freundin daheim hat ihm gerade offenbart, dass sie einen Tag „drüber“ und deshalb eventuell schwanger sei und so macht er sich zunächst brav auf den Heimweg, während der Rest des Teams das Wochenende vor Unibeginn dazu nutzt, sich auf unterstem Niveau miteinander vertraut zu machen. Mit von der Partie sind Dale (J. Quinton Johnson) aka der Vernünftige, McReynolds (Tyler Hoechlin) aka der Eitle, Finnegan (Glen Powell) aka der Philosoph und Jay (Juston Street), ein arroganter Einzelgänger mit breitem Oberlippenbart und einem ungestümen Temperament, dass seinen Teamkollegen schon mal den Abend verderben kann.

Doch bei allen Exzessen und schamlosen Späßen, die Everybody Wants Some!! zu bieten hat, ist der Film zugleich eine recht persönliche Angelegenheit für den ursprünglich aus Houston, Texas, stammenden Regisseur, der im College ebenfalls Baseball gespielt hat und obendrein die eine oder andere Erinnerung mehr teilen dürfte. Zwischen 12 und 20 Jahren, sagt Linklater selbst, hätte ihm der Sport alles bedeutet, bevor es das Handtuch warf, um sich den Künsten zu widmen (darunter auch Theater und Literatur) und langsam aber sicher seine Karriere als Regisseur in die Wege zu leiten. Und vielleicht geht es deshalb diesmal auch noch um einiges mehr, als das etwa in Dazed and Confused der Fall war, nämlich konkret ums Erwachsenwerden im Umstand des Erwachsenseins sowie die Suche nach der eigenen Identität in einem Leben, dass nicht länger von elterlichen Erziehungsmaßnahmen oder den Gesetzen der High-School bestimmt ist. Jake und Co sind im Grunde vogelfrei, das zu tun, was sie für richtig halten, ihre eigenen Grenzen auszuloten und neu zu stecken, um früher oder später zu realisieren, wo das Träumen aufhört und die Realität beginnt.

Und die Realität sah selbst für den heute 55-jährigen Regisseur, den großen Anthropologen im amerikanischen Kino nicht immer rosa aus, denn sämtliche Versuche, einen derart ausgelassenen, narrativ einfältigen Film wie diesen zu finanzieren, scheiterten seit 2002 kontinuierlich. Erst der Erfolg von Boyhood vor zwei Jahren brachte schließlich den nötigen Rückenwind. Aber Linklater, dass weiß man, wenn man seine Filme kennt, ist niemand, der es eilig hat, geschweige denn auf großes Drama setzt. Allein die Tatsache, dass er sich mit einem so geschwätzigen, ausschweifenden und dennoch famosen Film wie Slacker (1991) einen Namen machen konnte, verwundert heute noch einige kritische Nicht-Linklateraner. Alle anderen wissen bei jedem neuen Werk in gewisser Hinsicht, was sie erwartet und sind dennoch immer wieder überrascht von der Originalität und dem Zauber, der seinen Filmen eingeschrieben ist. Auch Everybody Wants Some!! ist in der Hinsicht keine Ausnahme.

Was den Humor anbelangt, steht der Film in bester Tradition mit den großen College-Film-Klassikern, irgendwo zwischen The Freshman (1925) und National Lampoon’s Animal House (1978), in denen nicht weniger Regeln gebrochen, Partys gefeiert, Mädels verführt und Buddies fürs Leben gefunden wurden. Entsprechend verfällt der Ton nicht selten ins extrem Platt-Komische und findet dennoch seinen Weg immer wieder zurück zu den ernsteren Momenten im Leben. Dazu gehört auch die leise angedeutete, langsam aufkeimende Liebesgeschichte zwischen Jake und der Schauspielstudentin Beverly (Zoey Deutch), der damit die einzige wirklich nennenswerte weibliche Nebenrolle im gesamten Ensemble zugeschrieben ist. Schaden tut das den Film jedoch nicht, zumal es Linklater hier wie nirgends darum geht, in irgendeiner Weise zu moralisieren, geschweige denn unnötig zu dramatisieren, von den gelegentlich redundanten Kollisionen männlicher Egos einmal abgesehen. Everybody Wants Some!! (dessen doppelte Ausrufezeichen im Titel übrigens auf einen Van Halen Song aus dem Jahre 1980 zurückzuführen sind) ist so politisch unkorrekt, wie es auf jedem Schulhof zugeht, und auch wenn Themen wie Rasse und Klasse bisweilen vom Drehbuch gestreift werden, bleibt Linklaters Motivation in erster Linie die Charakterisierung seiner Figuren nach ihrem jeweiligen Geschmack, Temperament und Habitus. Das mag die einen stören, die anderen bestens unterhalten. Doch wenn es am Ende tatsächlich zur ersten Unterrichtsstunde läutet, weiß jeder, dass das Lernen für alle Beteiligten längst begonnen hat.