Die glanzvolle britische History-Serie „Downton Abbey“ ist Medizin für eine krisengeschüttelte Gegenwart.
Es mögen solche schönen, windstillen Sommertage gewesen sein, als in ganz Europa der Blitz der Weltgeschichte einschlug. In der Sommerfrische an den Stränden von Usedom, Nidden und Hiddensee, im mondänen französischen Urlaubstreiben an der Côte d’Azur, und eben auch in britischen Gartenfesten wie diesem. Eben noch haben die Butler formvollendet Champagner, Tee und Cucumber-Sandwiches serviert, untadelig wie immer, sind die Damen mit Sonnenschirmen flaniert und haben dem jüngsten Klatsch und Tratsch über die Töchter des Hauses gelauscht, da tritt der Butler mit einem Telegramm auf dem Silbertablett an Robert Crawley, Earl of Grantham heran, und dieser zerstört mit einem Satz die gelöste Stimmung: „England is at war with Germany“. Und eine Welt friert ein und zerbricht.
Glanzvoll wie selten wurde diese Welt gerade in einer Fernsehserie heraufbeschworen, die in Großbritannien im Herbst 2010 zum Straßenfeger, in den USA Anfang 2011 zum Überraschungserfolg wurde und nun ihren DVD-Siegeszug durch Europa antritt: Downton Abbey. Staffel eins (Universal) ist seit Oktober 2011 in Deutschland und Österreich im Handel und schildert das Schicksal einer britischen Adelsfamilie von 1912 bis 1914: Zwei kostbare letzte Jahre Glanz und Ahnung des unvermeidlichen Wandels, bis mit dem Beginn des 1. Weltkriegs der Paukenschlag fällt. Staffel zwei, die im 1. Weltkrieg spielt, soll kommenden Sommer bei Sky ausgestrahlt werden und ist als DVD für Dezember 2012 angekündigt.
Begonnen hat alles mit einer anderen europäischen Katastrophe: Gewissenhaft bügelt William, der junge Diener, an einem Morgen im April 1912 die Zeitung auf, damit der Herr des Hauses sich beim Frühstück die Finger nicht mit Druckerschwärze beschmutzt, während die Zofen schon aufgeregt von der Katastrophe tuscheln. Doch erst upstairs, im eleganten Breakfast Room, werden die Folgen des Unglücks ausgesprochen: Die Titanic, das unsinkbare Hochgeschwindigkeitsschiff, ist gesunken – und mit ihm die beiden Erben von Downton Abbey. Was den Earl of Grantham und seine drei heiratsreifen Töchter vor die unerfreuliche Aussicht stellt, das prachtvolle Anwesen samt der darin investierten Mitgift seiner amerikanischen Ehefrau Cora perspektivisch Matthew Crawley, einem entfernten Cousin und mittellosen Anwalt aus Manchester überlassen zu müssen.
Down memory lane?
Upperclass-Probleme, Luxus und Besitzstandswahrung: Man könnte Downton Abbey einiges an Rückwärtsgewandtheit und Traditionsvergoldung vorwerfen – und vorgeworfen worden ist es der erfolgreichen Serie auch, etwa von dem amerikanischen Historiker Simon Shama, der in der Serie eine „steaming silvery tureen of snobbery“, eine dampfende Silberterrine voll Snobismus, erkannte und seine Downton Abbey-begeisterten Landsleute des Eskapismus zieh, der Flucht vor dringlichen Wirklichkeitsproblemen. Geschichte sei nicht ein Spaziergang „down memory lane“, sie halte den „tonic of tragedy“ bereit, das Mittel der Tragödie, nicht die Gemeinplätze einer Romanze, so Shama. Und sein britischer Kollege, der Oxforder Poetik-Professor James Fenton, sekundierte: „Wenn Sie gelegentlich das Gefühl haben, dass diese Fernsehserie Ihre Sympathie erwecken möchte für eine Sache, die in Ihrem eigenen Leben relativ geringe Priorität besitzt (der Unterhalt eines gigantischen 19. Jahrhundert-Hauses und Anwesens), dann haben Sie recht.“
Doch einem klassischen period piece vorzuwerfen, dass es period ist, erscheint wenig sinnvoll. Zumal die Zeitspanne, um die es in Downton Abbey geht, die letzten Abendstrahlen des edwardianischen Zeitalters vor Anbruch der Moderne des 20. Jahrhunderts, zu den interessantesten Epochen der jüngeren Geschichte zählt – und auch in Filmen wie Atonement, Gosford Park, Brideshead Revisited oder Easy Virtue in den vergangenen Jahren immer wieder ihre Attraktivität fürs Kino bewiesen hat. Auch in Downton Abbey ist es mehr als die Einführung von Elektrizität, Automobil und Fernsprecher, was die Jahrhunderte alten, überkommenen Lebensgewohnheiten bedroht: Dass der Earl of Grantham zum Unterhalt seines Anwesens eine reiche amerikanische Erbin heiraten musste, war ein erstes Zeichen des Niedergangs. Es sollten noch weitere folgen.
