Einfach, aber wirkungsvoll
Kawamura Genki, Regisseur und Bestsellerautor aus Japan, hat ein Kunststück geschafft. Er hat aus einem sehr populären Videospiel einen Film gedreht, der dem Game gerecht wird. Das Setting und die Aufgabenstellung sind praktisch 1:1 aus dem von der Firma Kotake Create 2023 herausgebrachten Spiel übernommen. Auch die Ausgangssituation ist grundsätzlich die gleiche: Eine Person muss sich aus einer rätselhaften U-Bahn-Station befreien, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Bis man den „Exit 8“ erreicht und endlich ins Freie gelangt, hat man eine zunächst einfach scheinende Aufgabenstellung zu lösen: Der schleifenartig angelegte Gang in der Station muss so oft durchmessen werden, bis man quasi acht Levels bestanden hat. Aber das ist schwieriger, als man zunächst denkt. Man muss sehr genau beobachten, denn wenn man auf dem Weg eine Veränderung (hier „Anomalie“ genannt) übersieht, heißt es zurück an den Start (Exit 0 bzw. Level 0). Und die Veränderungen sind manchmal mehr als deutlich, oft aber auch sehr subtil. So hängen auf der linken Seite des Ganges sieben Plakate, die es bei jedem neuen Versuch, ins Freie zu gelangen, genau zu betrachten gilt – sinnfällig ist auf einem davon M. C. Eschers berühmter „Möbius Strip II“ mit den roten Ameisen zu sehen.
Natürlich ergäbe das Spiel an sich noch keinen Film, also haben Kawamura und Ko-Drehbuchautor Hirase Kentaro eine Geschichte dazu erfunden. Und die Escher-Ameisen sind nicht zufällig gewählt, denn es nähert sich ein U-Bahn-Zug, vollbesetzt mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Einer der Passagiere ist ein nur als „lost man“ definierter Mann, der nun versucht, an der Station zu seinem Ausgang 8 zu kommen. Er ist gerade sehr verstört, weil seine Ex-Freundin ihm soeben am Telefon erzählt hat, dass sie im Krankenhaus ist, wo man ihr mitgeteilt hat, dass sie schwanger ist. Bevor sie das Thema weiter erörtern können, bricht der Handyempfang ab. Auch sonst scheint er mit seinen Gedanken und Gefühlen nicht im Reinen. Bis er durchschaut, was es mit dem Exit 8 auf sich hat, und bis er die Spielregeln, die doch eigentlich sehr deutlich an der Wand des U-Bahn-Korridors angeschlagen sind, versteht, dauert es eine gute Weile. Und er begegnet ein paar anderen Menschen, die teils seltsam, teils massiv irritierend sind. Ist der Mann mit dem starren Gesichtsausdruck lebendig? Oder aus dem Reich der Toten? Was hat es mit der Frau auf sich, deren Stimme sich so stark verändert?
Mehr sollte man gar nicht verraten, denn wie die wenigen Figuren miteinander interagieren, macht einen großen Teil des Reizes und der Spannung aus, die die scheinbar simple Prämisse mühelos auch über 95 Minuten tragen. Ninomiya Kazunari spielt den „lost man“ adäquat als „typisch japanischen“ salaryman, der sich erst fatalistisch und dann zunehmend kämpferisch seiner irrwitzigen Aufgabe stellt. Und doch wird vieles an ihm, je mehr man ihn kennenlernt, auch rätselhafter. Als seine Ex-Freundin noch einmal anruft (plötzlich geht das Handy wieder) – er hat sich gerade auf Level 5 vorgekämpft –, scheint er ein ganz anderer zu sein als noch kurz zuvor.
Exit 8 erwies sich, wie auch das gleichnamige Videospiel, als veritabler Hit und fügt sich ein in eine Reihe japanischer Überraschungserfolge aus den letzten Jahren, die mit wenig Budget und vielen guten Einfällen für Aufsehen sorgten, etwa One Cut of the Dead (2017), Beyond the Infinite Two Minutes (2020) oder River, Don’t Flow (2023). Die letzteren beiden haben im Übrigen auch sehr stark mit Zeit bzw. Zeitschleifen zu tun, ein bekanntlich gerade im Film sehr attraktives Thema. Und apropos Schleife: Ein genialer Schachzug von Exit 8 ist es auch, als zentrales Musikthema Ravels „Boléro“ zu verwenden, mit seinem unglaublich suggestiven, vielfach wiederholten und variierten Grundmuster. Besser hätte man den Film akustisch nicht illustrieren können.
