Zum 75. Geburtstag: Vergangener Ruhm, gegenwärtige Krise, zukünftige Herausforderungen. Ein Porträt der berühmten Filmstadt Cinecittà in Rom, in der bis heute mehr als 3.000 Filme gedreht wurden – darunter 47 Oscar-Gewinner.
„Wahrscheinlich war es Martin Scorseses Film Gangs of New York, der Cinecittà 2002 nach Jahren der Stagnation wieder auf die internationale Bildfläche zurückwarf. Allein die Besetzung war erstklassig: Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis und Cameron Diaz. Aber damit nicht genug: Das Budget betrug 120 Millionen Dollar, der Dreh dauerte ganze 13 Monate. New York, so wie es Mitte des 19. Jahrhunderts aussah, wurde dafür wieder aufgebaut, hier in Cinecittà. Es war wirklich erstaunlich!“ Lamberto Mancini, Cinecittàs General Manager, spricht in Ausrufezeichen von Gangs of New York der es seinerzeit zum internationalen Box-Office-Hit schaffte. Das Filmset war so perfekt ausgeklügelt, so grandioso und so historisch überzeugend, dass es den Zuschauer geradewegs ins New York jener Zeit zurückversetzte. Schwer zu glauben, dass der Film in Wirklichkeit in einem südlichen Vorort von Rom entstanden ist.
Tatsächlich ist Gangs of New York nur eines der zahlreichen großen und kleinen Wunder, die in den vergangenen sieben Jahrzehnten in Cinecittà verwirklicht wurden. Insgesamt mehr als 3.000 Filme wurden bisher hier gedreht, stolze 47 davon wurden mit einem Academy Award belohnt. Am 29. April dieses Jahres feiert Roms Traumfabrik ihr 75-jähriges Jubiläum – Zeit für einen genauen Blick hinter die Kulissen dieses weltberühmten Mekkas des Filmemachens. Und wie jeder gute Film hat auch die Geschichte der Cinecittà ihre Drehungen und Wendungen, ihre Höhen und Tiefen. Allein die Zukunft der Filmstudios wird noch zu schreiben sein, die Fortsetzung, und sie bleibt durchaus ungewiss in einer von Krisen gebeutelten Zeit, die nicht zuletzt vom unerbittlichem Wettbewerb in der Filmindustrie und tändigem Wandel geprägt ist.
Die stärkste Waffe
Die Geschichte beginnt mit einem Feuer, bei dem am 26. September 1935 die römische Filmproduktionsgesellschaf Cines bis auf die Grundmauern niederbrannte. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts galt Cines als eine der einflussreichsten Filmgesellschaften des frühen italienischen Films, und jenes Unglück schien die perfekte Gelegenheit, nun mit einem Projekt aufzuwarten, das bereits seit einiger Zeit in der Planung steckte: eine Stadt des Kinos, oder anders gesagt: Cinecittà.
Der Grundstein zum Bau der Filmstadt wurde am 29. Jänner 1936 von niemand geringerem als dem faschistischen Diktator Benito Mussolini höchstpersönlich gelegt. Italien führte zu dem Zeitpunkt Krieg mit Afrika und Mussolini, der eine Leidenschaft für Filme hatte, wusste gleichwohl das Potenzial des Kinos als Propagandainstrument geschickt auszunutzen. Eine Parole des Regimes lautete: „Die Kunst des Filmemachens ist die stärkste Waffe.“ Nur knapp über ein Jahr nach der Grundsteinlegung, am 28. April 1937, war die Filmstadt errichtet und die Dreharbeiten konnten beginnen. Allein in den ersten zwölf Monaten ihres Bestehens wurden in der Cinecittà ganze 19 Filme produziert.
„Dies war die Zeit des Regimes“, sagt Mancini, der sich auskennt mit der turbulenten Geschichte der Filmstadt. „Es war die Zeit des sogennanten Genres des ‚weißen Telefons‘, weil man in den Filmen, die zu jener Zeit entstanden, sehr häufig ein weißes Telefon sah, was damals als Statussymbol galt. Bei den Produktionen handelte es sich ausschließlich um formal sehr streng gehaltene, sehr konventionelle Filme. Auch in den Filmstudios selbst, konnte man sich dem Regime nicht entziehen. Wenn Sie sich etwa den Gebäudekomplex der Cinecittà aus der Vogelperspektive anschauen, werden Sie feststellen, dass die einzelnen Studios so aneinander gebaut sind, dass sie die Form eines „M“ ergeben – „M“ für Mussolini.“
Ein weiteres Beispiel für den Einfluss des Regimes auf Filmindustrie offenbart sich in dem 1942 entstandenen Film Quattro passi fra le nuvole (Lüge einer Sommernacht), oder besser gesagt in dem, was nicht darin zu sehen ist: Aldo De Benedetti, einer der Drehbuchautoren des Films, wurde, wie es damals häufig der Fall war, aus den Orginal-Credits gestrichen, weil er jüdischer Abstammung war.
