In „The Holdovers“ erzählt Alexander Payne eine Weihnachtsgeschichte der etwas anderen Art.
Eine dichte Schneedecke hat sich über das weitläufige Anwesen der Barton Academy gelegt, der Campus des exklusiven Internats in Neuengland strahlt damit eine winterliche Atmosphäre wie aus dem Bilderbuch aus. Auch sonst herrscht mitten im Dezember 1970 eine Woche vor Weihnachten unter Schülern und Lehrern – die ehrwürdige Bildungsinstitution ist zu dieser Zeit ausschließlich Männern vorbehalten – eine gelöste Stimmung, steht doch eine vierzehntägige Ferienpause bevor, in der man die Schule hinter sich lassen und Zeit zu Hause verbringen kann. Doch nicht alle hat die Festtagsstimmung erfasst, denn fünf Schüler können aus unterschiedlichen Gründen nicht die Heimreise antreten und sind nun dazu verdammt, auch die Weihnachtsferien in den Räumlichkeiten der Barton Academy zu verbringen. Besonders Angus Tully (Dominic Sessa), einer der älteren Schüler mit einem notorischen Drang zu nonkonformistischem Verhalten, wird dabei eiskalt erwischt. Denn quasi im letzten Augenblick erreicht ihn jener Anruf seiner Mutter, in dem sie ihrem Sohn mitteilt, dass nun doch nichts aus dem versprochenen Familienurlaub auf der Karibikinsel Saint Kitts wird, weil sie lieber auf Hochzeitsreise mit ihrem neuen Mann geht.
Selbstverständlich brauchen die titelgebenden „Holdovers“ eine Aufsichtsperson, was bei der dafür ausgewählten Lehrkraft ebenfalls wenig Freude auslöst. Paul Hunham (Paul Giamatti) hat zwar keine Familie, die er besuchen könnte, doch sein Verhältnis zu den Schülern ist – vorsichtig formuliert – ein eher distanziertes. Der Professor mit dem Fachgebiet Alte Geschichte gilt als strenger Lehrer mit einem etwas herablassenden Gestus gegenüber seinen Schülern. In der letzten Stunde vor den Ferien überreicht er seiner Klasse die – überwiegend schlecht ausgefallenen – Ergebnisse eines schriftlichen Tests, während er sichtlich beschwingt Wagners „Walkürenritt“ pfeift. „Adversity builds character“, hält er seinen Zöglingen entgegen, womit Hunhams didaktische Generallinie schon trefflich umschrieben ist. Seine rigide Haltung in Bezug auf das Erreichen von Bildungszielen ist Hunham nun allerdings zum Verhängnis geworden. Hat er doch einem seiner Schüler ungeachtet der Interventionsversuche des Rektors eine schlechte Note verpasst, die dem jungen Mann die Zulassung für die renommierte Universität von Princeton gekostet hat. Da dessen Vater aber nicht nur ein einflussreicher Politiker, sondern auch einer der größten Spender der Barton Academy ist, war man dort naturgemäß wenig erfreut über Hunhams unnachgiebige Haltung. Als kleine Retourkutsche teilt der Rektor ihm den unbeliebten Aufsichtsdienst über die Weihnachtsfeiertage zu. Neben den fünf Schülern und ihrem zwangsweise eingeteilten Lehrer bleiben nur noch die afro-amerikanische Köchin Mary Lamb (Da’Vine Joy Randolph) und der Hausmeister an der verwaisten Barton Academy zurück. Als Hunham auch noch ein striktes Lernprogramm für seine Schutzbefohlenen implementiert, wird die Stimmung bald so frostig wie die Temperaturen in den aus Spargründen weitgehend ungeheizten Räumen der Schule. Doch als nach einigen Tagen der schwerreiche Vater eines der Schüler seinen Sohn per Hubschrauber zum Skiurlaub abholt und gleich alle anderen verbliebenen Schulkameraden auf den Trip mitzunehmen bereit ist, scheint sich die Sache doch noch zum Guten zu wenden. Nicht jedoch für Angus, der die notwendige Reise-Erlaubnis so kurzfristig nicht von seiner Mutter aufzutreiben in der Lage ist und deshalb weiterhin – und nun als Einziger – unter Hunhams Aufsicht bleiben muss. Doch zwangsweise miteinander konfrontiert, beginnen Paul Hunham und Angus Tully langsam, zunächst fast unmerklich, aufeinander zuzugehen.
