Herbert Tenschert im Gespräch
Es muss nicht immer Filmakademie sein. Auch das filmcollege in Wien bietet eine fundierte Berufsausbildung an. In dreieinhalb Jahren kann man hier vom Tellerwäscher zum Filme- und/oder Fernsehmacher werden.
Ich bin einmal gefragt worden, ob Regisseure denn auch schreiben können müssten. Und habe geantwortet, es wäre schon sehr gut, wenn sie wenigstens lesen könnten. (Billy Wilder, zitiert im Imagefolder des filmcollege)
Herbert Tenschert ist ein freundlicher Mann, und sein Enthusiasmus ist ansteckend. Das merkt man schon beim gemeinsamen Rundgang durch die verschiedenen Arbeitsräume (Schnittplätze, Tonstudio) im neu errichteten Gebäude in der Wiener Johannagasse, in dem das filmcollege untergebracht ist. 31 Jahre lang war Tenschert beim ORF beschäftigt, als Regisseur und Sendungsgestalter, zuletzt im Bereich Promotion, ehe er – wie so viele andere – durch die Umstrukturierungsmaßnahmen im staatlichen Sender unfreiwillig viel Freizeit bekam. Doch darüber will Tenschert nicht sprechen, zu sehr hat es ihn wohl getroffen. Feuer und Flamme ist er dagegen, wenn er über seine im Oktober 2009 aufgenommene Tätigkeit als Leiter des filmcollege spricht, das zum polycollege (ehemals: Volkshochschule Stöbergasse) gehört, dem ja auch der (heute kaum noch für Filmvorführungen genützte) Saal im VHS-Hauptgebäude und vor allem das populäre Filmcasino assoziiert sind.
Hervorgegangen ist das filmcollege aus einer studentischen Initiative namens Umkehrfilm, die, nachdem der Filmkurs zu Ende gegangen war, danach strebte, Räumlichkeiten in der Volkshochschule anzumieten. Im polycollege, das traditionell ein breit gefächertes Angebot an kreativen Kursen anbietet, erkannte man rasch den Bedarf für eine filmische Ausbildung. Das war 2006, und inzwischen ist das filmcollege eine etablierte Ausbildungsinstitution, an der namhafte Expertinnen und Experten unterrichten – eine Tatsache, die für Herbert Tenschert besonders wichtig ist: „Mein großes Ziel, damit unsere Absolventen die größten Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, ist, das Prestige und das Image der Schule noch weiter anzuheben, damit die Filmschaffenden draußen und die Produzenten und die Fernsehmacher uns als verlässliche Partner sofort wiedererkennen. Ich will, dass die Fachwelt weiß, dass jemand, der vom filmcollege kommt, sein Handwerk vollständig beherrscht. Dazu brauche ich die besten Vortragenden im ganzen Land. Das sind alles Leute, die in der Praxis stehen. Natürlich genügt es nicht, Fachkompetenz zu haben, sondern man muss sein Wissen auch pädagogisch vermitteln können. Das ist eine Gratwanderung, die wir – glaube ich – sehr erfolgreich bewältigen.“ Im Fach Regie unterrichten etwa erfolgreiche Filmemacher wie Arash T. Riahi und Michael Kreihsl, im Bereich Kamera Martin Gschlacht und Birgit Gudjonsdottir, auf dem Sektor Produktion Gerhard Schedl, langjähriger Leiter des Österreichischen Filminstituts, Filmgeschichte kann man bei Ex-Diagonale-Intendant Constantin Wulff oder dem Filmemacher/ Musiker/Journalisten Michael Palm lernen, um nur ein paar Namen zu nennen.
