Das Berliner Arsenal Kino bietet in Krisenzeiten ein exquisites Streaming-Programm.
In seinem wöchentlich wechselnden Streaming-Programm präsentiert arsenal 3 in der dritten Woche 15 Kurz- und Langfilme, in denen Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns in den Blick genommen werden. Unter anderem ist in den kommenden drei Wochen die Berlin-Trilogie von Ulrike Ottinger zu sehen. Bildnis einer Trinkerin (1979) macht den Anfang und erinnert auch an die kürzlich verstorbene Schauspielerin und Künstlerin Tabea Blumenschein. Die Regisseurin erinnert sich an ihre Arbeit mit Tabea Blumenschein: „In hunderten von Fotosessions, in denen alles in der Wohnung Vorhandene als Draperie und Requisite diente, loteten wir Möglichkeiten von Gestik, Haltung und Mimik aus.“
Im folgenden eine Auswahl aus dem Filmprogramm, das noch bis 10. April zu sehen ist:
IN ARBEIT, Arne Hector, Minze Tummescheit, D 2012, OmE,148’
In Arbeit beruht auf der Einfachheit der Geste, sich in Gesellschaft gegenseitig vorzustellen: Um die Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns zu erforschen, haben Minze Tummescheit und Arne Hector ein Ketteninterview begonnen. Der erste Interviewpartner führt das Filmteam zum zweiten und so fort. Alle verbindet die Arbeit in kooperativen Strukturen. Zu Beginn der Serie begegnen wir dem Filmlabor L’Abominable, der Coordination des Intermittents et Précaires, Île de France (CIP), und zwei sizilianischen Agrargenossenschaften. Die wichtigste Frage, die sie verhandeln, ist die ihrer Legitimation: Ist es sinnvoll und überhaupt möglich, sich außerhalb des industriellen Fortschritts, der politischen Öffentlichkeit oder des Weltmarkts zu verorten? Wir erfahren viel über Kopierwerke und die Materialität des Films, über das Verhältnis von Handwerk und Industrie, über die französische Arbeitsmarktpolitik für Film- und Theaterschaffende und den Widerstand, den sie hervorruft, über mafiöse sizilianische Strukturen. Jede Kooperative erzeugt ihre eigenen Bilder, Töne und Rhythmen, und so wird aus Einzelbildern eine Serie und schließlich ein gemeinsamer politischer Diskurs, nicht zuletzt über das Kino selbst.
PASSING THE RAINBOW, Sandra Schäfer, Elfe Brandenburger, D 2007, OmE, 70’
Der Film handelt von performativen Strategien, die rigiden Gendernormen in der afghanischen Gesellschaft zu unterlaufen: auf der Ebene filmischer Inszenierungen, in der politischen Arbeit und im Alltag. Zu den Protagonistinnen von Passing the Rainbow zählen eine Lehrerin, die gleichzeitig Schauspielerin ist, eine Polizistin, die nebenberuflich als Actionfilm-Regisseurin arbeitet, eine Aktivistin der Organisation RAWA, die für die radikale Trennung von Staat und Religion eintritt, eine Mädchen-Theatergruppe in Kabul und Maleka, die als Junge lebt und so den Lebensunterhalt für ihre Familie verdient. Die Regisseurinnen zeigen Ausschnitte aus Filmen der afghanischen Filmgeschichte, begleiten Schauspielerinnen bei Dreharbeiten und inszenieren gemeinsam neue Szenen. Passing the Rainbow ist ein Film, der Szenen aus dem Alltag inszeniert, Geschlechterverhältnisse reflektiert und Handlungsräume in der Fiktion öffnet. Der Film beleuchtet die Konstruktion von Repräsentation. Wechselwirkungen und Widersprüche zwischen Bildern, realen Lebensbedingungen und Wunschvorstellungen werden sichtbar.