GEGENSÄTZE
Der Plot macht rasch deutlich, dass The Holdovers dem dramaturgisch erprobten Muster um zwei gegensätzliche, durch widrige Umstände aufeinander geworfene Charaktere, die sich zusammenraufen und dabei erkennen, dass sie mehr Gemeinsamkeiten als gedacht haben, folgt. Und das setzt Alexander Payne mit einer Inszenierung, die ihre Figuren nuanciert zeichnet und die Balance zwischen tragischen und komischen Momenten souverän zu halten versteht, wirklich famos in Szene. Das alles im Rahmen eines stimmigen „Period Piece“, das die Atmosphäre der anbrechenden siebziger Jahre widerzuspiegeln versteht. Kameramann Eigil Bryld generiert mit seiner akzentuierten Licht- und Farbsetzung Bilder, die The Holdovers eine dafür kongeniale Textur verleihen. Doch der Fokus richtet sich dabei nicht nur auf die Protagonisten als Figuren, die sich durch eine Reihe tragikomischer Szenarien schlagen, Payne setzt ihr Agieren in einen zeithistorischen Kontext, der auf gesellschaftliche Bruchlinien verweist.
Zum Zeitpunkt der Handlung, also Dezember 1970, ist Woodstock, eines der markanten Ereignisse der gegenkulturellen Bewegung der sechziger Jahre, nur etwas mehr als ein Jahr entfernt. Doch vom revolutionären Geist der Sixties und den damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüchen ist in der Barton Academy nichts zu spüren (sieht man davon ab, dass einige Schüler ihr Haar wachsen haben lassen und Gras rauchen). Weiterhin dominiert dort eine fast ausschließlich weiße Oberschicht, die sich dank Geld und Machtpositionen weiterhin ihre Privilegien zu sichern versteht. Kurzum, das System des „Good Ol’ Boys Club“ funktioniert in der Barton Academy, als wäre die Zeit stehen geblieben. Und es braucht keine prophetischen Fähigkeiten, um zu prognostizieren, dass die Angehörigen dieses Systems und ihre Welt auch von den Erschütterungen, die den Vereinigten Staaten bevorstehen, wie etwa die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere – samt dem immer noch andauernden Krieg in Vietnam – oder die schmutzigen Umtriebe Richard Nixons und seines engsten Umfelds, die in der Watergate-Affäre ihren unrühmlichen Höhepunkt finden und mit dem Rücktritt des Präsidenten enden sollten, wenig berührt werden.
Im Mikrokosmos der über Weihnachten in Barton Zurückgebliebenen wird eine dieser Bruchlinien bald deutlich. Mary Lamb trauert um ihren unlängst in Vietnam gefallenen Sohn. Zwar hat man es ihm ermöglicht, an der Barton Academy seinen Abschluss zu machen – offensichtlich als Zeichen des guten Willens gegenüber Minoritäten, denn als Schwarzer ist Marys Sohn eine Ausnahmeerscheinung an der Schule –, doch die Kosten für eine Universitätsausbildung waren jenseits der finanziellen Möglichkeiten von Familie Lamb. Stattdessen erfolgte die Einberufung zum Militärdienst in Vietnam, ein Schicksal, das sich die üblichen Barton-Zöglinge ersparten, weil für deren betuchte Familien Studiengebühren keine Hürde darstellen und sie mit dem Universitätsbesuch der Einberufung entgehen. Und auch wenn der Vietnamkrieg mittlerweile längst der Vergangenheit angehört, kann wohl wenig Zweifel darüber bestehen, dass die in The Holdovers angesprochenen sozialen Ungleichheiten auch gegenwärtig für tiefe Risse in der US-amerikanischen Gesellschaft verantwortlich sind.