Das Jahr 1943 markierte den Anfang einer zutiefst unheilvollen Periode für Cinecittà. Nach einigen heroischen Aktionen fiel auch Italien schließlich unter deutsche Besatzung, was zur Folge hatte, dass mehr als 2.100 Cinecittà-Arbeiter entlassen, die Filmstudios von den Nazis durchstöbert und hemmungslos verwüstet wurden. Insgesamt 16 Zugwaggons voll mit Filmequipment wurden anschließend aus der Filmstadt nach Deutschland und Venedig abtransportiert. Bei Kriegsende diente Cinecittà alles andere als seinem ursprünglichen Zweck, erklärt Mancini: „Während des Krieges war Cinecittà von den Deutschen in eine Kommandozentrale umgewandelt worden und nach Kriegsende kamen die Obdachlosen, um in den zahlreichen Gebäuden Unterschlupf zu finden. Es handelte sich dabei nicht nur um Italiener, auch Ausländer waren darunter, die alle während der Bombardierung Roms ihr Heim verloren hatten. In Cinecittà’s berühmtem Studio 5 fanden damals circa 900 Personen Obdach. Sogar ein Krankenhaus wurde in der Nähe errichtet.“ Das Ganze ging angeblich sogar so weit, dass im Jahre 1951, als der amerikanische Film Quo Vadis in Cinecittà gedreht wurde, ein Großteil der Obdachlosen in Kostüme gesteckt und als Extras eingesetzt wurde.
Die Amerikaner kommen!
Die fünfziger Jahre entpuppten sich in vielerlei Hinsicht als Blockbuster-Jahre für Cinecittà. Nachdem sich die Wogen des Krieges gelegt hatten, entdeckten die amerikanischen Produzenten die Filmstadt für sich und begannen verstärkt, ihre Produktionen nach Rom zu verlagern. Für Cinecittà bedeutete die Ankunft der Amerikaner folglich einen Wendepunkt und den Eintritt in die oftmals als „zweite Phase“ bezeichnete Zeit des Aufschwungs. „Der Krieg hatte Italien verwüstet“, so Mancini. „Einerseits hatten die Anglo-Amerikaner das Land von den Nazies befreit, aber andererseits war es den Amerikanern auch gelungen, Italien aus politischer Sicht zu ‚erobern‘. Zudem erkannten sie recht schnell, dass Cinecittà der perfekte Ort war, um große Filme zu drehen: Nicht nur die Preise waren billiger als in Hollywood, die Italiener waren zudem extrem offen für alles Neue und rechtliche Vorgaben und Gesetze existierten zu dem Zeitpunkt im italienischen Kinowesen nicht – oder kaum.“ Hollywood-Größen wie Liz Taylor, Charlton Heston, Ava Gardner, Orson Welles, Frank Sinatra, Alec Guinness, Omar Sharif, Gregory Peck, Andrey Hepburn, Anthony Perkins und viele andere endeckten nicht nur die „ewige Stadt“, sondern bald auch das Dolce Vita, das Federico Fellini wenig später prächtig in Szene setzten sollte. Die fünfziger und sechziger Jahre brachten schließlich so viele Hollywoodstars und Sternchen nach Rom, dass sich die italienische Hauptstadt zu dieser Zeit den Spitznamen „Hollywood am Tiber“ verdiente.
