Der mexikanische Regisseur Michel Franco dreht und produziert seine Filme selbst. „Sundown“ ist sein siebentes Werk – ein eigenwilliges, sperriges und seltsam bewegendes Stück Kino. Ein Gespräch über Arbeitswut, Familienangelegenheiten und das Problem mit dem System.
Am Ende, soviel sei verraten, macht alles Sinn. Aber da ist es längst zu spät. Wie so oft im Leben. Zu spät für Aussprachen oder Versöhnungen. Zu spät für jede Hilfe, jeden Kompromiss. Bis es so weit kommt, verfolgt man Neil Bennett, die Hauptfigur in Michel Francos Sundown, mit Staunen, Verwunderung und einem mehr als unguten Gefühl, dass hier etwas zutiefst im Argen liegt. Bennett ist mit seiner Schwester und ihren Kindern nach Acapulco gekommen, um Urlaub zu machen. Die Familie hat Geld, es mangelt an nichts. Doch als die Geschwister die Nachricht erreicht, dass ihre Mutter gestorben ist, fliegt Alice (Charlotte Gainsbourg) allein nach Hause, während Neil unter einem Vorwand zurückbleibt. Es ist der Beginn eines neuen Kapitels für den zunehmend in sich gekehrten Mann und der Auftakt zu einem Film, den sein Hauptdarsteller Tim Roth fast ganz allein auf den schmalen, geknickten Schultern trägt. Irgendetwas scheint ihn zu belasten. Die Trauer allein kann es kaum sein. Hat er einfach keine Lust mehr auf sein früheres Leben?
Michel Franco lässt die Frage lange unbeantwortet. Sein Kino ist keines der großen Gesten. Man sieht, was geschieht, und ist allein mit sich, mit den Figuren und den eigenen Emotionen. Darin liegt eine Freiheit, die Franco für seine eigene Arbeit wie für sein Publikum beansprucht. Das weiß man vor allem in seiner Heimat Mexiko zu schätzen, wo die Werke seit seinem Regiedebüt Daniel & Ana stets erfolgreich in den Kinos laufen. Und eigentlich müsste er längst auch international für viel größeres Aufsehen sorgen, zumal er seit Jahren als regelmäßiger Gast auf sämtlichen wichtigen Festivals vertreten ist. Aber Franco, der selbst mit 42 Jahren noch jungenhaft wirkt, lässt sich vom „System“, wie er das Filmgeschäft gerne nennt, nicht verschlucken. Er ist und bleibt auch nach sieben Filmen weiterhin sein eigener Herr – und ein äußerst spannender Autorenfilmer sowieso.
Ihre letzten beiden Filme sind trotz Pandemie innerhalb von kürzester Zeit entstanden. Wie haben Sie das geschafft?
Michel Franco: Ich muss arbeiten, ich kann nicht anders. Manchmal werde ich gefragt, warum ich nicht einfach eine Pause mache. Nur wovon lebe ich dann? Ich mache keine großen Filme, die viel Profit abwerfen. Und weil ich meine Filme selbst produziere, zahle ich mir auch kein Gehalt aus. Ich muss bis ganz zum Schluss warten, um zu sehen, wie viel am Ende übrig ist. Aber eigentlich geht es um etwas anderes. Nur wenn ich arbeite, kann ich besser werden. Gute Filme zu drehen, ist Übungssache. Es ist wie mit allen Dingen im Leben, je mehr man übt, desto besser wird man. Die besten Regisseure sind die mit den größten Filmografien. Und ich denke, man sollte seine Chancen nutzen, wenn man kann. Warum nicht? Man muss bereit sein. Und ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder, kein Leben, das mich von der Arbeit ablenkt. Es gibt sicher Menschen, die finden das traurig. Ich bin da anderer Meinung, es ist mein Leben.
Haben Sie Ihr Leben für das Filmemachen aufgegeben?