Intrigen und Wortgefechte
Julian Fellowes, mit vollem Namen Julian Alexander Kitchener-Fellowes, Baron Fellowes of West Stafford, der Drehbuchautor, Mitproduzent und geistige Schöpfer der Serie, greift auf ein bewährtes Rezept zurück – und zehrt von eigenen Erfahrungen und Erfolgen. Schon in Gosford Park, seinem oscarprämierten Gesellschafts-Tableau von 2001 (Regie: Robert Altman), hatte er die Ober- und Unterwelten der britischen Adelshäuser und ihrer Bediensteten effektvoll und ausgewogen kontrastiert. In Downton Abbey perfektioniert er das System, balanciert mit einem Cast von über zwanzig Personen, von denen jeder das Zeug zur Hauptfigur hat, entwirft komplexe, eigenwillige Charaktere, zieht die Fäden, bastelt Netze und Verstrickungen und wirft immer wieder rechtzeitig ein trockenes Bonmot ein, wenn die Geschichte allzu vergangenheitsselig oder melodramatisch zu werden droht. Speziaistin hierfür ist vor allem Maggie Smith als Right Honourable Violet Crawley, Countess of Grantham, die Seniorin des Familienverbands. Die Wortgefechte, die sie sich mit ihrem eher gemütvollen Sohn, dem gegenwärtigen Earl of Grantham (Hugh Bonneville) oder, zugespitzter, mit ihrer Konkurrentin Isobel Crawley (Penelope Wilton), der Mutter des künftigen Erben, liefert, sind Komödienstoff pur.
Die jüngere Generation übt sich derweil in Shakespeare’schen Ränkespielen, wobei die Konstellation der drei Schwestern durchaus an „King Lear“ erinnert. Mary (Michelle Dockery), die älteste, liefert sich ein Jane-Austen-artiges Duell der Anziehung und Ablehnung mit Cousin Matthew (Dan Stevens), dem neuen Erben des Besitzes, der auf Etikette keinen Wert legt und die kapriziöse Mary doch im Stillen bewundert. Ihre jüngere Schwester Edith (Laura Carmichael) intrigiert nach Kräften. Und Sybil (Jessica Brown Findlay), die jüngste, entwickelt eigenständiges politisches Bewusstsein, versucht, ihrer Zofe den Weg in eine Selbständigkeit als Sekretärin zu ebnen, und verbündet sich mit dem charmanten Chauffeur. Die Grenzen zwischen Oben und Unten geraten allerorts ins Wanken – durch die Kriegskameradschaft, die den Earl of Grantham mit seinem vesehrten Kammerdiener John (Brendon Coyle) verbindet, aber auch durch die Erkenntnis der jüngeren Diener, dass die Welt, der sie dienen, ihre besten Zeiten hinter sich gehabt haben könnte. Da mögen Jim Carter als Butler Charles und Phyllis Logan als Housekeeper Elsie als wunderbar loyales Diener-Duo noch so sehr auf Einhaltung der Regeln pochen – es bricht und bröckelt an jeder Ecke.
Ehrfurcht vor dem Besitz
Die Kameraleute (u.a. David Katznelson) und Cutter (u.a. John Wilson) der Serie geben beiden Welten ihren je eigenen, unverwechselbaren Look. Lange, ruhige Einstellungen über Raumfluchten, Treppen, Ausblicke prägen die Welt der Herrschaft, vermitteln Überblick, Gelassenheit und Understatement. Hektische Kamerabewegungen, schnelle Schnitte dagegen in der Welt der Diener, Tempo, Stress, Unruhe und potenzieller Aufruhr. Gedreht wurden diese Szenen in den Studios von London-Ealing – die Szenen upstairs hingegen in dem Hampshire-Anwesen Highclere Castle. Das prächtige jakobinische Gebäude samt seinem Landschaftspark von Capability Brown spielt eine Hauptrolle in Downton Abbey, seinem Erhalt sind alle persönlichen Konflikte untergeordnet. Das würde so auch Lady Carnarvon unterschreiben, die gegenwärtige Herrin von Highclere Castle, die ihr Haus nur zu gern als Drehort zur Verfügung stellt. In dieser Ehrfurcht vor dem Besitz ist Downton Abbey so britisch, wie eine Serie nur sein kann. Kein Wunder, dass das immobilienkrisengeschüttelte Amerika voll Sehnsucht auf diese untergegangene Welt blickt.
