Fall 39 / Case 39

Fall 39

| Alexandra Seitz |

Kinder sind der Horror! Viele wissen das längst, den übrigen mag Case 39“ als Beweis dienen.

Eigentlich hat die Sozialarbeiterin Emily Jenkins keine Kapazitäten mehr frei, aber weil die Welt ein schlechter Ort ist, müssen die Gutmenschen Überstunden schieben und so landet der Titel gebende Fall 39 auf ihrem Schreibtisch. Die ernst dreinblickende Zehnjährige, die das Foto in der Akte Lillith Sullivan zeigt, hat es der kinderlosen Jenkins sofort angetan. Und in der Tat scheint, als sie die Familie besucht, irgendetwas entschieden nicht zu stimmen. Wortkarg-verstockt und unkooperativ wirken die Eltern, schüchtern und verängstigt schaut Lillith. Doch irgendetwas stimmt auch mit diesem Mädchen entschieden nicht. Es befällt einen eine Ahnung, sie knüpft sich an die unergründlichen Augen, an diese möglicherweise jahrhundertealten Augen, die ebensolche Geheimnisse bergen. Man möchte Emily noch warnen, doch da ist das stille Kind bereits bei ihr eingezogen, weil seine Eltern etwas getan haben, was Eltern normalerweise nicht tun und was auch Emily bald in Erwägung ziehen wird.

In Horrorfilmen dienen Kinder als besonders effektive Quelle des Schreckens. Wenig ist beunruhigender als ein süßer Fratz, der plötzlich Zähne zeigt, Krallen ausfährt und daran geht, seine Erzeuger zu massakrieren. Ob konkret oder metaphorisch ist dabei egal. Mit der kindlichen Figur gestaltet der Horrorfilm, was in der Eltern-Kind-Beziehung tagtäglich tatsächlich passiert und adressiert Urängste. Alle Eltern und auch alle Freunde von Eltern wissen, dass Kinder anarchische Teufel sind, deren vornehmste Aufgabe das Stiften von Chaos ist. Kinder erinnern Erwachsene daran, dass es auch anders geht – frei und hedonistisch nämlich – und dass für Vergesellschaftung ein sehr hoher Preis zu bezahlen ist.

Die Story von Case 39, mit dem der deutsche Regisseur Christian Alvart (verantwortlich für den Serienkiller-Film Antikörper) sein Hollywood-Debüt gibt, mag nicht wahnsinnig originell sein, aber es gelingt nichtsdestotrotz, das Dämonische zu vermitteln, das in Kindern überlebt. Zu verdanken ist das vor allem Jodelle Ferland, die seinerzeit in Tideland, Terry Gilliams Improvisation auf den Alice in Wonderland-Stoff, eine erstaunliche darstellerische Glanzleistung bot. In der Rolle der Jeliza-Rose war sie zum Fürchten gut – wie Lillith in jener Szene in Case 39, in der sie den harmlosen Kinderpsychologen Douglas Ames auseinander nimmt. Subtil, gründlich und mit tödlicher Konsequenz.