Das Studium dauert sieben Semester. Nach dem Grundlehrgang (zwei Semester), der mit dem Zertifikat „Film Making“ abgeschlossen wird, muss man sich für zwei Fachrichtungen aus den Bereichen Regie, Drehbuch, Kamera, Produktion und Schnitt entscheiden. Der Hauptlehrgang umfasst vier Semester, je zur Hälfte für Dokumentarfilm und für Spielfilm, TV-Film und Serien. Im siebenten, dem Diplomsemester, wird der Abschlussfilm hergestellt, immer natürlich partnerschaftlich mit anderen Studentinnen und Studenten und unter Anleitung praxiserprobter Fachleute. Praxis, Praxis, Praxis – das ist das Credo des Herbert Tenschert, das er im Laufe des Gesprächs immer wieder betont: „Ab dem ersten Semester produzieren die Studenten Filme. Es ist mir wichtig, dass die Praxisorientierung und die kreative Ausbildung im Vordergrund stehen. Das Theoretische gehört natürlich als Basiswissen dazu, aber das wichtigste ist die Praxis. Es gibt einen Jahrgang, der ist so ambitioniert, der hat aus Eigeninitiative ein Projekt selbst realisiert. Natürlich stelle ich ihnen, so gut es geht, all unser Equipment zur Verfügung. Wenn jemand so initiativ ist und so einen starken Willen hat, dann unterstütze ich das in jeder Hinsicht. Das sage ich den Studierenden auch immer wieder: ‚Ihr müsst einen starken Willen zur Realisierung haben, ihr müsst enthusiastisch sein und enormes Durchhaltevermögen haben. Unsere Branche ist eine sehr enge, da steigt jeder jedem auf die Zehen, aber es kann doch jeder schaffen.‘ Es hängt an jedem selbst, was er aus seinem Studium macht, und aus diesem Studium kann man sehr viel machen.“
Naturgemäß fällt auch das Zauberwort „Vernetzung“, ohne die es selbst in einem so kleinen Land mit einer so kleinen Filmbranche nicht geht: „Vernetzung beginnt ja schon mit den Dozenten. Wenn man bei denen positiv auffällt oder bekannt wird, dann werden sie einen vielleicht eines Tages beschäftigen oder weitervermitteln oder weiterempfehlen. Dann sage ich meinen Studenten auch immer, dass sie, während sie hier sind, versuchen müssen, jeden Job, den sie draußen bekommen können, zu bekommen. Auch wenn sie nur Setfahrer oder Setrunner sind, sie sollen immer nahe an der Filmproduktion dran sein. Nach dem Studium werden sich nicht sofort Tür und Tor öffnen, aber wenn sie schon Kontakte haben, ist die Chance natürlich viel größer.“
Wie aber kommt man nun an die (jungen) Leute? Sind das alles solche, die die als tricky bekannte Aufnahmeprüfung an der Filmakademie nicht schaffen? „Auch“, sagt Tenschert, „aber das ist der geringste Teil. Es sind interessanterweise gleich viele Studentinnen und Studenten hier, die sind durchschnittlich so um die 20 Jahre alt. Matura ist übrigens keine Bedingung. Das einzige Aufnahmekriterium ist, das 17. Lebensjahr abgeschlossen zu haben und eine kleine Aufnahmeprüfung zu machen. Da ist aber die Schwelle sehr niedrig. Die dient eigentlich nur dazu, die Leute ein bisschen kennen zu lernen und zu sehen, ob sie kreatives Potenzial und ob sie Enthusiasmus haben.“ Und dann sagt Herbert Tenschert: „Wenn ich sie frage, ob sie sich vorstellen können, auch etwas anderes als Film zu machen, und sie sagen ja, dann ist das schon die falsche Antwort.“ Das klingt wie ein Scherz, aber da kann man sich beim Leiter des filmcollege nicht so ganz sicher sein. Man darf im übrigen auch älter als 20 sein: „Nach oben hin gibt es keine Altersgrenze. Wir hatten auch schon eine 40-jährige vierfache Mutter. Die hatte schon Drehbücher geschrieben und wollte das eben vertiefen und professionalisieren. Es gibt immer wieder Späteinsteiger, das ist ja auch gut so.“
