Familienserien

Wenn Papa eine Moppa wird...

| Bettina Schuler |
... dreht die Welt sich weiter wie bisher. So zeigt es die Amazon-Eigenproduktion „Transparent“.

Wenn man anstelle einer Mutter von einem auf den anderen Tag noch eine zweite hat, dann sollte das die Familienkonstellation gehörig durcheinander rütteln. Doch insbesondere die Ex-Frau des emeritierten Politikprofessors Mort Pfeffermann (Jeffrey Tambor) reagiert völlig gelassen auf das Outing ihres ehemaligen Ehemanns. Mort habe schon immer gerne Frauenkleider getragen, erklärt die grauhaarige, gepflegte Endsechzigerin ihren Kinder gänzlich ungerührt, und überhaupt habe doch jeder „sein kleines privates Ding“ laufen. Warum solle man sich also darüber aufregen? Vielleicht, weil Mort nicht mehr nur privat, sondern ganz offiziell als Maura leben will. Was im hippen Los Angeles ungefähr genau sensationell wie ein Jobwechsel ist. Weshalb selbst für den spießigen Ehemann von Mauras ältester Tochter Sarah (Amy Landecker) der Geschlechtswandel seines Schwiegervaters kein Problem darstellt. Zumindest solange, bis sich seine eigene Ehefrau, motiviert vom mutigen Schritt ihres Vaters, dazu entschließt, sich fortan lieber dem eigenen Geschlecht zu widmen. Und das, ohne Rücksprache mit dem Familientherapeuten gehalten zu haben. So geht es zu in der ersten Amazon-Hit-Serie Transparent, welche auch ein veritabler Kritiker-Liebling ist und deren Schöpferin Jill Soloway nicht nur an einer dritten Season, sondern auch an einem Piloten zu einer neuen Show namens I Love Dick arbeitet.

Mort alias Maura tritt mit ihrem Outing als Transsexueller innerhalb ihrer Familie also eine Welle los. Alle seiner drei Kinder scheinen durch den Schritt der Moppa, wie die drei ihren Vater ab dato nennen, ihr eigenes Lebenskonzept in Frage zu stellen. Denn natürlich möchten sie ihrem Vater in Sachen Modernität nicht nachstehen. Auch wenn sie sich im Grunde ihres Herzens nach einer heilen Familie sehnen und es ihnen ganz gleich ist, ob diese aus zwei Frauen plus zwei Kindern, einem gleichgeschlechtlichem oder mehreren Partnern besteht. Hauptsache, traute Harmonie und eitel Sonnenschein, eben all das, was sie mit ihren beiden Eltern Mort/Maura und Shelly (Judith Light) nie hatten und auch niemals haben werden.

Mauras Sohn Josh (Jay Duplass) etwa sieht sich noch immer in der Rolle des Kindes. Weshalb er passenderweise auch noch eine sehr intime Beziehung mit seiner ehemaligen Babysitterin pflegt. Diese ist zwar doppelt so alt wie er, befriedigt aber dafür mit ihreren weichen Rundungen und fürsorglichen Art seine Sehnsucht nach Mütterlichkeit. Ein Attribut, das man seiner drahtigen Mutter Shelly, die eher der Typ für eine schnelle Umarmung ist, nicht zuschreiben kann. Wahrscheinlich auch, weil sie schon lange vor Morts Outing die klassische Vaterrolle in der Familie übernehmen musste, also planen, organisieren, mitten im Chaos einen kühlen Kopf bewahren und sich bloß nicht von den Gefühlen überrennen lassen.

