Claudia Stanetty ist die Frau im Hintergrund, ohne die nichts geht: Sie ist Filmgeschäftsführerin der Amour Fou und verantwortet auch Finanzen und das Controlling in Wien und Luxemburg. Ein Gespräch über Zahlenaffinität, internationale Ko-Produktionen und persönliche Highlights.
Sie sind seit elf Jahren bei der Amour Fou. Wie war Ihr persönlicher Werdegang in der Firma?
Claudia Stanetty: Ich bin seit 2009 bei der Amour Fou Vienna tätig und habe mich von Anfang an um die Finanzen der Firma sowie um die finanzielle Abwicklung der Filmprojekte in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen gekümmert. Ende 2011 bin ich mit dem Projekt Hannah Arendt auch in den Bereich der Filmgeschäftsführung eingestiegen und habe seitdem außerdem noch die Finanzen und das Controlling bei der Amour Fou Luxembourg übernommen.
Was kann man sich unter Filmgeschäftsführung vorstellen? Was fällt alles unter diesen Begriff?
Claudia Stanetty: Die Filmgeschäftsführung nimmt in der Regel ein paar Wochen vor Drehstart ihre Tätigkeit auf. Sie arbeitet eng mit der Produktionsleitung zusammen und ist für die ordnungsgemäße Kostenzuordnung, die zeitnahe Verarbeitung von Belegen, die Erstellung aktueller Kostenstände sowie die Sicherstellung des Finanzbedarfs während des Drehs zuständig. Ebenso ist sie für die Begleichung aller Verbindlichkeiten sowie für die Gehalts- und Honorarzahlungen des gesamten Filmteams vor und hinter der Kamera verantwortlich. Die Tätigkeit endet mit der finanziellen Abwicklung des Filmprojekts.
Filmgeschäftsführung klingt nach einer sehr trockenen Materie. Wie sehen Sie das?
Claudia Stanetty: Natürlich muss man eine gewisse Zahlenaffinität besitzen, um diese Tätigkeit gerne ausüben zu können. Aber ich würde nichts in der Filmbranche als trockene Materie bezeichnen, auch nicht den Bereich der Filmgeschäftsführung. Jedes Filmprojekt verläuft anders, kein Tag während eines Drehs gleicht dem anderen. Man muss sich immer wieder neuen Herausforderungen und Unvorhergesehenem stellen und das macht auch diesen Bereich sehr abwechslungsreich.
Wie früh werden Sie in ein Projekt eingebunden, und was sind Ihre dringlichsten Aufgaben bei einem neuen Projekt?
Claudia Stanetty: Ich begleite unsere Projekte schon sehr früh durch alle jeweiligen Phasen ihrer Entstehung. Je nachdem, ab wann ein Projekt zu uns stößt – von der Stoff- und Projektentwicklung, über die Herstellung bis hin zur Verwertung. Ich bin für den gesamten Zeitraum für die finanzielle Abwicklung der jeweiligen Phasen zuständig.
Wie sehen Sie die Entwicklung der Amour Fou in den Jahren, seit Sie dort sind bzw. seit der Gründung? Was hat sich verändert und in welcher Weise?
Claudia Stanetty: Die Amour Fou ist in den letzten Jahren mehr und mehr in ihrer Internationalität gewachsen. Der Fokus liegt viel mehr auf größeren, internationalen Ko-Produktionen, als es zu Beginn meiner Arbeit der Fall war. Vor einiger Zeit haben wir auch das Genre des Kinderfilms in unser Repertoire aufgenommen, was mich persönlich sehr freut. Es gibt auch immer öfter Ko-Produktionen zwischen Amour Fou Vienna und Amour Fou Luxembourg selbst, wodurch auch die beiden Firmen und ihre Teams mehr und mehr zusammenwachsen und es macht wirklich Spaß, in so einem ambitionierten Team zu arbeiten.
Stichwort internationale Ko-Produktionen. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus? Sind diese komplizierter als nationale Produktionen?
Claudia Stanetty: Die Arbeit kann sich schon etwas komplizierter gestalten, wenn es mehrere internationale Ko-Produzenten bei einem Projekt gibt. Es ist nicht immer einfach, die unterschiedlichen Förderrichtlinien oder auch rechtlichen Grundlagen der jeweiligen Länder unter einen Hut zu bringen. Jeder Ko-Produzent hat noch dazu andere Arbeitsweisen und Arbeitstools, das macht es oft schwieriger. Spätestens am Ende muss dann alles zusammenpassen, damit das Projekt in allen Ko-Produktionsländern erfolgreich abgeschlossen werden kann.
Gab oder gibt es Momente, in denen die Vorstellungen einer Regisseurin oder eines Regisseurs den finanziellen Rahmen zu sprengen drohten?
Claudia Stanetty: Ja, die gab es schon, zum Glück aber nicht sehr viele. Das ist dann eine mitunter sehr schwierige Situation, mit der sich die Produzentinnen und Produzenten auseinandersetzen müssen.
Sind Sie auch manchmal am Set zu finden, oder bleiben Sie immer im Büro?
Claudia Stanetty: Der eine oder andere Set-Besuch kann schon dabei sein, größtenteils bin ich aber im Büro zu finden. Die Arbeit im finanziellen Bereich braucht doch sehr viel Genauigkeit und Konzentration. Die dafür notwendige Ruhe findet man im regen Set-Betrieb kaum.
Wenn Sie einen fertigen Amour-Fou-Film sehen – können Sie den uneingeschränkt genießen, oder sehen Sie dann vor allem Einsparpotenzial?
Claudia Stanetty: Nein, ich bin immer sehr gespannt auf den fertigen Film, vor allem, weil ich vorher oftmals nur das Drehbuch gelesen oder Ausschnitte gesehen habe. Am Ende den finalen Film auf der Kinoleinwand zu sehen und zu wissen, ein Stück dazu beigetragen zu haben, macht wirklich große Freude.
Derzeit sind zwölf Filme – in unterschiedlichen Stadien – in Arbeit. Wie können Sie eine solche Menge handlen, ohne die Übersicht zu verlieren?
Claudia Stanetty: Das geht eigentlich ganz gut, solange sich nicht alle Filme gleichzeitig in der Herstellungsphase befinden – sonst wäre es kaum machbar. Aber die Phasen der Stoff-und Projektentwicklung sowie die der Postproduktion und Verwertung sind für mich weit weniger arbeitsintensiv als die Drehphase und können daher problemlos parallel ablaufen.
Welche sind Ihre persönlichen Highlights unter den Filmen, die Sie mitverantwortet haben?
Claudia Stanetty:Hannah Arendt von Margarethe von Trotta, Egon Schiele – Tod und Mädchen von Dieter Berner, Styx von Wolfgang Fischer, Invisible Sue von Markus Dietrich sowie Stefan Ruzowitzkys Projekt Hinterland, das sich noch in Postproduktion befindet, auf das ich mich aber schon besonders freue.