THE GUESTS, Ken Jacobs, USA 2013, OF ohne Dialog, 73’
Die Schwester eines technischen Mitarbeiters der Gebrüder Lumière heiratet. Festlich gekleidete Gäste betreten über eine breite Treppe das Gebäude, in dem die nach außen gerichtete Kamera steht. Sie kommen vom Kirchplatz, der im Hintergrund zu sehen ist. Das Schwarz-Weiß, die Kleidung, das Straßenbild: eine Fotografie aus dem vorletzten Jahrhundert. Als die Gruppe beginnt, sich in Bewegung zu setzen, scheint es, als würde sie an der Hochzeit vorbei unsere Gegenwart beschreiten. Wir sehen die eng genähten Kleider der Frauen und denken darüber nach, wie sie es darin aushalten. Wir sehen die Aufregung im Gesicht eines Jungen. Wir beginnen uns zu fragen, wie lange es dauert, bis jemand die Linse der Kamera und damit das Bild verdeckt. Beim Warten entdecken wir hinter den Gästen eine fahrende Kutsche. Wenn wir den Blick wieder nach vorne richten, ist die Fotografie nicht mehr die gleiche. Unsere Augen wandern von vorne nach hinten, von links hinten nach rechts vorn, ist die Leinwand konkav oder konvex? Sind wir es, die durch die Fläche des Bildes hindurch diese Tiefe erzeugen? Stummfilm, Avantgarde und digitales 3D: 120 Jahre Filmgeschichte verschmelzen zu einem einzigen Kinoereignis.
A CRIME AGAINST ART, Hila Peleg, Spanien 2007, engl. OF, 101’
Der Film basiert auf einer Gerichtsverhandlung, die auf der Kunstmesse in Madrid im Februar 2007 inszeniert wurde. Inspiriert durch die von Avantgarde-Bewegungen in den zwanziger und dreißiger Jahren organisierten Tribunale, warf das Verfahren spielerisch eine Reihe polemischer Fragen auf, die die Welt der zeitgenössischen Kunst betreffen: geheime Absprachen mit der „Neuen Bourgeoisie“, die Instrumentalisierung der Kunst und ihrer Institutionen, die Möglichkeit kritischer künstlerischer Handlungsmacht und andere einschlägige Punkte. Die Verhandlung beginnt mit der Behauptung, dass ein Verbrechen begangen wurde, die Art des Verbrechens und Beweise für sein Geschehen bleiben jedoch unbestimmt, es melden sich keine Opfer zu Wort. Die Aussagen und Kreuzverhöre werden zum Versuch des Richters (Jan Verwoert), der Staatsanwälte (Vasif Kortun und Chus Martinez) sowie des Verteidigers (Charles Esche), das wahre Wesen des rätselhaften „Verbrechens gegen die Kunst“ aufzudecken. Wie eine TV-Gerichts-Show inszeniert und mit vier Kamerateams gefilmt, präsentiert A Crime Against Art eine verdichtete einhundert Minuten Version der Gerichtsverhandlung.
KILLER BERLIN.DOC, Jörg Heitmann, Bettina Ellerkamp, D 1999, OmE, 76’
In dem Wunsch, von dem eigenen Leben in einer sich wandelnden Stadt zu erzählen, entschließen sich im Mai 1998 zehn Personen, ihr Leben in Berlin für vierzehn Tage zur Fiktion zu machen. Sie spielen „Killer“, ein Spiel, in dem niemand vom anderen weiß und jeder sowohl Täter als auch Opfer ist. Der Auftrag lautet, eine vorgegebene, aber dem Spieler vorher unbekannte Person ausfindig zu machen und sich den perfekten „Mord“ für das „Opfer“ auszudenken. In dem Wissen, dass zur selben Zeit auch jemand den eigenen Spuren folgt, begeben sich die Spielerinnen und Spieler auf die Suche nach der unbekannten Person.