Aber nicht nur das vermeintlich süße Leben im Rom der Nachkriegszeit sondern auch die überaus talentierten Set-Konstrukteure der Cinecittà beeindruckten die ausländischen Produzenten. Eine Nachbildung der Sixtinischen Kapelle wurde mehrmals hier errichtet, dazu ganze mittelalterliche und barocke Städte sowie Teile der Stadt Jerusalem. Aber damit nicht genug: Teile von großspurigen Highways, gotischen Kathedralen, griechischen Tempeln und unglaubliche Unterwasser-Umgebungen, wie man sie etwa in The Life Aquatic with Steve Zissou (2004) zu sehen bekommt, wurden in Cinecittà auf- und wieder abgebaut, sobald zum letzten Mal „Schnitt“ gerufen wurde. Mancini erinnert sich: „Es bestand eine bemerkenswerte Synergie zwischen dem etablierten amerikanischen Starsystem und den Italienern, die einerseits bestrebt waren, dazu zu lernen, und andererseits hervorragende handwerkliche Fähigkeiten und filmtechnische Mittel zu bieten hatten. Eines der besten Beispiele dafür, wie sich diese Synergie für beide Seiten auszahlte, ist der berühmte italienische Regisseur Sergio Leone, der vor allem mit seinen Spaghetti-Western zu internationalem Ruhm gelangte. Leone wurde in den Staaten ausgebildet, kehrte später mit seinem Fachwissen nach Italien zurück und produzierte weitere Filme in Cinecittà – allen voran The Good, the Bad and the Ugly aus dem Jahre 1966, der heute Teil des Weltfilmerbes ist.“
Einige Anthropologen gehen sogar so weit zu behaupten, dass Cinecittà eine nicht unbedeutende Rolle bei der sogenannten Amerikanisierung der italienischen Gesellschaft gespielt hat. In gewisser Hinsicht hatten es die Amerikaner kurz nach Kriegsende geschafft, das Land auch ideologisch für sich zu gewinnen, was nicht allein an der ökonomischen Unterstützung lag, die der Marshall-Plan gewährte, sondern vielmehr an der Einschleusung des American Way of Life mittels der Filme, die in dieser Zeit in der Cinecittà entstanden und somit ihren Weg in den Lebensalltag der Italiener fanden. Darüber hinaus wurden in den fünfziger und sechziger Jahren in Cinecittà zahlreiche ambitionierte Blockbuster-Produktionen mit Starbesetzung auf die Beine gestellt, darunter Quo Vadis (1951), Ben Hur (1959) und Cleopatra (1963).
Die Nachkriegszeit markierte allerdings noch eine weitere Besonderheit und ein anderes, bisher sträflich vernachlässigte Genre: den Neorealismus. Roberto Rossellini, Vittorio de Sica, Luchino Visconti – ihre Filme machten die Cinecittà zum Inbegriff des großen italienischen Kinos jener Zeit, das auch das internationale Kino maßgeblich veränderte. Das faschistische Regime hatte ein sorgenfreies Bild der italienischen Gesellschaft gezeichnet, das es nun zu berichtigen galt. Nach den Ende der Diktatur wurden die schwierigen ökonomischen und moralischen Zustände Italiens auf der Leinwand sichtbar. Und die Bilder waren schockierend: Armut, Verzweiflung und Leid erfüllten diese düsteren, nüchternen Filme. Klassiker wie Ladri di Biciclette (Fahrraddiebe), Roma, città aperta (Rom, offene Stadt) und Sciuscià sind nur einige wenige Beispiele für die Vielzahl an neorealistischen Produktionen, die in oft herzzerreißenden Geschichten zugleich von der Poesie und dem Leid des Lebens erzählten. Auch diese Filme wurden in Cinecittà gedreht und ihr Ruhm wirkte sich rasch sehr positiv auf die römischen Studios aus. Und mehr noch: Sie bewegten Generationen von Filmliebhabern. Eines der schönsten Beispiele hierfür ist der von Vittorio De Sica zusammen mit Drehbuchautor Cesare Zavattini produzierte Film Umberto D. (1952), in dem ein verarmter alter Mann, der allein mit seinem Hund lebt und zur Welt keinen Kontakt mehr finden kann, letztlich nur noch im Selbstmord einen Ausweg sieht. Selbst Charlie Chaplin soll, nachdem er den Film gesehen hatte, mit Tränen in den Augen aus dem Kino gekommen sein.
Der große Fellini
Neben den zahlreichen Hollywood-Stars und Sternchen, die seit Beginn der fünfziger Jahre die italienische Hauptstadt bevölkerten, gab es jedoch einen, der sie alle überragte: Federico Fellini. Und es war Fellini, der Cinecittà zum Star machte. Der große italienische Regisseur, der von seinen Verehrern liebevoll il Maestro genannt wurde, arbeitete seit Beginn seiner Karriere eng mit den römischen Studios zusammen. Bereits sein erster Film Lo sceicco bianco (Die bittere Liebe, auch bekannt als Der weiße Scheich) wurde 1952 in Cinecittà gedreht.