Rund 20 Leute werden jährlich aufgenommen, der Studiengang beginnt, wie nicht anders zu erwarten, im Oktober. Mangel an Bewerbungen herrscht keiner, auch wenn sich Herbert Tenschert der Tatsache bewusst ist, dass die Filmakademie schon auf Grund ihrer langen Tradition für viele die erste Adresse ist: „Ich arbeite daran, dass wir noch bekannter werden. In die Filmakademie gehen teilweise die Töchter und die Söhne von aktiven Filmschaffenden hin. Das ist eben eine andere Voraussetzung. Ich denke dennoch, dass wir neben der Filmakademie die einzige Ausbildung sind, die so in die Breite geht und die so ein Angebot hat.“ Jedes Jahr im März ist das filmcollege auf der BeST, der Messe für Beruf, Studium und Weiterbildung in der Wiener Stadthalle, vertreten, wo das Team, aber auch Studentinnen und Studenten Interessierte über Möglichkeiten und Chancen der Ausbildung informieren. Auch dabei unterstreicht man den qualitativen Ansatz: „Jeder kann heutzutage mit seinem Handy einen Film drehen. Gerade da haken wir ein und sagen, wir müssen uns mit der Ausbildung und mit dem, was die Leute hier lernen, davon unterscheiden. Die müssen wirklich Fachleute werden, in zumindest zwei großen Bereichen des Filmemachens.“ Wie aber geht man mit der viel beklagten „Beliebigkeit der Bilder“, mit dem, was man vielleicht auch unter YouTube-Kultur zusammenfassen könnte, um? Herbert Tenschert: „Ich muss sagen: Durch die Genauigkeit, mit der die Dozenten und Studenten arbeiten, ist das gar kein Thema. Wir hatten den prominenten deutschen Kameramann Reinhold Vorschneider [u.a. Der Räuber] zwei Wochen lang da, den haben wir extra aus Berlin einfliegen lassen, und auch Michael Kreihsl war da. Da bin ich sehr stolz. In der ersten Woche haben sie Filmanalysen gemacht, in der zweiten Woche eine praktische Übung. Immer verschieden zusammengestellte Teams hatten am Beginn des Seminars einen einseitigen Dialog bekommen, den jeder auflösen musste. Das war äußerst professionell. Ich war ein paar Mal dabei. Das ist wie ein ganz normaler Filmdreh „draußen“ abgelaufen. Dadurch, dass Vorschneider und Kreihsl ständig am Drehort waren konnten sie das ständig evaluieren, aber ohne den Leuten ihre Art oder ihren Stil aufzuzwingen. Wenn die Leute selber Regie machen müssen, sehen sie erst, wie schwierig das ist. Zur Regie drängen die meisten, weil es natürlich das Glamouröseste ist, mit dem besten Image. Da lernen sie einmal ganz genau kennen, wie schwierig das ist. Sie lernen übrigens bei uns auch, dass 80 Prozent der Filmarbeit darin besteht, die Finanzierung aufzustellen. Sie müssen ihre Filme ja auch finanzieren lernen. Das heißt, sie müssen sich auch mit diesen Förderprozeduren beschäftigen.“
Stichwort Finanzierung: Ist die Studiengebühr von 2.950 Euro pro Semester nicht eine Hemmschwelle? Herbert Tenschert: „Für eine fundierte Ausbildung wie diese, in Theorie und vor allem Praxis, erscheint sie mir nicht zu hoch. Außerdem gibt es die Möglichkeit, um ein Stipendium anzusuchen, das von unserem Partner, der Satel Privatstiftung [von der renommierten Satel Film, die derzeit Peter Patzaks neuen Kottan-Film produziert] angeboten wird.“ Aber Geld sei ohnehin nicht das wichtigste, betont Tenschert zum Ende des Gesprächs noch einmal: „Viel entscheidender sind Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Das lernen sie von Anfang an.“ Und Enthusiasmus.