HUMOR MIT TIEFGANG
Mit einem humorvollen, feinsinnigen Erzählduktus, hinter dessen Oberfläche jedoch durchaus ernste Themen angesprochen werden, hat Alexander Payne es verstanden, seinem filmischen Œuvre jene persönliche Handschrift zu verleihen, die ihn als einen der bedeutendsten Proponenten des US-amerikanischen Autorenkinos ausweist. Der für Payne typische Humor, der an den richtigen Stellen satirischen Biss entwickelt und damit auf den ernsten Hintergrund verweist, findet sich bereits in seinem Regiedebüt Citizen Ruth (1996). Laura Dern spielt die titelgebende Protagonistin, deren vier Kinder auf behördlichen Geheiß in Pflegefamilien verbracht wurden, weil Ruth aufgrund ihrer Drogenabhängigkeit nicht entsprechend für sie sorgen kann. Als sie, mittlerweile erneut schwanger, wieder einmal vor Gericht steht, sichert ihr der Richter eine milde Strafe zu, wenn sich Ruth für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden würde. Doch als sie zwischen die Fronten von radikalen Abtreibungsgegnern und Pro-Choice-Befürwortern gerät, die Ruth für ihr Zwecke instrumentalisieren wollen, wird die ohnehin komplizierte Lage so richtig turbulent.
Für Turbulenzen sorgt auch die Wahl zum Schulsprecher, die im Mittelpunkt von Election (1999) steht. Dabei scheint die Siegerin mit der von Reese Witherspoon gespielten Tracy schon festzustehen, ist sie doch zunächst die einzige Kandidatin. Geschichtslehrer Jim McAllister (Matthew Broderick) empfindet die übereifrige Streberin Tracy allerdings als nicht geeignet für den Posten. Deshalb – und weil er einen Groll persönlicher Natur gegen die junge Dame hat – organisiert er einen Gegenkandidaten und tut auch sonst alles, um Tracys Wahlkampf zu torpedieren. Mit Election gelang Payne eine schwarzhumorige Satire auf die unsauberen Methoden des Politikbetriebs – und den Gruppendruck, der an US-High-Schools vorherrscht –, die nichts an Gültigkeit eingebüßt hat. Sideways (2004) thematisiert die diversen Befindlichkeiten der amerikanischen Mittelschicht, in Nebraska (2013) nimmt Alexander Payne mit der Gier eine allzu menschliche Schwäche satirisch aufs Korn. Wobei Payne seine filmischen Figuren nicht der Lächerlichkeit preisgibt, sondern stets die grundlegende Empathie, mit denen er den Charakteren begegnet, mitschwingt, ungeachtet so mancher ihrer Defizite. Eine Empathie, die im Verlauf des Annäherungsprozesses, der in The Holdovers stattfindet, immer deutlicher zutage tritt. Nun erfolgt die Annäherung zwischen Paul Hunham, Angus Tully und Mary Lamb keinesfalls friktionsfrei, die Reibereien zwischen den Protagonisten weiß Payne höchst vergnüglich mittels eines leisen, streckenweise skurrilen Humors in Szene zu setzen. Die Pointen geraten dabei nicht zum bloßen Selbstzweck, hinter den Reibungsflächen werden nach und nach jene seelischen Verwundungen sichtbar, über die sich so etwas wie Verständnis für die Perspektive des Gegenübers entwickelt. Im Amerika von 1970, jenem der Holdovers, ist das Zugehen aufeinander ungeachtet aller Unterschiedlichkeiten noch eine Option – in den Vereinigten Staaten von heute erscheint das weitaus schwieriger.