„Es ist recht einfach Fellinis Verhältnis mit Cinecittà zu beschreiben“, sagt Mancini. „Fellini war Cinecittà. Es gibt unzählige Dokumente und Interviews, in denen er Cinecittà als seine zweite Heimat deklarierte. Manchmal behauptete er sogar, es sei seine erste. Es kam auch vor, dass er von den ständig gleichen Fragen der Journalisten allzu genervt war, und einmal sagte er ganz einfach: ‚Was soll die Frage, warum ich immer in Cinecittà bin? Sie würden doch einen Arzt auch nicht fragen, warum er immer im Krankenhaus ist, oder?‘“ Mancini kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: „Fellini hat eindeutig wesentlich zum Ruhm Cinecittàs beigetragen. Seine Drehbücher, seine oft traumhaften Szenen und die Art und Weise, wie er seine Filme umsetzte, brachten den ganzen Zauber und Charme Cinecittàs zum Vorschein. In unserem berühmtesten Studio, Studio 5, hatte sich Fellini ein kleines Apartment eingerichtet. Nach seinem Tod im Oktober 1993 wurde es zu einer kleinen Leichenhalle umfunktioniert, in der sein Körper vor dem Begräbnis aufgebahrt wurde, so dass auch die Öffentlichkeit Abschied nehmen und ihm die letzte Ehre erweisen konnte. Selbst heute, wenn ich beispielsweise nach Los Angeles reise, um für Cinecittà die Werbetrommel zu rühren, assoziieren die meisten Menschen Cinecittà noch immer in erster Linie mit Fellini.“ Aber auch vor Ort, wenn man etwa der vor kurzem eröffneten Ausstellung Cinecittà si Mostra einen Besuch abstattet, kann man sich der fortwährenden Allgegenwart Fellinis in der Filmstadt nicht entziehen. Hier wird man sogleich von dem riesigen Haupt der Göttin Venusia aus Fellinis Casanova (1976) begrüßt, einem der kostbarsten Überbleibsel des Sets, dem die Veranstalter anstandsgemäß einen vom Publikum nicht zu verfehlenden Platz auf einer Grünfläche vor den Studiohallen gesichert haben. Hier steht das Haupt der Venusia heute als eine Erinnerung an die Bedeutung Fellinis für den italienischen Film und insbesondere für Cinecittà.
Neuen Herausforderungen zugewandt
Fellinis Tod im Jahre 1993 bedeutete das Ende einer Ära, nicht nur im Hinblick auf das damalige Filmschaffen in Italien, sondern auch politisch. Denn es war ebenfalls das Jahr, in dem Italiens stärkste Nachkriegspartei, die Christdemokraten, aufgrund einer Serie von Korruptionsskandalen aus der politischen Landschaft in Italien gestrichen wurde. Vier Jahre später wurde die Cinecittà in ein privates Unternehmen umgewandelt. Mancini weiß auch diesbezüglich genaueren Aufschluss über die Hintergründe zu geben: „Der Beschluss der italienische Regierung, die Studios zu privatisieren, stützte sich in erster Linie darauf, dass Cinecittà nicht wirklich effektiv wirtschaftete. Aber auch die generelle Krise der Filmindustrie spielte eine Rolle. Heute betreiben wir Cinecittà als ein öffentlich-privates Unternehmen“, sagt er, „an dem die italienische Regierung zu 20 Prozent beteiligt ist. Der Rest ist in privater Hand.“ Damit spricht Mancini eine nicht unbedeutende Tatsache an, denn der Fernsehboom sorgte auch in Italien dafür, dass die lokale Filmindustrie in den letzten drei Jahrzehnten zunehmend schwerer zu kämpfen hatte. Wurden im „Goldenen Zeitalter“ der fünfziger und sechziger Jahre über 300 Filme jährlich produziert, lag die Zahl unlängst höchstens noch zwischen 80 und 90 Filmen, von denen zudem kaum mehr als eine Hand voll in Cinecittà gedreht wurde. Gleichzeitig sanken auch die Budgets immer weiter in den Keller. Mit Durchschnittswerten zwischen zwei und zweieinhalb Millionen Euro pro Film, war auch hier ein neuer Tiefpunkt erreicht.
