Mit „The Fabelmans“ gibt Steven Spielberg einen tiefen Einblick in seine ganz persönliche Geschichte frei.
Irgendwann im Jänner 1952 steht ein kleiner Bub namens Sammy Fabelman mit seinen Eltern vor einem Kino in New Jersey, um Cecil B. DeMilles The Greatest Show on Earth zu sehen. Doch die Aussicht, das erste Mal ein Lichtspieltheater besuchen zu dürfen, löst bei dem sechsjährigen Sammy weniger freudige Erwartung als jede Menge Ängste – wie etwa die vor den auf der Leinwand riesenhaft erscheinenden Menschen – aus. Der Versuch seines Vaters Burt (Paul Dano), ihn zu beruhigen, indem er dem Sohn die technischen Prinzipien einer Filmprojektion erklärt, helfen da ebenso wenig wie der Einwurf seiner Mutter Mitzi (Michelle Williams), die riesigen Gestalten müsse er sich wie Träume vorstellen. „Dreams are scary!“, entgegnet ihr Sammy entschieden. Doch am Schluss überwiegt die Neugierde und Familie Fabelman kommt in den Genuss von DeMilles legendärem Zirkusfilm. Und natürlich zieht der kinematographische Apparatus den kleinen Sammy schnell in seinen Bann, wenn auch der befürchtete Schreckensmoment in Gestalt eines Zugsunglücks auf der großen Leinwand nicht ausbleibt. Doch von diesen Bildern geht auch ein großes Faszinosum aus, das Sammy nicht mehr loslässt. Also reinszeniert er mit seiner Modelleisenbahn den Unfall und nimmt das Geschehen mit seiner Schmalfilmkamera auf, das Erlebnis des Filmsehens, die Lust am filmischen Text, wird damit beliebig reproduzierbar. Wenig später wird Familie Fabelman New Jersey hinter sich lassen und nach Phoenix, Arizona übersiedeln, wo Sammy seiner immer größer werdenden Leidenschaft für das Kino nachgeht, indem er weiterhin mit einer 8mm-Kamera selbst Filme dreht.
Erste Schritte
Man braucht nur ein wenig Kenntnis über die Eckdaten von Steven Spielbergs Biographie, um rasch zu erkennen, dass er in The Fabelmans seine eigene Geschichte und die seiner Familie erzählt. Doch das geht darüber hinaus, die ersten Schritte eines Teenagers in seiner Entwicklung zu einem der einflussreichsten Filmemacher der letzten fünf Jahrzehnte, zu dessen Œuvre Jaws, Raiders of the Lost Ark, E.T. the Extra-Terrestrial, Jurassic Park, Schindler’s List, Munich oder The Post zählen – und das sind nur einige seiner Erfolge – zu rekapitulieren. Dennoch ist die Genese eines Regisseurs zunächst eine der zentralen Handlungslinien von The Fabelmans.
Spielbergs Inszenierung macht mittels einer Coming-of-Age-Erzählung deutlich, wie sehr das Filmemachen über die Jahre hinweg zum bestimmenden Faktor im Leben von Sammy – es fällt nicht schwer, sich dabei stets auch den jungen Steven Spielberg vorzustellen – wird. Es schwingt durchaus ein Hauch von melancholisch anmutender Nostalgie mit, wenn Spielberg auf das Amerika seiner Kindheit und Jugend in den fünfziger und sechziger Jahren zurückblickt, ohne dabei ein Heile-Welt-Szenario vorgaukeln zu wollen. Vor allem aber erweist der große Regisseur Spielberg dem klassischen Hollywood-Kino in diesen Sequenzen seine Reverenz. So wird Sammy, nachdem er John Fords The Man Who Shot Liberty Valance gesehen hat, als Teil seiner ersten filmischen Gehversuche diverse Westernsequenzen in Szene setzen. Natürlich haftet diesen mit Hilfe von Schulkameraden und Sammys drei jüngeren Schwestern fertiggestellten Amateurproduktionen etwas Bubenhaftes an, doch es liegt nahe, dass damit Spielbergs filmische Sozialisation ihren Ausgangspunkt genommen hat. Die schließlich dazu führte, dass er bekanntermaßen zu einer der maßgeblichen Kräfte jenes Teils von New Hollywood, der das klassische Genrekino revitalisierte, avancierte und damit zur viel zitierten Rettung der US-amerikanischen Filmindustrie entscheidend beigetragen hat: Mit Jaws, seiner Paraphrase von Hermann Melvilles „Moby Dick“ beziehungsweise der Verfilmung von John Huston, bereitete Spielberg etwa den Weg für die einträglichen Blockbuster-Strategien. Die immer noch starke Affinität Spielbergs zu Klassikern manifestiert sich auch in seiner vorangegangenen Regiearbeit West Side Story (2021), der Neuverfilmung jenes Musicals, dessen erste filmische Adaption unter der Regie von Robert Wise zu einem der Leuchttürme des Genres avancierte.
