Coming-of-Age zwischen Sehnsucht und Verletzlichkeit
Falcon Lake nistet sich als kuschelige Indie-Höhle ins Gedächtnis und hält zwischen Sommerwonne und Badespaß mit ungewöhnlichen Jumpscares auf Trab. Charlotte Le Bons Inszenierung kombiniert dabei die Leichtigkeit von Luca Guadagninos Call Me By Your Name mit dem Horror des Erwachsenwerdens und filtert das Ganze durch die Augen des dreizehnjährigen Protagonisten. Die filmische Adaption der Graphic Novel „Une Sœur“ von Bastien Vivès überzeugt dabei in den zerbrechlichen Momenten, die sich zwischen Unsicherheit und Überzeugung zu ganz sensiblen Höhepunkten aufschaukeln.
Bastien ist dreizehn. Als seine Eltern die Ferien bei einer befreundeten Familie an einem See im kanadischen Québec verbringen, wird bald klar, dass Bastien sich schon zu alt fühlt, um nur mehr mit den jüngeren Geschwistern abzuhängen. Eine neue Welt tut sich auf, als Chloé sich ihm nähert, die mit ihren sechzehn Jahren scheinbar schon ein anderes Universum bewohnt. Die anfängliche Bewunderung zu dem älteren Mädchen kippt im weiteren Verlauf zu einer zurückhaltenden, doch deutlichen Anziehung, die sich in einer eigenwilligen Spannung zwischen den beiden äußert. Zwischen dem ersten Alkoholkonsum und der ersten Feier wird das Erwachsensein für Bastien zum großen Mysterium, in dem er sich plötzlich zurecht finden soll, was aber naturgemäß Probleme mit sich bringt. Von kleinen Berührungen bis hin zu Machtspielchen zwischen Bastien und Chloé versucht der Dreizehnjährige mitzuhalten und erlebt nebenbei ein ganz neues Erwachen seiner Sexualität. Erst als in die Beziehung mit Chloé gleichaltrige Konkurrenz hinzukommt, wird die Sache verzwickt. Plötzlich spielt der Altersunterschied doch eine Rolle und die Machtverhältnisse verschieben sich. Bastien wird aus den nur ein paar Jahre älteren Jugendlichen nicht schlau. Er bleibt sich und seinem fragilen pubertären Wünschen ausgeliefert.
Falcon Lake überzeugt dort, wo er die Vulnerabilität aufzeigt, die durch jede Geste und in jedem Geheimnis zu liegen scheint, dass das Älterwerden in sich birgt. Kamera und Score geben dem jugendlichen Treiben an manchen Stellen dabei einen fast gruseligen Touch, der doch genau den großen Cocktail an Fragezeichen in Bastiens Kopf widerspiegelt: Verwirrung, Lust, Ausgeliefertsein. Auch wenn die meisten von uns diese Zeit schon erlebt haben, bringt der Film einen Aspekt dieses Lebensabschnitts wieder in unsere unmittelbare Gegenwart: Die Verletzlichkeit unserer eigenen Sehnsucht.