Nein, ich habe nichts eingebüßt oder aufgegeben. Ich mache meine Filme zusammen mit Lorenzo Vigas, meinem Produktionspartner, und er ist gleichzeitig ein enger Freund von mir. Wir sind wie zwei Geeks. Seit wir uns kennen, reden wir übers Filmemachen. Zuerst haben wir uns gegenseitig Filmtipps gegeben, wir haben uns darüber ausgetauscht, welche Regisseure wir toll finden. Eines Tages erzählte ich ihm von Daniel & Ana. Ich meinte zu ihm, ich würde gerne einen Spielfilm drehen. Er hat mich dabei unterstützt. Im Laufe der Zeit wurde das Filmemachen mein Leben. Es war ein natürlicher Prozess. Heute sucht meine Mutter Drehorte für mich, und meine ältere Schwester, die Anwältin ist, kümmert sich um die rechtlichen Angelegenheiten. Meine jüngere Schwester ist auch Regisseurin, wir reden ständig über nichts anderes als Film.
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Sie haben daraus ein Familiengeschäft gemacht.
Ja, so ist es gekommen, geplant war das nicht. Aber Film hat diese Eigenschaft, Film zieht alle an.
„New Order“ war schon ein sehr verstörender Film, „Sundown“ ist fast noch beängstigender, weil die Gewalt, die Sie zeigen, so real ist.
Ja, sehr real sogar. Deshalb wollte ich auch die Archivaufnahmen mit in den Film einbauen. Wir haben die Schießerei am Strand genauso nachgestellt, wie sie sich ereignet hat. Und dann sieht man in der Szene danach die Nachrichtenbilder von damals im Fernsehen. Aber das Schockierendste ist für mich, dass die Touristen einfach am Strand liegen bleiben, als sei nichts geschehen.
Die Gewalt wird zur Gewohnheit.
Ja, auch die Einheimischen reagieren kaum, als sie die Leiche sehen. Und Neil Bennett, Tims Figur im Film, bleibt eigentlich auch viel zu ruhig. Nur er hat seine eigenen Gründe dafür. Aber diese Gegenüberstellung von dem, was in ihm vorgeht, und dem, was um ihn herum passiert, hat mich hier am meisten interessiert.
Sowohl in „Chronic“, Ihrer ersten Zusammenarbeit mit Tim Roth, und jetzt in „Sundown“ gelingt es Ihnen, eine Seite von Tim Roth zu zeigen, die man sonst nicht so häufig bei ihm sieht. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Ihnen?
Als wir uns zum ersten Mal trafen, hatte ich dieses Cool-Guy-Image von ihm im Kopf. Ich kannte ihn nur aus Filmen wie
Reservoir Dogs. Und ich hatte die Rolle in Chronic eigentlich für eine Frau geschrieben. Aber dann meinte er zu mir, er würde den Part als Pfleger spielen. Ich bezweifelte, dass es ihm gelingen würde, und sagte ihm, dass er zu cool dafür sei. Woraufhin er sagte: „Ich bin Schauspieler und kein Filmstar.“ Es war eine Herausforderung für ihn, aber ich musste ihm vertrauen, dass es funktioniert. Und er war großartig. Heute sehe ich ihn mehr von dieser ruhigen Seite, und ich sehe die dunklen Seiten. Darüber hinaus ist er selbst ein phantastischer Regisseur. Ich habe The War Zone gesehen, da war ich kaum 20 Jahre alt, ohne dass ich wusste, wer er war. Aber ich kann mich noch erinnern, dass ich damals gedacht habe, wenn ich einmal Regisseur werde, dann will ich genau solche Filme drehen.
Wie haben Sie die Rollen an ihn herangetragen?
