Die ABC-Serie „Modern Family” hat die Anmutung einer klassischen Sitcom wie „Married with Children”, gekreuzt mit einer Mockumentary.
Mit dem Ende der neunziger Jahre kam auch das Ende der „guten, alten, soliden“ Familienunterhaltung. Serien wie Alle Unter einem Dach, Full House, Familienbande und Unser lautes Heim wurden zunächst von Reality-TV und später vom gegenwärtigen, goldenen TV-Zeitalter und seinen Antihelden, Superhelden und Mittzwanziger-Krisen verdrängt. Dies sind zynische Zeiten für familienfreundliches Fernsehen. Wie sagt man also etwas Neuwertiges über den Zustand der amerikanischen Familie? Die US-Serie Modern Family tut dies mit einer Mischung aus klassischer Familien-Sitcom und moderner Mockumentary.
In einem Vorort von Los Angeles untersucht die ABC-Serie drei unterschiedliche Parzellen einer Familie, die jeweils eine bestimmte Vorlage der zeitgenössischen heimischen Konvention darstellen. Hektisch komprimiert, aber dramatisch elegant; bösartig, aber das Herz am rechten Fleck. Die Lacher kommen nicht aus der Konserve und der Humor ist subtiler als in Komödien der Vergangenheit. In den USA überboten sich die Kritiker deshalb zum Start der Serie im Jahr 2009 mit Lobeshymnen. Inzwischen gehört Modern Family fast schon zu den Klassikern und wurde vergangenen März um eine achte Season verlängert.
Die von Steve Levitan (Just Shoot Me!) und Christopher Lloyd (Frasier) konzipierte Sitcom beschäftigt sich mit titelgebender Familie, die erweiterte Brut von Jay Pritchett (Ed O’Neill), einem abgeklärten, wohlhabenden Patriarchen. Er ist mit der sehr viel jüngeren, feurigen Kolumbianerin Gloria (Sofía Vergara) verheiratet, doch Fremde halten ihn für ihren Vater. Sie hat ihren sensiblen, altklugen Sohn Manny (Rico Rodriguez) mit in die Ehe gebracht, ein freundlicher, kleiner Knödel, das gerne an Espresso nippt und schon mit elf Jahren an die große Liebe und die Macht der Poesie glaubt. Jays Kinder aus erster Ehe sind längst erwachsen und haben selbst Familie. Seine pedantische Tochter Claire (Julie Bowen) hat drei Kinder (Sarah Hyland, Ariel Winter, Nolan Gould) mit dem leicht chaotischen, aber sehr liebenswerten Immobilienmakler Phil Dunphy (Ty Burrell), der Dinge sagt wie „I’ve always said that if my son thinks of me as one of his idiot friends, I’ve succeeded as a dad”. Phil wirft gerne mit Worten wie „cool“ und „awesome“ um sich und adressiert seinen Teenager-Sohn als „Kumpel“. Er ist ein lässiger Dad oder zumindest denkt er das: „I’m hip, I surf the Web, I text. LOL – Laugh out loud. OMG – Oh my God. WTF – Why the face?” Claires Bruder Mitchell (Jesse Tyler Ferguson), ein verklemmter Rechtsanwalt, hat mit seinem schrulligen Lebenspartner Cameron (Eric Stonestreet) eine vietnamesische Tochter adoptiert und versucht permanent nicht „zu schwul“ zu wirken. Soweit die Familienaufstellung.
Sentimentale Lernkurven
Modern Family gehört zum Genre der Mockumentary, eine einst radikale Form, die in eine Art postmodernen Spleen degeneriert ist; veredelt von Christopher Guest (This Is Spinal Tap, Waiting for Guffman) und populär gemacht von Ricky Gervais (The Office). Hin und wieder werfen die Charaktere also einen flüchtigen, vielsagenden Blick in die Kamera oder sprechen mit einem unbekannten Interviewpartner, als ob sie Teil einer Dokumentation wären. In diesem Fall funktioniert das großartig, weil es den Serienmachern erlaubt, die Figuren noch facettenreicher darzustellen. Wenn Claire zum Beispiel behauptet, dass ihr Ehemann schwer zu beschenken ist, kann Phil sagen „Um, things I want: robot dog, night vision goggles, bug vacuum, GPS watch, speakers that look like rocks… I love my wife, but she sucks at giving gifts“. Oder Jay kann hinter dem Rücken seinen Stiefsohns über dessen biologischen Vater lästern: „Manny thinks his dad is like Superman. The truth? He’s a total flake. In fact, the only way he’s like Superman is that they both landed in this country illegally.” So bekommen wir grandiose Pointen aus der Diskrepanz aus dem, was die Charaktere wirklich denken, und dem, was sie bereit sind vor ihrer Familie zuzugeben.
