Far From the Madding Crowd – Die Qual der Wahl

Die Qual der Wahl

| Pamela Jahn |

Carey Mulligan hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer der begehrtesten Schauspielerinnen ihrer Generation entwickelt. In Thomas Vinterbergs „Far from the Madding Crowd“ beweist sie einmal mehr, dass die Nachfrage durchaus berechtigt ist.

Bathsheba Everdene, der Name ist so eigenartig wie die junge Frau, die ihn trägt – wobei die Betonung hier bewusst auf eigen liegt, nicht auf artig. Denn Bathsheba (Carey Mulligan) ist nicht nur schön, klug und bisweilen ungestüm, sondern hat obendrein beschlossen, sich, wenn überhaupt, dann nur aus wahrer Liebe und niemals aus Vernunft an einen Mann zu binden, was im viktorianischen England längst keine Selbstverständlichkeit ist. Dazu kommt, dass auch die Auswahl an potenziellen Kandidaten in der ländlichen Idylle, in der sie lebt, recht dünn gesät scheint. Als zunächst der bodenständige Schäfer Gabriel Oak (Matthias Schoenaerts) um ihre Hand bittet, weist sie ihn hochmütig ab. Und auch ihr zweiter Verehrer, der verschlossene Gutsbesitzer William Boldwood (Michael Sheen), scheint wenig Aussicht auf Erfolg zu haben, obwohl Bathsheba seinen Antrag angesichts der hervorragenden gesellschaftlichen Stellung, die ihr mit einer Heirat offen stünde, zumindest in Erwägung zieht.Doch auch sie war nach dem Tod eines wohlhabenden Onkels in den Besitz einer Farm von beträchtlichem Ausmaß gekommen, was sie in ihrer Unabhängigkeit bestärkt, zumal sie deren Führung so eigenständig in die Hand nimmt wie fast alles im Leben. Allein Gabriel Oak, dem sie eine neue Anstellung als Schäfer gibt, nachdem er zuvor durch einen Schicksalsschlag sein Hab und Gut verloren hatte, wird der jungen Gutsherrin zur Vertrauens- und Bezugsperson. Sie schätzt ihn, sucht seinen Rat. Aber letztendlich kann auch Oak nicht verhindern, dass Bathshebas plötzliche Zuneigung für den feschen, aber nichtsnutzigen Sergeant Troy (Tom Sturridge) sie in ein lange währendes Unglück stürzt.

Carey Mulligan, die quirlige Britin mit dem nicht weniger gewöhnungsbedürftigen Namen, verkörpert Thomas Hardys außergewöhnliche Romanheldin in der zweiten werkgetreuen Verfilmung von Far from the Madding Crowd – diesmal unter der Regie des Dänen Thomas Vinterberg – mit einer Wahrhaftigkeit, die durch und durch unter die Haut geht. Überhaupt ist Mulligan seit ihrem internationalen Durchbruch mit Lone Scherfigs An Education (2009) innerhalb weniger Jahre der große Befreiungsschlag gelungen: Mit exzellenten Darstellungen (Inside Llewyn Davis, Drive, Shame, Never Let Me Go) hat sie sich nicht nur fest ins Gedächtnis des Publikums, sondern außerdem ganz oben auf die Casting-Wunschlisten der größten und angesagtesten Regisseure gespielt. Dass sie bei der Auswahl ihrer Rollen trotzdem nicht den Boden unter den Füßen verliert, zeugt von einer Entschlusskraft, die nicht weniger imponiert als die zurückhaltende Gelassenheit, mit der sie persönlich ihrem außergewöhnlichen Talent gegenüber steht.