Als ich Chronic schrieb, habe ich ihm genau erzählt, was ich vor hatte. Und ich fragte ihn direkt, was ich ihm zahlen müsse für so einen Job. Er meinte, das sollte ich mit seinem Agenten regeln, aber ich musste mir sicher sein, dass er am Ende nicht abspringt. Ich bin mein eigener Produzent, ich muss wissen, ob ich mir einen Schauspieler wie ihn leisten kann. Ich brauchte die Sicherheit, dass der, für den ich die Rolle schreibe, sie am Ende auch spielen würde. Bei Sundown war es ein bisschen anders. Ich war sehr bedrückt zu der Zeit, als ich das Drehbuch schrieb. Es kam einfach so aus mir heraus, komplett auf ihn zugeschnitten. Ich hatte nur zwei Wochen darüber nachgedacht, und nach zwei weiteren Wochen war die erste Fassung fertig. Aber ich wusste nicht, ob das, was ich da geschrieben hatte, tatsächlich etwas taugte. Ich habe das Drehbuch dann übersetzen lassen, weil ich auf Spanisch schreibe. Nachdem Tim es gelesen hatte, sagte er sofort zu, ohne große Fragen zu stellen. Aber das stellte sich beim Drehen schließlich als problematisch heraus, weil er plötzlich mit all seinen Fragen kam, auf die ich keine Antworten hatte. Ich wusste genau, was ich wollte, aber es war schwer – für ihn und für mich selbst – die Figur wirklich greifbar zu machen.
Überlassen Sie es sonst eher den Schauspielern, das selbst zu tun?
Wenn möglich ja. Und wenn man es mit Schauspielern wie Tim Roth oder Charlotte Gainsbourg zu tun hat, dann will man, dass sie ihr Ding machen. Man erwartet, dass sie ihre Rolle meistern.
Worin lag diesmal das Problem?
Tim meinte einmal zu mir: „Das Schwerste ist es, nichts zu tun.“ Deshalb hat ihm auch Figur des Vaters in After Lucia so gut gefallen. Und er hat recht. Ich glaube, wir haben uns in der Hinsicht beide gegenseitig nach vorne getrieben, seit wir uns kennen.
Charlotte Gainsbourg wird im Film so wütend, wie man sie selten sieht.
Ich habe nicht von ihr verlangt, dass sie schreit. Es war ihre Idee. Sie erzählte mir hinterher, dass sie Tim am liebsten rechts und links geohrfeigt hätte. Aber sie hat sich kontrolliert, weil sie wusste, dass mir das nicht gefallen hätte, weil es übertrieben gewirkt hätte. Aber sie hätte gerne zugeschlagen. Sie war so wütend auf ihn, auf seine Figur.
Warum waren Sie deprimiert, als Sie das Drehbuch geschrieben haben?
Aus persönlichen Gründen. Ich hatte ein paar falsche Entscheidungen getroffen und war unglücklich darüber. Vielleicht lag es auch daran, dass ich 40 wurde. Auf jeden Fall hatte es auch damit zu tun, dass ich ziemliche Schwierigkeiten hatte, New Order zu drehen. Nach vier oder fünf Jahren, die ich bereits daran gearbeitet hatte, wollte ich endlich den Film drehen. Aber es war eine Art Monster daraus geworden. Ich war kurz davor, daran zu verzweifeln. Aber ich habe mich aus dieser Ecke mittlerweile langsam wieder heraus gekämpft, zuerst mit New Order und dann mit Sundown.
Können Sie sich mit der Figur Neil Benett auch ein Stück weit selbst identifizieren?
Ich weiß nicht, wie ich in seiner Situation reagieren würde. Aber ich kann verstehen, wie er sich fühlt. Ich kann verstehen, wie er handelt. Und ich denke, dass alles, was er tut, von Herzen kommt. Dass es schiefgeht, dafür kann er nichts. Aber er muss damit umgehen. Und wie er das tut, hat mich an der Figur fasziniert.
Gab es Bezüge, auf die Sie sich beim Schreiben stützen konnten?
Am Anfang nicht. Aber nachdem ich die erste Fassung geschrieben hatte, las ich „Der Fremde“ von Camus und „Bartleby, der Schreiber“ von Herman Melville. Vor allem letzteres Buch ist sehr traurig und unterhaltsam zugleich.
Und recht düster.
Ja, das gefällt mir auch daran. Es ruft Emotionen hervor. Nichts anderes versuche ich im Film zu erreichen.
Gibt es auch filmische Einflüsse?