RAMDENIME INTERWIU PIRAD SAKITCHEBZE / Einige Interviews zu persönlichen Fragen, Lana Gogoberidse, Georgien, UdSSR 1978, OmE, 94’
Sopiko geht ganz in ihrem Beruf auf. Als Journalistin interviewt sie unterschiedlichste Frauen zu ihren Lebensbedingungen und Wünschen. Dass ihr eigenes Glück und ihre Familie dabei zu kurz kommen, bemerkt sie zu spät. Feinfühlig erzählt Lana Gogoberidse in dokumentarisch anmutendem Stil und mit dynamischer Kameraführung von der Verzahnung des Privaten und des Politischen, die sich auch in den Erinnerungen Sopikos an die Mutter fortsetzen, die, für das Kind unverständlich, zehn Jahre in der Verbannung verschwand. Mit seinem Fokus auf die alltäglichen Kämpfe einer emanzipierten Frau gilt der Film als einer der ersten feministischen Filme der Sowjetunion.
FILME VON IBRAHIM SHADDAD UND DER Sudanese Film Group, DDR/Sudan 1964–1985, OmE, gesamt 87‘
Jagdpartie (1964) war der Abschlussfilm von Ibrahim Shaddad, den er an der damaligen Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg drehte. Der Film ist eine Abhandlung über Rassismus. In einem Wald in Brandenburg gedreht, erzählt Jagdpartie im Western-Look von der Jagd auf einen Schwarzen. Der Kurzfilm Jamal (1981) berichtet aus dem Leben eines Kamels, dessen Großteil sich in einem düsteren kleinen Raum – einer Sesammühle – abspielt. Der Kurzfilm Al habil (1985) okumentiert den Weg zweier blinder Männer in Begleitung eines Esels durch die Wüste. Verbunden durch ein Seil, wird der Weg mal von den beiden vorgegeben, mal leitet der Esel sie durch die Wüste.
BERLIN-TRILOGIE TEIL 1: BILDNIS EINER TRINKERIN, Ulrike Ottinger, BRD 1979, OmE, 107’
Das Psychogramm zweier ungewöhnlicher, aber auch extrem unterschiedlicher Frauen. Die eine mehr Barfüßige Gräfin, die andere mehr Nächte der Cabiria. Die eine reich, exzentrisch, ihre Gefühle starr und maskenhaft verbergend, trinkt sich bewusst zu Tode. Sie ist der Fall, der in der Statistik nicht aufscheint, weil entweder zu Hause unter Valium gehalten oder unter Verschluss in einer Privatklinik. Die andere ist arm und trinkt sich unbewusst zu Tode. Sie erscheint in der Statistik als Typ der haltlosen Trinkerin. Die eine sucht die Anonymität, die sie als Schutz begreift, und verlässt diese nicht bis zu ihrem Tode. Die andere ist eine stadtbekannte Trinkerin, „zum Straßenbild gehörend“, mit festen Plätzen, Gewohnheiten, einschlägiger Erfahrung in Trinkgeldbeschaffung und mit der kleinen Chance, in ihrem Milieu etwas länger zu überleben. Die eine, die unbekannte Trinkerin, wird im Bild als „Sie“ bezeichnet, die andere, die stadtbekannte Trinkerin, ist im Film die „Trinkerin vom Zoo“. Diese beiden Trinkerinnen versuchen einander im Verlauf der Geschichte, die in Stationen unterteilt ist, kennenzulernen. Die eine folgt der anderen wie ein Schatten. Sie können zueinander nicht kommen – nicht, weil das soziale Milieugefälle zu tief ist, sondern weil der Alkohol ihre Kommunikationsversuche immer wieder verhindert oder gar an ihre Stelle tritt. (Ulrike Ottinger)
Das Arsenal will das Streaming-Programm mit Filmen aus dem eigenen Verleih, darunter vielen, die im Forum oder Forum Expanded der Berlinale gelaufen sind, weiterhin kostenlos für alle Interessierten anbieten und trotzdem den Filmschaffenden Lizenzen auszahlen. Dabei helfen Spenden und Fördermitgliedschaften.