Ali (Gaby Hoffmann), das Nesthäckchen der Familie, ist in diesem Punkt genau das Gegenteil. Denn sie weiß eigentlich prinzipiell nicht, wie sie die Dinge angehen soll. Ein neues Studium oder doch beim alten Fach bleiben? Ein Mann oder eine Frau oder beide? Wen liebt sie jetzt? Ali scheint sich in einem nicht endenwollenden Selbstfindungsprozess zu befinden, der noch intensiver betrieben wird, nachdem ihr Vater sich als transsexuell geoutet hat. Wobei sie dabei völlig übersieht, dass ihre Moppa konsequent einen Weg geht, für den sie sich entschieden hat und nicht wie Ali davon getrieben wird, alles auszuprobieren, um ja nicht die eine, vielleicht entscheidende Chance zu verpassen. Ali geht ihre Experimente viel oberflächlicher und unbedarfter an. Zum einen, weil sie aus einer Generation stammt, in der es wesentlich unproblematischer ist, als Homosexuelle oder Transgender zu leben. Zum anderen, weil sie viel leichter als Maura zu beeinflussen ist, und jedes Mal, wenn sie auf eine charismatische Person trifft, versucht deren Lebensstil zu kopieren. Vielleicht auch in der Hoffnung, dass etwas von deren Ausstrahlung auf sie abfärben könnte.

Ganz normal wahnsinnig

Mort/Maura probiert nichts aus, sie weiß, was sie ist: eine Frau und kein Mann. Und als solche möchte sie auch wahrgenommen werden. Die LGTB-Szene ist für sie nicht bloß ein schicker Lifestyle – wie in Serien wie The L-World gern dargestellt –, sondern ihr Raum, um ihre Identität offen ausleben zu können. Das sieht man schon an der Art, wie sich Maura kleidet. Sie trägt keine albernen kurzen Miniröcke und übertriebenen roten Lidschatten, sondern Frauenkleidung, die ihrem Alter enstpricht. Weshalb sie auch nichts mit dem Klischee des aufgedonnerten Transgender-Mannes gemein hat, der in einer übertrieben hohen und gekünstelten Stimme spricht. Nein, Maura gibt sich wie eine Frau ihres Alters, die modern, aber nicht künstlich jung sein will. Auch in diesem Punkt ist die Serie Transparent angenehm anders als The L-World, in der fast alle lesbischen Frauen wie Supermodels aussehen. Oder zumindest unglaublich klug, erfolgreich oder lustig sind. Maura ist nichts von alledem. Sie ist eine recht normale, manchmal sehr umständliche Endsechzigerin, die sich in ihrem neuen Umfeld erst zurechtfinden muss, da sie die Codes noch nicht kennt. Ansonsten unterscheidet sie sich nicht sonderlich von den anderen Müttern ihrer Generation, abgesehen davon, dass sie im Körper eines Mannes lebt. Doch wie es in Familien so üblich ist, hat dafür der Ehepartner, in diesem Fall Shelly, die freibleibende Rolle übernommen. Weshalb die Familienkonstellation, wie sie in Transparent dargestellt wird, weniger alternativ ist als sie im ersten Moment erscheint. Scheidung, Patchwork, Hinwendung zum anderen Geschlecht, diese Konstellation lässt sich mittlerweile in jeder Großstadt finden. Das ist auch das Besondere an dieser Serie: Mauras Outing, die Suche der Kinder nach der eigenen Identität, ja selbst die abstruse Affäre von Josh mit seiner mütterlichen Babysitterin werden nicht als abnormal, befremdlich oder skandalös dargestellt, sondern als Geschichte mit allen Konflikten, die dabei eben auftreten. Wobei die Probleme der Kinder nach und nach den Geschlechtswandel des Vaters in den Hintergrund drängen – Kinder stehen nun mal im Mittelpunkt jedes Familienuniversums.

Natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen alles völlig aus dem Ruder läuft und man sich als Zuschauer im Irrenhaus wähnt, weil alle Beteiligten vor lauter Beziehungsverstrickungen am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen. Doch wenn sie dann beim Abendessen zusammensitzen, dann sind sie wieder eine ganz normal wahnsinnige Familie, in welcher der eine dem anderen nicht zuhört, in der die große Schwester blöde Witze über die kleinere macht, und in der die Eltern am Ende des Abends nerven, weil man zu viel Zeit mit ihnen verbracht hat. Denn ganz gleich, ob der Vater transsexuell, CSU-Wähler oder Johnny Depp höchstpersönlich ist: Irgendwann nerven sie alle. Auch Maura.