Bathsheba Everdene gehört, ähnlich wie Fontanes Effi Briest oder Tolstois Anna Karenina, zu den zentralen Frauengestalten in der Literatur des späten 19. Jahrhunderts. War der Roman bei Ihnen in der Schule Pflichtlektüre?
Nein, komischerweise haben wir andere Sachen von Thomas Hardy gelesen, aber ausgerechnet  Madding Crowd ausgelassen – keine Ahnung, warum. Das heißt, ich wusste zwar, worum es geht, aber den Roman habe ich tatsächlich zum ersten Mal gelesen, als Thomas Vinterberg mir die Rolle anbot. Ich wollte zu dem Zeitpunkt eigentlich nicht unbedingt noch ein Kostümdrama drehen, aber andererseits war es eine wunderbare Gelegenheit, mit Thomas zu arbeiten, und außerdem hat mich das Buch im Nachhinein unheimlich fasziniert. Es gibt nicht viele große Frauenfiguren wie diese, deshalb war es letztlich Nebensache, in welcher Zeit die Geschichte spielt.

Was war Ihr erster Eindruck von der Figur? Das Drehbuch von David Nicholls scheint etwas milder mit ihr umzugehen als die Originalvorlage.
Das stimmt. Im Buch wirkt sie noch viel schroffer, ungeschliffener, komplizierter. Aber ich war sofort begeistert von Bathsheba. Ich denke, sie ist ein unglaublich spannender Charakter, obwohl oder gerade weil vieles an ihr auf den ersten Blick eigentlich ziemlich unsympathisch ist. Sie ist eine moderne Frau, die ihren eigenen Kopf hat und die ihr Leben stets selbst in die Hand nimmt. Das ist natürlich erstaunlich, wenn man bedenkt, in welcher Zeit die Geschichte spielt, und dann noch geschrieben von einem Mann. Allerdings ist sie am Anfang der Geschichte auch noch schrecklich jung, und in dem Alter haben wir alle Fehler gemacht. Sie weiß nicht so recht, wer sie ist oder wo sie hin will im Leben, und lernt sich selbst erst im Laufe der Geschichte richtig kennen, und zwar in erster Linie über die anderen Menschen, mit denen sie sich umgibt, insbesondere Oak. Aber auf dem Weg dahin ist sie oft unsicher und verwirrt, voller Stolz und ganz schön eingebildet, und sie muss eine Menge durchmachen, um aus dem ganzen Schlamassel am Ende als ein besserer Mensch hervorzugehen.

Das klingt gar nicht so viel anders als An Education?
Jetzt, wo Sie es sagen! (Lacht.) Aber es stimmt schon, beides sind auf ihre Art und Weise Coming-of-Age-Geschichten, wenn auch die Zeiten und die Umstände andere sind.

Warum wollten Sie unbedingt mit Vinterberg arbeiten?
Ich war begeistert von Festen und in derselben Woche, in der das Angebot zu Madding Crowd kam, hatte ich mir im Kino The Hunt angesehen – ganz ehrlich, da musste ich nicht mehr lange überlegen.

Waren Sie nach An Education auf der Suche nach einem neuen dänischen Regisseur?
Ich bin immer auf der Suche nach einem neuen dänischen Regisseur! (Lacht.) Nein, ganz ehrlich, ich arbeite gern mit Dänen zusammen. Sie sind sehr direkt und sehr ehrlich. Ich mag das.

Denken Sie, der Film hätte anders ausgesehen, wenn ein Brite Regie geführt hätte?
Mit Sicherheit, ich glaube schon. Abgesehen von dem Drama, das der Geschichte eingeschrieben ist, wirkt der Film lockerer, weniger zugeknöpft, als das bei historischen Verfilmungen oftmals der Fall ist. Was nicht heißen soll, dass Thomas die Sache nicht genau genommen hat. Aber ich finde, das Ganze wirkt ein bisschen greifbarer und hat weniger was von dem üblichen „Menschen in Kostümen“-Flair, bei dem der Zuschauer irgendwie immer auf Distanz gehalten wird. In dieser Hinsicht hat Thomas das Regelbuch für Kostümdramen über Bord geworfen und uns mehr oder weniger machen lassen. Es gab Momente beim Drehen, da meinte ich am Ende einer Szene: „Entschuldigung, ich fürchte, das müssen wir noch einmal machen. Ich hab total krumm dagesessen, das wäre ihr nicht passiert.“ Aber Thomas sagte daraufhin nur: „Ach was, na und? Das war großartig, das lassen wir so.“

