Das Festival der alten Männer steht heuer ganz im Zeichen der Frauen: ein Vorbericht aus Cannes, dem Mekka der Filmwelt.
Die Fassade des Palais, sonst in tristem Betongrau, erstrahlt bereits in blendendem Weiß. Überlebensgroß thront das Bildnis der Königin des Kinos, während unten am Boden noch die Arbeiter den Roten Teppich ausrollen. Fast gütig blickt Ingrid Bergman herab auf das geschäftige Treiben, den Aufbau der Absperrungen und Scheinwerfer, bevor hier in Cannes die Filmfestspiele beginnen. Bis gestern war die Kleinstadt noch fest in der Hand von Rentnern und Touristen, von den rund 4000 akkreditierten Journalisten kommen die meisten erst gerade an. Ab am Mittwochmorgen ist der Ort wieder 12 Tage lang Mittelpunkt der Filmwelt, das cineastische Mekka. Und die abgehetzten Festivalbesucher laufen am Hafen an den alten Boulespielern vorbei, die der ganze Trubel so gar nicht aus der Ruhe bringen kann.
Das offizielle Festivalplakat mit dem Casablanca-Star darf durchaus als Zeichen verstanden werden. Es soll das Festival der Frauen werden. Die Französin Emmanuelle Bercot läutet mit dem Jugenddrama La tête haute den Jahrgang 2015 ein. In 67 Jahren ist dies erst einmal zuvor passiert, 1980 war Diane Kurys mit Un homme amoureux die Pionierin. Das Festival war selbst so überrascht von der eigenen Chuzpe, dass man Bercot in der Pressemitteilung gleich zur ersten Cannes-Eröffnerin überhaupt erklärte.
Viele Jahre ist Programmleiter Thierry Fremaux dafür kritisiert worden, den Wettbewerb fast ausnahmslos mit männlichen Regisseuren zu bestücken. Nicht, dass man die Frauen hier nicht geliebt hätte, aber es waren meist die vor der Kamera, die Filmdiven, die dann den Roten Teppich schmücken sollten. Immerhin hatte man im vergangenen Jahr eine weibliche Jurypräsidentin, Jane Campion. Die Neuseeländerin ist bis heute auch die einzige Regisseurin, die jemals mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme 1992 für The Piano, ausgezeichnet wurde.
Die 1982 verstorbene Ingrid Bergman wird dieses Jahr nicht nur als Ikone des Festivals geehrt, außer auf dem Plakat taucht sie auch in mehreren Dokumentarfilmen auf. Und im Wettbewerb laufen immerhin zwei Filme von Frauen. Beide Französinnen wie Bercot, deren Film mit Catherine Deneuve zum Auftakt außer Konkurrenz gezeigt wird. Maïwenn geht mit Mon roi ins Rennen um die Goldene Palme, Valérie Donzelli mit Marguerite & Julien. Außer Konkurrenz läuft außerdem das Regiedebüt von Hollywoodstar Natalie Portman, eine Verfilmung der Kindheitserinnerungen des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Die Schauspielerin und Bergman-Tochter Isabella Rossellini hat den Vorsitz der „Un Certain Regard“-Jury, die französische Filmemacherin Agnès Varda wird für ihr Lebenswerk mit einer Ehrenpalme geehrt – ebenfalls als erste Frau in der Geschichte des Festivals.
Ganz ohne die Altmeister kommt freilich auch Cannes nicht aus und die verlauteten Namen klingen wie das Who-is-Who des Weltkinos. Gus Van Sant ist zurück mit einem seiner experimentelleren Werke, The Sea of Trees, in dem Matthew MacConaughey und Naomi Watts die Hauptrollen spielen. Gleich drei Italiener gehen an den Start: Nanni Moretti, Gewinner der Goldenen Palme für Das Zimmer meines Sohnes, ist zurück mit dem autobiographisch geprägten Mia Madre, Paolo Sorrentino versammelt in seinem englischsprachigen Youth Michael Caine, Harvey Keitel und Jane Fonda vor der Kamera und Gomorrha-Regisseur Matteo Garrone präsentiert seinen ebenfalls englischsprachigen Tale of Tales, eine Adaption der Märchensammlung „Pentameron“ von Giambattista Basile.
Melo-Meister Todd Haynes (Far from Heaven) lässt in seiner Patricia Highsmith-Adaption Carol Cate Blanchett und Rooney Mara eine lesbische Affäre im New York der Fünfzigerjahre erleben. Asien ist mit Hou Hsiao-hsien (Taiwan), Jia Zhang-ke (China) und Kore-eda Hirokazu (Japan) vertreten. Ebenfalls stark ist das Aufgebot aus dem Heimatland Frankreich. Neben den Filmen der drei Regisseurinnen laufen Deephan des umjubelten Jacques Audiard und Le loi du marché von Stéphane Brizé.
Erstaunlich viele bekannte Namen finden sich in diesem Jahr auch außerhalb des Wettbewerbs und in den Nebensektionen. Allein davon ließe sich andernorts ein ganzes Festival bestücken. Woody Allen stellt sein neues Drama Irrational Man vor, Gaspar Noés kalkulierter Skandalfilm Love läuft im Mitternachtsprogramm. Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul, der 2010 die Goldene Palme gewann für Lung Boonmee raluek chat (Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives), zeigt sein neues Werk Rak Ti Khon Kaen (Cemetery of Splendour) in der Sektion Un Certain Regard, ebenso wie der letztjährige Locarno-Sieger Brillante Mendoza seinen Film Taklub (Trap). Und George Millers Neuauflage von Mad Max feiert an der Croisette parallel zum weltweiten Kinostart krachende Premiere.
In einem Jahr ohne neuen Film von Michael Haneke ist der zweifache Cannes-Sieger dennoch indirekt an der Croisette vertreten. Patrick Vollrath, Hanekes Student an der Filmhochschule in Wien, präsentiert seinen Kurzfilm Alles wird gut in der „Semaine de la Critique“ (bereits im Januar hat er damit den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken gewonnen). Und ein Österreicher ist wirklich da: Found-Footage-Meister Peter Tscherkassky zeigt den Kurzfilm The Exquisite Corpus, in dem der nackte menschliche Körper gewissermaßen analog greifbar wird.
Ob sich die Jury von der Frauenoffensive des Festivals beeindrucken lässt, wird man nach der Preisverleihung am 24. Mai wissen. Als Vorstand hat man dazu nicht einen Mann auserkoren, sondern gleich zwei. Die Filmemacher-Brüder Ethan und Joel Coen haben als Jurypräsidenten den stärksten Einfluss darauf, wer mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wird. Einer ihrer besten Filme heißt, womöglich ein Omen, No Country for Old Men.
