Gesegnete Mahlzeit mit Bauchgrimmen
Die 15-jährige Simi besucht ihre Tante Claudia am Land, wo diese mit Mann Stefan und Sohn Filipp einen alten Bauernhof renoviert. Die Teenagerin hadert mit ihrem Gewicht und erhofft sich Rat und Hilfe von der Tante, die mit Büchern über gesunde Ernährung erfolgreich ist. Es ist die Woche vor Ostern, die Karwoche, in der jedem Tag gesonderte Bedeutung zukommt und an deren Ende die frohe Botschaft von der Wiederauferstehung des Erlösers, vom Sieg über den Tod, in die Welt hinaus getragen wird. Doch feierliche Stimmung will sich nicht so recht einstellen, der Himmel ist grau, die Wolken lasten, Feuchtigkeit kriecht in alle Glieder und klamm sind nicht nur Simis Gefühle. Tante Claudia macht kein Hehl daraus, dass ihr der Besuch der Nichte nicht wirklich willkommen ist, und glatt feindselig begegnet ihr Cousin Filipp, in dessen Zimmer Simi untergebracht wird.
Von Beginn an lässt Peter Hengl in seinem Spielfilmdebüt Family Dinner keinen Zweifel daran aufkommen, dass in dieser Familie etwas faul ist. Von Beginn an herrscht eine Doppelbödigkeit in Handlung und Ausdruck, lauert im Verborgenen eine weitere Agenda, macht etwas Ungesagtes, möglicherweise (oder wahrscheinlich) Unaussprechliches, die Beziehungen und Gespräche scharfkantig. Grobheiten werden ohne Reue serviert, rücksichtlos Wahrheiten behauptet, die in erster Linie Kränkungen sind. Man schluckt, auch wenn es schwer zu verdauen ist. Und die einzige Wärme geht von den opulenten, mit sichtlicher Expertise zubereiteten Mahlzeiten aus, die Filipp gereicht werden, als müsste er angefüttert werden. Während Simi sich bald schon auf Nulldiät gesetzt sieht, denn, so die Tante, ihr Körper muss „entgiftet“ werden. Möglicherweise also ist das, was dann folgt, eine dem Hunger geschuldete, wahnhafte Halluzination. Wahrscheinlich aber eher nicht.
Hengl, der mit Family Dinner ein eigenes Drehbuch verfilmt, greift für seinen stimmungsvoll-düsteren Heimathorrorfilm zurück auf vorchristliche Traditionen rund um das Hohe Fest der Wiederauferstehung: Elemente archaischer Kulte, die in Osterfeuern, bemalten Eiern und auch in der Transsubstantation, dem zentralen Element des letzten Abendmahls, überdauert haben. In der Rolle der Claudia nutzt Pia Hierzegger gewinnbringend ihr unheimliches Potenzial, während Nina Katlein als Simi ein furchtlos-fulminantes Debüt hinlegt. Das mit dem Abnehmen ist danach nicht mehr so wichtig.