Bathsheba muss sich zwischen verschiedenen Männern entscheiden. Im Grunde hat sie die Qual der Wahl und gerät zunächst doch an den Falschen. Wie gut sind Sie persönlich darin, Entscheidungen zu treffen?
Ich kann ganz schön impulsiv sein, aber wenn es um meine Arbeit geht, weiß ich ziemlich genau, was ich will, beziehungsweise was gut für mich ist. Und ich vertraue sehr auf mein Umfeld, meine Familie, meine Freunde und die Leute, mit denen ich eng zusammenarbeite – ohne den guten Rat von den Menschen, die mir nahe stehen, wäre ich sicher verloren.

Können Sie auch stur sein?
Ich denke, es kommt darauf an, ob man einfach einen Rat nicht annehmen will oder ob es sich um eine dieser Situationen handelt, in der man auf sein Bauchgefühl vertrauen muss, komme was wolle. Bei manchen Dingen kommt es darauf an, den richtigen Instinkt zu haben, und bei mir ist das vor allem in Bezug auf Filmangebote so. Wenn ich das Drehbuch gelesen habe und mich die Figur danach nicht gleich loslässt, sondern ich noch Tage später darüber nachdenke oder nachts nicht schlafen kann deswegen, dann sind das meistens auch die Rollen, die ich am Ende annehme. Aber wie gesagt, in Arbeitsangelegenheiten habe ich da weniger Probleme als im privaten Bereich.

Was meinen Sie, warum entscheiden sich Frauen so oft für den falschen Mann?
Gute Frage, ich hab keine Ahnung. Das ist ein zeitloses Phänomen.

Das klingt, als hätten Sie den Fehler auch schon einmal gemacht?
Ja, mindestens einmal! Aber was Madding Crowd angeht, reprä-sentiert Troy für Bathsheba ganz eindeutig etwas, das ihr Oak nicht bieten kann. Oak ist ein einfacher Schäfer, ein netter Bursche, aber nicht sehr gebildet und schon gar nicht poetisch oder eloquent. Troy dagegen ist sehr forsch und direkt, und das imponiert ihr. Sie ist recht mutig und unkonventionell in dem, wie sie ihr Leben führt, und er scheint diese Lebensweise zu teilen. Ehe sie dann merkt, dass sie sich in ihm geirrt hat, ist es bereits zu spät. Aber die sozialen Konventionen der Zeit verlangen es, dass sie weiterhin gute Miene zum bösen Spiel macht.

Sie haben auf einem Gutshof in Dorset gedreht, in vielen Szenen sieht man Sie selbst auch mit anpacken. Hatten sie Spaß daran, das Mädchen vom Lande zu spielen?
Auf jeden Fall, ich bin schrecklich gern auf dem Land und an der frischen Luft. In meinen Bekanntenkreis gibt es Leute, die eine Farm betreiben, und ich hatte als Kind schon mal irgendwann Kühe gemolken. Aber es war toll, das jetzt richtig zu lernen, auch wie man Schafe wäscht und so weiter. Es war auch das erste Mal, dass ich reiten lernen durfte. Natürlich nur für ein paar harmlose Szenen, die versicherungstechnisch vertretbar waren, aber immerhin. Und dann bin ich trotzdem einmal vom Pferd gefallen! Aber ich wollte mit anpacken, ich wollte, dass man ein Gefühl dafür bekommt, wie aktiv involviert sie in die täglichen Arbeiten auf der Farm war, so wie das im Buch auch sehr schön beschrieben ist. Das ist ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit, und deshalb konnte ich nicht einfach so tun als ob – das hätte mir keiner abgenommen.