„Was ‚The Fabelmans‘ im Œuvre von Steven Spielberg ein Alleinstellungsmerkmal sichert, ist eine beinahe schonungslose Offenheit, mit der er höchst private Einblicke freigibt“
Nun zählt Steven Spielberg nicht zu jenen, die offensiv die (mediale) Öffentlichkeit suchen. Einblicke in die Welt Spielbergs erhält man zum allergrößten Teil über seine Arbeit, auch persönliche Erfahrungen scheinen da immer wieder mehr oder weniger verklausuliert durch. Das Szenario von E.T. the Extra-Terrestrial mit der Lebenswelt der jugendlichen Protagonisten gilt als deutliche Erinnerung an Spielbergs Aufwachsen in einer der typischen US-amerikanischen Vorstädte. In dem von ihm produzierten und von J. J. Abrams inszenierten Super 8, in dem ein paar Teenager einen Film auf dem titelgebenden Format drehen und dabei Zeuge eines Zugsunglücks werden, spiegeln sich wiederum Steven Spielbergs Anfänge mit seinen selbst gedrehten Filmen wider. Man mag Spielbergs bisherige Zurückhaltung durchaus als Schutz der Privatsphäre ansehen, doch der Umgang mit der eigenen Lebensgeschichte hatte auch durchaus kreative Züge. In der 1983 veröffentlichten Biographie „The Steven Spielberg Story“ geht Verfasser Tony Crawley auf eine lange Zeit kursierende Geschichte ein, die den Einstieg Spielbergs ins Filmgeschäft zum Inhalt hat. Demzufolge schmuggelte sich der durch viele Absagen schon frustrierte Spielberg Ende der sechziger Jahre durch die Eingangskontrollen von Universal, indem er mit Anzug, Krawatte und Aktenkoffer gleichsam die Uniform der Studioangestellten anzog und so auf das Gelände des traditionsreichen Hollywood-Majors gelangte. Dort bezog er eines der leerstehenden Büros, in der Hoffnung, so irgendeinem Verantwortlichen zu begegnen, der einen Blick auf seine selbstgedrehten Filme werfen würde. Fast ein Jahr soll sich Spielberg so auf den Sets und in den Schneideräumen des Studiogeländes herumgetrieben haben. Als jedoch auch so seine Karriere als angehender Regisseur nicht vorankam, räumte er schließlich das von ihm okkupierte Büro wieder. Crawley schreibt zwar, dass ebenso viele Menschen diese Anekdote stark anzweifeln wie sie glauben, doch er verweist ebenfalls darauf, dass 1978 Steven Spielberg selbst vor Mitgliedern des British Film Institutes launig diese Episode vortrug, die ein wenig den Geist jenes berühmten Satzes aus The Man Who Shot Liberty Valance in sich trägt: „Print the legend.“ Dass John Fords Filme in Spielbergs filmischer Ausbildung eine besondere Rolle gespielt haben, kommt in der finalen Sequenz von The Fabelmans in einer liebevoll-kauzigen Reminiszenz an den legendären Regisseur zum Ausdruck.