All diese Faktoren zusammengenommen lassen unweigerlich auf den viel verwendeten und oft missbrauchten Begriff der Krise schließen. Aber muss, wer heute über die aktuelle Situation der Cinecittà spricht, auch von einer Krise reden? „Nein, soweit würde ich nicht gehen“, entgegnet Mancini. „Aber es stimmt natürlich schon, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Man könnte gewissermaßen von der Krise eines Systems oder einer Industrie sprechen. Der Krise der italienischen Filmindustrie, die sich in der Reduktion der Anzahl der gedrehten Filme widerspiegelt. Oder auch von der Krise der internationalen Filmindustrie, den Budget-Kürzungen der RAI [italienisches Staatsfernsehen, Anm.] und Mediaset [von Silvio Berlusconi gegründete Fernseh-Sendergruppe, Anm.], der reduzierten Zahl an Fernsehsendungen, die in Cinecittà produziert werden, den zahlreichen Reality-TV-Shows und so weiter. All das sind Faktoren, die dazu führen, dass man durchaus von einer schwierigen Situation sprechen muss. Man muss sich nur die Zahlen ansehen, um zu erkennen, dass unser ehemaliges Hauptgeschäft, die Filmproduktion, heute längst nicht mehr auf dem gleichen Level agiert. Das heißt, um heutzutage ein Unternehmen wie Cinecittà profitabel zu leiten, muss man zwangsläufig in andere Richtungen schauen und die Aktivitäten ausbauen.“ In der Umsetzung bedeutete das für Cinecittà ganz konkret, die Studios für sämtliche Produktionen anzubieten, seien es Spielfilme oder Werbespots, Fernsehsendungen, Reality-TV-Shows, Musikvideos und vieles mehr. Entsprechend wehmütig merkt Mancini an, dass es in der Cinecittà dieser Tage eher zuginge wie im Hotel – Menschen kommen und gehen. Zudem seien früher Tausende von Arbeitern in den Studios beschäftigt gewesen, heute zähle man dagegen gerade mal 230 Mitarbeiter.
Zu den Veränderungsmaßnahmen, die das Geschäft beleben sollen, gehört auch die Errichtung eines Freizeitparks, Parco Cinecittà World, in Castel Romano, einem Randbezirk von Rom. Über 500 Millionen Euro wurden bereits in das Projekt investiert, das als direkte Konkurrenzanlage zum Disneyland Paris vermarktet wird und noch in diesem Jahr eröffnet werden soll. Doch trotz aller Innovations-Offensiven machen es Billig-Drehorte wie Budapest, Bukarest, Belarus und einige afrikanische Länder selbst einem vielseitig engagierten Cinecittà nicht leicht, konkurrenzfähig zu bleiben. Die globale Krise tut ihr übriges, und dennoch äußert sich Mancini optimistisch, was die Zukunft Cinecittàs angeht: „Ich denke, wir sind bestens gerüstet, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern“, sagt er. „Mit zwei Produktionsstätten in Rom, einer Produktionsstätte in der Region Umbrien, einer weiteren in Marokko, dazu vier Back Lots [Studiogelände, auf dem Außensets errichtet werden, Anm.] und 30 Studios insgesamt, bietet Cinecittà exzellente Produktionsbedingungen, ganz zu schweigen von der bewährten Kombination von hypermoderner Technologie und ausgereiftem filmtechnischen Know-How.“
Trotzdem bleibt immer noch die Geldfrage: Wie kann Cinecittà mit den Billig-Drehorten mithalten? Mancini holt zum Angriff aus: „Nun ja, ich kann zunächst einmal sagen, dass die italienische Regierung vor zirka zwei Jahren einen Steuerabsetzbetrag in Höhe von 25 Prozent eingeführt hat. Diese Maßnahme ist natürlich extrem wichtig für uns, wenn es darum geht, Großproduktionen nach Cinecittà zu holen. In anderen Ländern gab es diese Regelung seit Jahren und – endlich! – gibt es sie nun auch bei uns. Damit sind wir auf jeden Fall auch wieder verstärkt wettbewerbsfähig.“ Und beim Gedanken an Woody Allen, fängt sein Gesicht plötzlich an zu strahlen: „Als Allen nach Rom kam, um seinen neuesten Film zu drehen [Nero Fiddles, noch ohne Starttermin, Anm.] war ich hocherfreut, 25 Prozent der Produktionskosten zahlen zu können.“
Das Drehbuch, das die Fortsetzung der Cinecittà erzählt, muss erst noch geschrieben werden, und erst dann wird sich wohl herausstellen, ob die einst glanzvolle Filmstadt auch zukünftig ein Ort bleiben wird, an dem Träume wahr werden. Doch schon der große Federico Fellini wusste um das unermessliche Potenzial der Traumfabrik und äußerte sich dazu in einem seiner berühmten Zitate: „Cinecittà wird als Fabrik der Träume bezeichnet: das mag banal klingen, aber es ist die Wahrheit. Es ist ein Ort, dem wir alle mit Respekt begegnen sollten, denn hier finden sich die Künstler und hochqualifizierten Menschen, die für uns Träumen. Für mich ist Cinecittà der perfekte Ort, wie die kosmische Leere vor dem großen Knall.“