In fast allen rund 22-minütigen Folgen, und davon gibt es vierundzwanzig pro Season, stimmt in der letzten Minute ein Gitarren-Crescendo an, und jemand beginnt in Voice-over darüber zu reden, was es bedeutet eine Ehefrau zu sein oder ein Bruder oder ein Vater. Jede Folge hat in der Tradition der Sitcoms ein einsichtiges Ende, das die guten, alten Familienwerte beschwört. Innig, nett, moralisch integer und bedeutungsschwanger. Kein Problem ist so groß, dass es nicht in einer Gruppenumarmung begraben werden könnte. Die Serie ist also in dieser Hinsicht recht antiquiert, aber sie ist auch gesellschaftlich liberal und politisch unkorrekt. Ein bisschen wie eine Kreuzung zwischen klassischeren Sitcoms wie Married with Children / Eine schrecklich nette Familie und kantigeren Komödien wie Arrested Development, welche 2003 die Familie als jene neurotische und nervtötende Sippschaft porträtierte, die sie oft nun einmal ist – Modern Family verdankt seinem Vorgänger viel von seiner Vision. Die Bundys waren grob und vulgär und interessierten sich nicht die Bohne für verstaubte Familienwerte. Das war eine Variante des häuslichen Lebens, das amerikanischen Wohnzimmern viel vertrauter war als alles andere im Fernsehen. Genauso ist auch Modern Family die Darstellung erkennbaren Familienlebens mit sentimentalen Lernkurven – zumindest für die weiße Mittelschicht. Ed O’Neill, vormals Al Bundy, ist immer noch urkomisch (und nicht mehr so tragisch), aber es ist Ty Burell, der in seiner konsequenten Selbstüberschätzung allen die Show stielt.
Stereotypen gehören zum Standard. Es gibt ein homosexuelles Paar, das ein asiatisches Baby hat; die laute, vollbusige Latina, die mit einem alten, reichen Knacker verheiratet ist; und die traditionelle Kernfamilie, die versucht, den ganz normalen Alltagswahnsinn zu bewältigen. Was die Sitcom so gut macht ist, dass sie Klischees mit einem ambivalenten Achselzucken begegnet. Zugegeben, nach sieben Jahren scheinen Cam und Mitch schon etwas altmodisch in einer TV-Landschaft, in der Serien wie Transparent oder The New Normal existieren, aber das an sich ist schon ein Zeichen des Fortschritts. Dafür verdient Modern Family Anerkennung.
Fast alle Hit-Sitcoms werden mit den Jahren repetitiv. Die Charaktere sitzen in der Endlosschleife fest und bleiben mehr oder weniger dieselben. Man kann nur eine limitierte Zahl von Narrativen um die typischen Eckpfeiler Halloween, Valentinstag und Thanksgiving herum stricken, aber in aller Fairness, Folgen wie „Las Vegas“ in Staffel 5 zählen mitunter zum Besten, was Modern Family zu bieten hat. Phil wird eingeführt in eine geheime Gesellschaft von armseligen Zauberern und der britische Schauspieler Stephen Merchant (Ko-Schöpfer von The Office) liefert eine der feinsten Gastrollen der gesamten Serie.
Man mag sich darüber beschweren, dass Modern Family nicht mehr ganz so charmant ist wie früher. Aber man sollte es als logische Folge von sieben Jahren hoher Einschaltquoten, Preisregen und Wiederholungen sehen. Das ist Raunzen auf sehr hohem Niveau.
