„House of Cards“ reiht sich in den nicht abreißenden Strom komplex erzählter Serien ein. David Finchers Geschichte entwirft das Bild einer Welt, in der alle Beteiligten grundlos nach Macht gieren.
Der Anfang des Jahres veranstaltete mitteldolle Medienhype um die maßgeblich von David Fincher fabrizierte Serie House of Cards kreiste vor allem um die Frage, ob nach dem Zeitalter des Kinos nun auch das des Fernsehens vorüber sei. Die 13 Folgen der Serie konnten auf einen Schlag bei netflix.com runtergeladen und, wie man das inzwischen halt so tut, am Stück geschaut werden – lange vor der Veröffentlichung auf DVD. Der im Zuge des Erfolgs der Fernsehserien aus der HBO-Schule populär gewordene Terminus „binge viewing“ – der sich zu „watching TV“ verhält wie der mittels „binge drinking“ herbeigeführte Vollrausch zum Feierabendbier – wurde auch im deutschsprachigen Feuilleton entdeckt; er selbst, ließ Netflix-Chief-Content-Officer Ted Sarandos im Interview verlautbaren, würde allerdings den Begriff „marathon viewing“ bevorzugen; und klar, das klingt nach Sport und Optimierung, nicht nach Sucht und Weltflucht.
Der Hype ist vorüber, die nächste Strophe im Abgesang auf die alten Medien (Kino, Fernsehen, Texte auf Papier) damit auch. Über die Serie selbst hingegen war wenig zu lesen. Dabei thematisiert House of Cards den Medienwandel ganz direkt. Einer der Schauplätze der ersten Folgen ist die Redaktion des „Washington Herald“, einer renommierten Tageszeitung mit sinkender Auflage, deren Ressortleiter alter Schule sich mit einer Internet-Redakteurin anlegt und für einen kurzen Moment vergisst, dass man Angestellte heute nicht mehr ungestraft „cunt“ nennt. Dann muss er gehen.
Abseits solcher direkten Kommentare zur Zeit findet das inzwischen auch nicht mehr so neue Serienfernsehen (House of Cards basiert übrigens auf einer BBC-Miniserie von 1990, welche wiederum auf einem Buch des Tory-Politikers und Thatcher-Beraters Michael Dobbs basiert) hier wieder sublimere Wege, ein komplexes Bild der Gegenwart zu zeichnen. Die kurze Episode reiht sich ein in das Mosaik von zumeist dramatischeren Machtkämpfen, aus denen sich die Plots und Subplots von House of Cards zusammensetzen. Was The Sopranos und Breaking Bad für die amerikanische Mittelschicht geleistet haben, gelingt House of Cards mit dem parteipolitischen Personal in Washington: Ein vorgeblich zivilisiertes soziales Biotop wird erzählerisch mit dem Verbrechen kurzgeschlossen und so zur Kenntlichkeit entstellt.
Kevin Spacey spielt den Politiker Frank Underwood, der sich, nachdem er bei einer Positionsvergabe übergangen wurde, mit allen Mitteln daran macht, alles niederzumähen, was sich ihm beim zweiten Anlauf in den Weg stellt. Die Ambivalenz ist wieder einmal unvermeidbar: Man sieht dem sich von Folge zu Folge entfaltenden Masterplan mit einer Mischung aus Faszination und innerer Abwehr zu. Durch die denkbar unmittelbare Adressierung seines Publikums (Frank Underwood spricht den Zuschauer direkt an) wird man in eine Position der Komplizenschaft gedrängt, die ohne Murren, es ist ja nur Fernsehen, angenommen werden will.
Das ist natürlich heikel, schließlich tropft das Blut auf dem allegorischen Poster zur Serie nicht ohne Grund von Frank Underwoods Händen. Dass man mit ihm und nicht etwa – um nur eines der vielen armen Schweine zu erwähnen, die im Gefecht unter die Räder kommen – mit dem cholerischen Gewerkschaftler mitfiebert, gelingt nicht, indem der Figur charakterliche Tiefe, Traumata oder Widersprüche verliehen werden. Wie das geht, haben komplex strukturierte Helden wie etwa Tony Soprano (Mafiapate und liebender Familienvater), Walter H. White (Krebspatient und Crystal-Meth-Produzent) oder Dexter Morgan (moralisch integrer Serienkiller) vorgemacht. Frank Underwood hingegen ist das oberflächlich zivilisierte Äquivalent zu der Kevin-Spacey-Figur in Finchers Se7en: ein Soziopath, hinter dessen maskenhaft-kontrollierten Gesichtszügen man außer nachtschwarzer Leere nicht viel zu vermuten braucht und dem, im Gegensatz zum aus religiös verbrämten Motiven mordenden John Doe, jeder Idealismus abgeht. In House of Cards ist der Mensch nur Medium eines alles bestimmenden Willens zur Macht, Mitleid gibt es hier keines.
Im Zentrum der Erzählung steht so ein gähnendes Nichts, dessen filmische Ästhetisierung an vergangene Großtaten David Finchers anschließt. Man weiß nicht, warum diese Menschen sich ununterbrochen damit abstrampeln, Macht zu akkumulieren. Es bleibt weitgehend tautologisch: Man will die Macht nicht, um etwas Bestimmtes zu erreichen, man will die Macht, weil man die Macht will. Mit jeder Szene verschieben sich die Kräfteverhältnisse, unablässig wird gekämpft, selbst wenn Ehemann und Ehefrau nachts bei einer Zigarette am Fenster beisammen sitzen, geht es um den nächsten Schachzug.
Der Eindruck einer alles umklammernden Leere erstreckt sich bis in die Raumarchitektur. Die Zimmer, in denen hier gelebt und gearbeitet wird, kommunizieren in ihrer sorgfältig komponierten Glätte eine Kälte, die nur noch wenig Lebendiges erkennen lässt. Jeder Raum, jedes Gesicht tritt dem Zuschauer als Design vor Augen. Die Momente des Zweifels, die als Risse in der professionellen Maske einer der beiden zentralen Frauen-figuren der Serie – Franks Frau Claire (Robin Wright) und der Journalistin Zoe Barnes (Kate Mara) – zu erkennen sind, bleiben nur das: kurze Momente.
Die maximale Informationsdichte (jeder Satz, jede Geste bereitet die nächste Plotentwicklung mit vor) und der nüchterne Erzählgestus versichern dem Zuschauer konstant, dass er zu schlau für simple Gut/Böse-Unterscheidungen und damit hier am richtigen Platz ist – fast 15 Jahre nach der ersten Episode der Sopranos fühlt man sich in House of Cards wie beheimatet. Und das ist dann die beste Voraussetzung für eine Wahrnehmung, die David Fincher, wie jeder professionelle Erzähler des Unheimlichen, mit Nachdruck nahelegt: Am Ende erkennt man sich in diesen armen, hoch professionalisierten und jede Begegnung auf ihre Nutzbarkeit hin abklopfenden Schreckensgestalten graduell selbst.
Und spätestens das ist dann der Moment, in dem einem – „binge“ hin, „marathon“ her – nach einem Tag House of Cards schon einmal ordentlich schlecht werden darf.
