Filmkritik

Ewige Jugend / Youth

| Alexandra Seitz |
Luxusprobleme im Kurhotel, die uns angehen, weil sie uns einholen.

Zwei alte Knacker auf dem Zauberberg reminiszieren über die guten alten Zeiten und trauern der verlorenen Jugend nach. Das ist natürlich zu simpel – und dabei doch der Kern.

Fred Ballinger ist ein Komponist/Dirigent, der sich derart tief im Ruhestand befindet, dass er sogar die Bitte der Queen um eine Wiederaufführung seines Hauptwerkes, des Liederzyklus‘ „Simple Songs“, abschlägig bescheidet. Ballingers guter alter Freund Mick Boyle ist ein Regisseur, der sich über den Stand seiner Karriere ein wenig hinwegtäuscht, indem er sich mit Nachwuchskräften umgibt und an einem bilanzierenden Projekt mit dem Titel „Life’s Last Day“ arbeitet – bis ihm die anvisierte Starbesetzung – fulminanter Auftritt: Jane Fonda! – eine Absage erteilt und reinen Wein einschenkt. Was Boyle nicht besonders gut verkraftet.

Fred und Mick also verbringen zum ungezählten Male ein paar gemeinsame Wochen in einem Schweizer Kurhotel in den Bergen und tauschen sich aus über den Stand der Dinge. Sie ringen mit dem Stillstand, der ein endgültiger zu werden droht, sie sehnen sich nach vergangener Erfüllung im tätigen Leben, sie spielen die zynischen Spiele älterer Herren, die nichts mehr überraschen kann (und die doch wissen, dass das nicht stimmt), und sie beobachten genussvoll die nackte Susanna im Bade.

Als Fred Ballinger und Mick Boyle zeigen sich Michael Caine und Harvey Keitel nicht bloß in schauspielerischer Hochform, sie agieren mit Respekt gebietender persönlicher Aufrichtigkeit. Erwartbar grundieren sie ihre Charaktere mit einer leise amüsierten und sanft ermüdeten Melancholie über das, was vorüber ist. Und dann machen sie sichtbar, wie dem Alter angesichts der sprichwörtlichen Unbeschwertheit der Jugend die eigene Noch-Lebendigkeit schmerzvoll bewusst wird. Das ist bitter und ehrlich und auch deswegen ist Paolo Sorrentinos Youth ein so sehenswerter Film.

Dass Sorrentino sich als Erbe Fellinis versteht, hat er mit La grande bellezza (2013) deutlich gemacht, der des Meisters La dolce vita (1960) zum Ausgangspunkt für Thema und Variationen nahm. Das Assoziationsgeflecht von Youth nun wurzelt in Otto e mezzo (1963), und erneut macht der Jüngere dem Älteren keine Schande. Im Gegenteil, Sorrentinos selbstbewusste Aneignung zweier Meilensteine der italienischen Filmgeschichte zeugt nicht nur von seiner eigenen Könnerschaft, sie bestätigt auch die Gültigkeit von Fellinis Werk. Und sie ist ein schönes Zeichen der Weitergabe von kulturellem Wissen.