Mit Matthias Schoenaerts auf der einen und Michael Sheen auf der anderen Seite hatten Sie es mit zwei Ausnahmeschauspielern zu tun, von denen jeder auf seine Weise recht außergewöhnlich ist. Wie lief die Zusammenarbeit zwischen ihnen?
Ja, beide sind sehr verschieden, auch in der Arbeitsweise. Aber was sie beide miteinander verbindet, ist die Ehrlichkeit, mit der sie an die Sache herangehen. Ich wollte unbedingt, dass Matthias die Rolle des Oak übernimmt, obwohl ich ihn vorher eigentlich nur in Der Geschmack von Rost und Knochen gesehen hatte, aber davon ganz und gar begeistert war. Mit Michael war das ähnlich, den hatte ich vor Jahren zum ersten Mal in einem Fernsehfilm gesehen, Dirty Filthy Love. Darin spielt er einen Architekten, der unter dem Tourette-Syndrom leidet. Es war eine der ergreifendsten und genauesten Performances, die ich bis dahin gesehen hatte. Das heißt, ich hatte vor beiden unheimlichen Respekt. Aber wie gesagt, auch wenn sie auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken, das Faszinierende ist, wie unfassbar ehrlich sie ihren Figuren gegenüber sind. Matthias hat ja relativ wenig Dialog, aber es gelingt ihm dennoch, seinem Oak eine Wärme zu vermitteln, die einen förmlich umhaut. Michaels Boldwood dagegen macht diese gewaltige Verwandlung von einem anfangs recht introvertierten, aufrichtigen Mann, der am Ende des Films in ein totales emotionales Wrack verfällt. Auch er hat dafür relativ wenig Spielraum, aber ihm gelingt es trotzdem, seinen Boldwood zweihundert Prozent glaubhaft darzustellen.

Es gibt die berühmte Verfilmung von John Schlesinger aus dem Jahr 1967 mit Julie Christie in der weiblichen Hauptrolle. Hatten Sie vorab Bedenken, in so große Fußstapfen zu treten?
Nicht wirklich. Ich bin schon in ganz andere Fußstapfen getreten und versuche, mich damit nicht verrückt zu machen. Ich habe den Film bis heute nicht gesehen. Als wir The Great Gatsby gedreht haben, habe ich auch die Version mit Mia Farrow nie angeschaut. Ein Grund dafür ist, dass ich vor ein paar Jahren, als ich am Theater die Nina in Tschechows „Die Möwe“ gespielt habe, ein paar Wochen nach der Premiere Sidney Lumets Verfilmung angeschaut habe, in der Vanessa Redgrave meine Rolle spielt. Natürlich waren unsere Ansätze zwei völlig verschiedene, aber ihre Darstellung hat mich so fasziniert und eingeschüchtert zugleich, dass ich ungefähr eine Woche lang auf der Bühne die Vanessa-Redgrave-Version zum Besten gegeben habe, bis mich der Regisseur irgendwann zur Seite nahm und meinte: „Was machst du da eigentlich? Das passt überhaupt nicht zu dir, geschweige denn zur Produktion.“ Daraufhin habe ich beschlossen, dass es keine gute Idee ist, sich andere Adaptionen anzuschauen, zumindest nicht, wenn man selbst noch mitten in der Rolle steckt. Denn egal wie sehr man sich dagegen sträubt, wenn man in der anderen Darbietung etwas sieht, was man großartig findet, dann wird man insgeheim immer versuchen, das irgendwie für sich zu übernehmen. Aber das merken die Zuschauer natürlich, wenn es nicht von einem selber kommt. Da bleibe ich mir lieber treu und mache, wenn es sein muss, auch meine eigenen Fehler. Damit bin ich bisher immer ganz gut gefahren.