Früher habe ich mich in meiner Arbeit vor allem auf Filmreferenzen verlassen. Jetzt versuche ich, davon weitestgehend Abstand zu halten.
Wie kommt das?
Ich wollte weg von den filmischen Verweisen. Als ich anfing, Filme zu drehen, fehlte mir noch das Selbstbewusstsein. Ich musste erst meine eigenen Stärken und mich selbst als Regisseur erkennen, um zu begreifen, was ich machen und wie weit ich damit gehen könne. Ich war ziemlich radikal, hatte mir meine eigenen Regeln auferlegt und drehte meine ersten Filme auf eine bestimmte Art und Weise, so dass ich oft mit Michael Haneke verglichen wurde. Ich kann verstehen, warum. Und Haneke hat wiederum viel von Ingmar Bergman übernommen. Heute drehe ich anders als früher. Vielleicht steckt etwas von The Passenger von Antonioni in Sundown. Aber seien wir mal ehrlich, niemand erfindet heute das Rad neu. Mit jedem Werk versuche ich mich ein Stück mehr selbst zu finden. Ich verzichte heute auf strenge Regeln. Ich bewege die Kamera mehr fließend als früher und solche Sachen. Ich erlaube mir selbst mehr Freiheiten.
Sie drehen allerdings immer noch alle Filme chronologisch.
Ja, und ich denke, das ist gut so. Ich verstehe nicht, warum andere Regisseure sich das antun, nicht chronologisch zu drehen. Es heißt immer, es sei sonst zu teuer. Aber das stimmt nicht. Es kommt darauf an, wie man produziert. Man kann auch mal an einen Drehort zurückkehren, davon geht die Welt nicht unter. Aber das wollen viele nicht einsehen.
Macht es die Arbeit für Sie einfacher, Ihr eigener Produzent zu sein?
Das System ist darauf ausgerichtet, alles zu zerstören, was irgendwie interessant oder anders ist. Das fängt schon damit an, wenn es heißt, man solle den Film, den man machen will, in einem Satz erklären. Was soll das? Wenn es einen ganze Film braucht, um die Geschichte zu erzählen, wie soll das in einem Satz funktionieren? Das ist schon einmal der komplett falsche Ansatz. Und dann ist da noch das Problem mit den Genres. Wenn man einmal einen erfolgreichen Thriller gedreht hat, sollen plötzlich alle Filme am besten irgendwie Thriller sein, egal welche Geschichte man eigentlich erzählen will. Damit macht man das Kino kaputt. Und Karrieren, denn wenn man ein, zwei Mal einen falschen Schritt tut, ist man raus. Und wann man seinen Mut erst einmal verloren hat, ist es schwer, sich wieder aufzurappeln.
Was haben Sie nach sieben Filmen für sich und über sich gelernt?
Ich glaube, mir ist bei Sundown zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass es in meinen Filmen immer um Familienbeziehungen geht. Um Menschen, die sich eigentlich lieben, aber sich immer wieder verletzen, obwohl sie das gar nicht wollen. Eigentlich ist das offensichtlich, aber manchmal sieht man genau die Dinge nicht, die direkt vor einem liegen. Ich weiß nicht, ob ich daraus etwas lernen kann, aber die Erkenntnis gibt mir eine gewisse Befriedigung. Und ich kann heute besser mit den Fehlern umgehen, die ich als Regisseur gemacht habe.
Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Nein, nicht in Bezug auf meine Arbeit. Denn wenn man einen Film verpatzt, ist es trotzdem nur ein Film. Natürlich will ich auch als Regisseur unbedingt Fehler vermeiden. Aber es besteht ein großer Unterschied darin, ob man am Set eine falsche Entscheidung trifft oder im Leben. Und manchmal kann am Ende sogar etwas Gutes dabei herauskommen, wenn man improvisieren oder einen Schauspieler ersetzen muss. Im wahren Leben kann man sich Fehler nicht leisten. Wenn man es einmal vermasselt, hat man seine Chance vertan und bekommt womöglich keine zweite.
