Filmkritik

Faust

| Thomas Abeltshauser |

Alexander Sokurow verfilmt die Legende frei nach Goethe als bildgewaltigen Trip.

Wenn es im Arthouse-Bereich noch Filme gibt, die auf der Kinoleinwand nicht nur besser zur Geltung kommen, sondern sich geradezu gegen eine Sichtung auf einem Bildschirm sperren, dann ist Faust ihr Meister. Der russische Regisseur Alexander Sokurow hat sich zum Abschluss seiner Macht-Tetralogie (nach Hitler, Lenin und Kaiser Hirohito) nun also den Mann gesucht, der seine Seele dem Teufel verkauft – oder in diesem Fall einem Pfandleiher. Und seine Adaption ist ein surrealer, bildgewaltiger Trip, sehr „frei nach Goethe“, aber auch Anleihen nehmend an der Originallegende, in der Faust (brillant in der Titelrolle: Johannes Zeiler) ein depressiver Hungerleider ist und Mephisto, der hier Mauricius Müller heißt und von Anton Adassinsky großartig schmierig verkörpert wird, so alles Mythisch-Erhabene abgeht. Das Transzendentale der Goethe-Figur tauscht er gegen eine beinahe Über-Sinnlichkeit, die das Körperliche bis an den Rand des Ekels betont.

Besetzt hat Sokurow seinen in Sankt Petersburg entstandenen Film, zu dem es keinerlei deutsche Förderung gab, mit österreichischen, deutschen und russischen Schauspielern, die alle deutsch sprechen. Doch von Goethes Dichterworten ist hier wenig übrig geblieben, hier wird wild durcheinander geredet und ruppig gestritten. Mehrere Dialog-, Ton- und Musikebenen schieben sich übereinander, und auch visuell schöpft Faust aus dem Vollen. Die Bildkompositionen von Kameramann Bruno Delbonnel haben so gar nichts von der Süßlichkeit, mit der er das Paris in Die fabelhafte Welt der Amélie in ein Märchenland verwandelte. Hier arbeitet er mit verzerrenden Optiken und verschmierten Linsen und sorgt so für Verfremdungseffekte.

Immer wieder gibt es rätselhafte Momente, die wie Goethes Drama selbst unzählige Interpretationen bieten. Etwa das sich wiederholende Bild von Menschen, die in dieser unübersichtlichen Dorfwelt gleichzeitig durch einen Türeingang oder ein Stadttor wollen und dabei stecken bleiben, ringen, bis sich einer herausdrängt und der Stau sich auflöst. Oder das grandiose, metaphysische Finale in einer apokalyptischen Felsenlandschaft. Man staunt und ist gefesselt und fragt sich auch noch lange nach dem Ende des Films: Was hat das alles zu bedeuten? Für seine künstlerische Wucht wurde Sokurows Tragödie auf dem Filmfest Venedig gegen starke Konkurrenz völlig zu Recht mit dem Goldenen Löwen als bester Film ausgezeichnet.