Billy Roisz, © Diagonale/Dieter Kovačič

Diagonale 2026

Experimentelles und Handfestes

| Oliver Stangl |
Die im März in Graz stattfindende Diagonale nähert sich dem heimischen Filmschaffen wie gewohnt mit aktuellen und historischen Arbeiten an.

Von 18. bis 23. März findet die Diagonale zum 29. Mal statt – wer weiß, vielleicht kann man sich 2027 auf Jubiläumsfeierlichkeiten einstellen. Die diesjährige Ausgabe wird jedenfalls zum dritten Mal unter der Leitung des Duos Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar abgehalten. Zum Zeitpunkt, zu dem dieses Heft entsteht, ist bereits bekannt, dass einem filmischen Festivalstammgast eine „Position“
gewidmet ist: Billy Roisz. Das Werk der Filmemacherin, Musikerin und Performerin wird in einer umfassenden Werkschau zu sehen sein, zusätzlich stehen Live-Performances auf dem Programm. Die gebürtige Wienerin, Jahrgang 1967, setzt sich seit Ende der 1990er-Jahre mit den Medien Video und Sound auseinander, wobei ihre Arbeiten von einem experimentellen Zugang geprägt sind. Auditive und visuelle Reize werden miteinander kurzgeschlossen, Ton und Bild interagieren in Form elektromagnetischer Signale. Während ihr Film My Kingdom for a Lullaby #2, (2004, gemeinsam mit Michael Grill) etwa von grauen Gittermustern dominiert wird, spielen in Close Your Eyes (2009) Schallwellen mit Farbmodulationen Hauptrollen. Für ihre Performances kooperiert Roisz gerne mit Künstlern aus dem Bereich von Elektronik, Noise oder Theater. Zu ihren Auszeichnungen gehört u. a. der Diagonale-Preis für Innovatives Kino (2011 für Chiles en Nogada) und das Staatsstipendium für Medienkunst (2018).

 

Roisz begann ihren künstlerischen Weg wie gesagt in den neunziger Jahren, und in diese Zeit führt auch ein anderes Programm des diesjährigen Festivals: Unter dem Titel „Neue Unsicherheiten – Österreichischer Dokumentarfilm in den 90er Jahren“ spüren sieben Programme dem heimischen Dokumentarfilmschaffen von vor 30 Jahren nach. Für das Intendanten-Duo standen dabei folgende Überlegungen im Fokus: „,Neue Unsicherheiten‘ blickt auf die 1990er-Jahre in Österreich: Aufbruch und Ernüchterung nach dem Zerfall des Ostblocks verbinden sich mit politischen und wirtschaftlichen Krisen, die bis heute prägend bleiben. Der Dokumentarfilm dieser Zeit verzeichnet diese Entwicklungen und hinterfragt sie. Bestimmt wird er dabei von einer neuen repräsentationskritischen Formenvielfalt.“ Dabei ist unter anderem Postadresse: 2640 Schlöglmühl (1990) von Egon Humer. Der Filmemacher widmete sich mit diesem Film den Konsequenzen, die die Schließung einer Papierfabrik – ein regional überaus gewichtiger Arbeitgeber – nach sich zog. Der Film gilt nach wie vor als bemerkenswerte soziale Studie, in der Humer die Aussagen Betroffener mit atmosphärischen Bildern geschlossener, heruntergekommener Werkshallen ergänzte. Gerhard Benedikt Friedl wiederum erzählt in seinem Kurzfilm Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte (1997) sowohl vom Wandel einer steirischen Kleinstadt angesichts aufkommender Einkaufszentren als auch von einer Familientragödie. Nikolaus Geyrhalter, in den neunziger Jahren noch relativ am Anfang seiner Karriere, begleitet in der Langzeitbeobachtung Das Jahr nach Dayton (1997) einen Menschen beim Wiederaufbau seiner  Existenz nach Ende des Bosnienkriegs. Dabei wird evident, wie schwer es nach den Gräueln eines Kriegs ist, zu dem zurückzukehren, was man Normalität nennt. Im selben Jahr porträtierte Barbara Albert vier junge Menschen, die den Krieg in Sarajevo mitgemacht haben. Somewhere Else (1997) erzählt ebenso vom Versuch, Traumata zu verarbeiten, wie von Hoffnungen und Lebensentwürfen. Gezeigt wird auch Rainer Frimmels Debüt Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre (2000), das Porträt des Wiener LKW-Fahrers Peter Haindl. Der Filmemacher montierte dabei Home-Movies Haindls, die zwischen 1993 und 1999 entstanden, zu einem Werk, das gelegentlich als dokumentarische Variante von Der Herr Karl rezipiert wurde. 

Fest steht bereits der Eröffnungsfilm: Es handelt sich um Rose von Markus Schleinzer. Das Drama mit Sandra Hüller, das zudem im Wettbewerb der Berlinale läuft, spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges und handelt von einem mysteriösen Fremden, der unter falschem Namen und unter Vortäuschung eines anderen Geschlechts das Erbe eines Guthofs antreten will. Ebenfalls fest steht die Empfängerin des Großen Diagonale-Schauspielpreises: Es handelt sich um Hilde Dalik. Wie üblich bietet das Festival auch ein Rahmenprogramm zu den Filmen. Dazu gehören „Nachspann“ (besondere Gespräche und Diskussionen, die mehr Zeit und Raum benötigen), Forum (Festivallocation für Diskussion & Debatten, Film Meeting (das Branchentreffen findet zum 16. Mal statt und bietet unter anderem Panels und Diskussionsrunden zu aktuellen Themen; der erste Tag (19. März) ist öffentlich zugänglich, am zweiten Tag (20. März) finden geschlossene Think Tanks statt), Club Diagonale (Tanzen und Netzwerken) sowie Extras (Ausstellungen rund um den österreichischen Film). Das komplette Programm ist ab 5. März um 13 Uhr online verfügbar, der Vorverkauf startet am 14. März.