Tiefe Einblicke
Es dürften wohl wenige Zweifel daran bestehen, dass sich Steven Spielberg über die Jahrzehnte hinweg als einer der ganz großen Erzähler des Weltkinos etabliert hat. Mit dem ursprünglich für das Fernsehen produzierten Thriller Duel, der später zu einer längeren Kinofassung erweitert wurde, konnte er ein breiteres Publikum auf sich aufmerksam machen – da war Spielberg gerade einmal 24 Jahre alt. In dem Plot um einen Handelsvertreter, der bei einer seiner Dienstfahrten auf den endlosen Highways ohne ersichtlichen Grund von einem Lastwagen verfolgt wird, konnte Spielberg sein Können durch eine ausgeprägte visuelle Erzählweise unter Beweis stellen. Und obwohl dieser Aspekt in seinen Regiearbeiten immer eine wichtige Rolle spielt, hat Spielberg im Verlauf seiner illustren Karriere anhand höchst unterschiedlicher Sujets ebenso differenzierte narrative Tonlagen zu meistern verstanden. Ob es phantastische Stoffe waren wie E.T. the Extra-Terrestrial oder Jurassic Park, klassisches Abenteuerkino wie die Indiana-Jones-Reihe, Science-Fiction wie Minority Report und Kriegsfilme wie Saving Private Ryan, Politthriller vor zeitgeschichtlichem Hintergrund wie Munich, Bridge of Spies oder The Post – Steven Spielberg hat es stets verstandenen, einen kongenialen Erzählduktus zu finden. Selbst bei seinem diffizilsten Projekt, der Beschäftigung mit dem Holocaust in Schindler’s List, fand er einen angemessenen Zugang. Billy Wilder, der einen großen Teil seiner Familie im schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verloren hatte, fand höchst lobende Worte für Spielberg und dessen filmischen Umgang mit der Thematik. „They got the best. They couldn’t have gotten a better man. The movie is absolutely perfection.“
Was The Fabelmans im umfangreichen und vielschichtigen Œuvre von Steven Spielberg ein Alleinstellungsmerkmal sichert, ist eine ebenso überraschende wie streckenweise beinahe schonungslos erscheinende Offenheit, mit der er – und es kann kaum ein Zweifel darin bestehen, dass die Fabelmans nur wenig verklausuliert Familie Spielberg sind – höchst private Einblicke freigibt, die manchmal auch sehr schmerzliche Momente beinhalten. Das Drehbuch, das Spielberg zusammen mit Tony Kushner – der bereits maßgeblich an den Skripts zu Spielbergs Filmen Munich, Lincoln und West Side Story mitgearbeitet hatte – verfasst hat, konzentriert sich wie erwähnt zunächst auf das Heranwachsen von Sammy, das zusehends von der Entschlossenheit des Protagonisten, Filmemacher zu werden, bestimmt wird. Dieser Blick auf die frühen Jahre eines angehenden Künstlers ist von einer positiven, nostalgischen, ein wenig elegischen Atmosphäre geprägt, die man durchaus von Spielberg kennt, mit seiner Liebe zum Detail erweist sich The Fabelmans als formidables Period Piece. Doch zwischen die Erinnerungen an die Entdeckung, welches Faszinosum vom Medium Film ausgeht, mischen sich auch andere Töne. Man muss kein Übermaß an Empathie mitbringen, um etwa nachzuempfinden, wie zermürbend es für einen Teenager wie Sammy sein muss, selbst angesichts bereits elaborierterer Filme, die er selbst fertigt, sich immer wieder anhören zu müssen, das Ganze sei ja nur ein Hobby. Zudem wird ihm seine Filmleidenschaft auf unerwartete Weise einen heftigen Tritt in die Eingeweide versetzen, indem ihm selbst gedrehte Bilder ein Familiengeheimnis vor Augen führen, das der junge Mann wohl lieber im Verborgenen belassen hätte. Eine Krise erwächst zudem aus der Unzufriedenheit von Mitzi Fabelman – dazu kommen noch Probleme psychischer Natur – mit ihrem Status innerhalb der Familie: Obwohl sie eine höchst liebevolle Mutter ihrer vier Kinder – Mitzi ist vor allem diejenige, die Sammy bei seiner Kreativität ermuntert – ist und ihrem Mann Burt, einem genialen Computeringenieur, bei seiner beruflichen Karriere den Rücken frei hält, hat sie nie ganz verwunden, dass sie selbst, eine begabte Pianistin, ihre künstlerischen Ambitionen völlig hintangestellt hat. In den fünfziger Jahren war es zwar üblich, dass Frauen sich ausschließlich um die Familie kümmerten, doch das verläuft nicht nur im Fall des Ehepaars Fabelman – beziehungsweise ihrer Alter egos Arnold und Leah Spielberg, Stevens Eltern – keineswegs friktionsfrei. Hier entwickelt The Fabelmans anhand einer individuellen, persönlichen Geschichte eine breitere Perspektive, die ein differenziertes Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in den ersten Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnet.
Inmitten all seiner Erfolge waren zwischenzeitlich immer wieder kritische Stimmen zu hören, die die Qualitäten von Spielbergs Filmen auf die brillante formale Gestaltung reduziert wissen wollten. Nun hat Steven Spielberg wiederholt bewiesen, dass er in Sachen Schauspielerführung bei seinen Inszenierungen ebenso versiert agiert wie in technischen Fragen oder der visuellen Gestaltung. Der ohnehin immer großartig agierenden Michelle Williams gelingt etwa mit der feinsinnigen, nuancierten und sehr berührenden Zeichnung von Mitzi ein Karriere-Highlight.
Angesichts des kongenialen Umgangs mit der eigenen Biographie, die Spielberg mit The Fabelmans gelungen ist, ruft man sich die erwähnte Episode von seiner Kaperung eines leerstehenden Büros bei Universal Pictures in Erinnerung. Die Anekdote wurde immer wieder als Spielbergs beste Geschichte, die er nicht verfilmt hat, apostrophiert. Da geht vielleicht noch etwas in Sachen Autobiographie.
