Frederick Wisemans beeindruckende Forschungsarbeit in der New York Public Library
Dass sich dieser Tage vor allem jene Institutionen einer permanenten Prüfung unterzogen sehen, die sich auf die Vermittlung von Wissen verstehen, ist nicht nur dem Zeitgeist geschuldet. Wenn vor dem Wissen heute niemand mehr ehrfürchtig erstarrt, weil es in Sekundenschnelle auf einem kleinen Display abrufbar ist, dann mag das nachvollziehbar sein. Allerdings um den Preis, dass Wissen mit schlichter Information verwechselt wird.
„Ich drehe Filme über das, was mich interessiert und meinem sehr weit verstandenen Begriff einer Institution entspricht.“ Das kann natürlich nur als spitzbübisches Understatement jenes mittlerweile 88-jährigen Dokumentarfilmers durchgehen, dessen Name wie kein zweiter mit präzisen Untersuchungen klassischer Institutionen verbunden ist. Doch der umtriebige Autodidakt Frederick Wiseman, der sich in seinem Alterswerk verstärkt auf institutionelle Kunst und Bildung konzentriert, hat im Laufe der Jahrzehnte sein Arbeitsfeld nicht nur kontinuierlich erweitert, sondern dabei auch seinen Blick auf die Notwendigkeiten und Nöte demokratischer Gesellschaften geschärft. Und wie sich Schulen (High School), Universitäten (At Berkely) und Museen (National Gallery) dem Zahn der Zeit – und ökonomischen sowie ideologischen Interessen – ausgesetzt sehen, so ist auch die Bibliothek, hehres Zentrum klassischer Bildung, für ihn diesbezüglich im 21. Jahrhundert angekommen.
Vielleicht hat sich Wiseman auch deshalb für Ex Libris mit der New York Public Library eine der größten Bibliotheken der Welt ausgesucht. Selbstverständlich verzichtet er wie immer auf erklärende Kommentare, Texte oder dergleichen. Der sich seine eigenen Schlüsse ziehende Zuschauer ist für das Kinoverständnis Wisemans nach wie vor von größter Bedeutung. Was nicht heißt, dass er in diesem mehr als dreistündigen Film nicht geschickt die Führung durch den verzweigten Bibliothekskomplex übernimmt, gewandt die auf verschiedene Stadtviertel aufgeteilten Quartiere wie Mosaiksteine miteinander verbindet. Von den Telefonisten, die gleich zu Beginn des Films Anfragen jedweder Art entgegennehmen, über Lesungen, Kunstveranstaltungen und Forschungsarbeit bis zu Sozialaufgaben – die Bibliothek wird in Ex Libris zu einem Umschlagplatz moderner Wissens- und Lebensvermittlung.
„Libraries are not about books, they are about people“, meint an einer Stelle eine Architektin, die sich auf den Bau von Bibliotheken spezialisiert hat. Und trifft damit das Innere aller Filme Frederick Wisemans: Es sind zwar Arbeiten über Institutionen, vor allem aber über die mit ihnen konfrontierten Menschen.
