Ein Hauch von Glamour, ein wachsender Filmmarkt, ein Link nach Europa – und außerdem hatte die 13. Auflage des Sarajevo Filmfestivals verstärkt mit Österreich zu tun.
Ende August, in der Innenstadt von Sarajevo: Zweierlei Uniformierten begegnet der Besucher überall. Dutzendfach im Nationaltheater und davor, beim ebenso versteckt gelegenen wie riesigen Heineken Open Air und vor dem schönen Festivalcenter 50 Meter daneben, beim Ticketschalter, am Eingang des Jugendtheaters. Die einen Uniformierten sind männlich, überwiegend mit Furcht einflößender Physiognomie ausgestattet und pflegen nur selten den Gesichtsausdruck zu wechseln. Die anderen sind weiblich, tragen halblange schwarze Kleider und haben trotz 42 Grad im Schatten stets ein Lächeln auf den Lippen, wenn sie einem eine Schachtel „Avangard“ hinhalten und, greift man zu, freundlich Feuer anbieten.
Die unzähligen Security-Männer und Zigarettenwerbedamen helfen dem Festival-Neuling, gleich einmal ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie eventbezogene Arbeitsplatzprogramme in einer Nachkriegsgesellschaft funktionieren können. Erstaunlich ist die in der Stadt offensichtliche Fülle (auch internationaler) Sponsoren, die Direktor Mirsad Purivatra für sein Festival auftreiben kann. „Nur 35 Prozent des Budgets kommt vom Staat, der Großteil von privaten Sponsoren. Also sind wir eher unabhängig“, sagt der Mastermind des hiesigen Kinos gutgelaunt beim Interview im Kinocafé Meeting Point, wo Purivatra 1994, noch während des Krieges, die erste Auflage des Filmfestivals ausheckte. Damals sei man hier in dem mit Sandsäcken geschützten Kino zusammen gesessen und habe sich Tapes von den Kollegen in Edinburgh oder Locarno schicken lassen, erzählt er, nach dem Krieg sei hier „Utopia“ gewesen. Und heute? „Was soll ich sagen? Nach menschlichen Maßstäben haben wir nun das Teenager-Alter erreicht.“
Treppenwitz vor dem Nationaltheater
Das Sarajevo Filmfestival entwickelt sich trotz seines vergleichsweise zarten Alters stetig zu einer bekannten Marke der Filmbranche, in dreifacher Hinsicht: Als nationales Festival von Bosnien-Herzegowina in dritter Auflage; als Schaufenster der Region „Südosteuropa“, die sich von der Türkei und Zypern bis nach Ungarn und neuerdings auch nach Österreich erstreckt; und als internationales Festival mit bunt gemischtem Programm, zu dem auch Perlen zählen, die man sich etwa in Cannes ausgesucht hat. Zu steigenden Vorführungs-, Zuschauer- und Gästezahlen kommt seit fünf Jahren der wachsende Koproduktionsmarkt CineLink, auf dem regionale Filmprojekte möglichen Koproduzenten aus finanzkräftigeren Teilen der Welt (also zum Beispiel auch Österreich) ans Herz gelegt werden. Vor drei Jahren startete hier die Erfolgsgeschichte des späteren Berlinale-Gewinners Grbavica, als Regisseurin Jasmila Žbani’c ihre österreichischen und deutschen CineLink-Partner traf. Aus Berlin hat man inzwischen das Nachwuchslabel „Talent Campus“ importiert, das heuer erstmals junge Schauspieler, Regisseure und Produzenten aus der Region zusammenführt.
Die starke internationale Ausrichtung des Festivals dürfte nicht zuletzt dem Umstand geschuldet sein, dass die Präsenz von Beamten und Diplomaten verschiedener Länder in Sarajevo immer noch deutlich zu spüren ist. Das Festival diene vor allem dazu, behaupten freilich nur böse Zungen, den Delegierten und ihren Familien ein kulturelles Highlight in der bosnischen Hauptstadt zu bieten.
Ein weltgewandtes Filmfest kommt selbstverständlich nicht ohne internationale Stars aus. Voriges Jahr waren unter anderen Mike Leigh und Nick Nolte zu Gast, heuer sind es Juliette Binoche, Steve Buscemi, Michael Moore, Fatih Akin und Jurypräsident Jeremy Irons, der eilig in tropischem Camouflage-Outfit von Termin zu Termin hastet. Der rote Teppich vor dem Nationaltheater indes, und das ist der Treppenwitz im kleinen Cannes hier im Herzen der Balkanhalbinsel, der wird nicht für Juliette und Jeremy ausgerollt, sondern „für unsere regionalen Stars“, wie Direktor Purivatra lächelnd erklärt. Diese werden zudem allabendlich, wenn sie aus Limousinen aussteigen und zu den Galavorstellungen schreiten, von einer Krankamera erfasst – wohingegen La Binoche einen Workshop für Schauspielstudenten abhält. Die Premierengäste dürfen übrigens schon auch auf den roten Teppich.
Ex-Yu und der Krieg
Während Red Carpet, Starrummel, nach Wichtigkeit geordnete Akkreditierungen und das eingangs erwähnte Wach- und Zigarettenpersonal eher an die Croisette erinnern, weisen die Nähe der Festivalkinos, die Stimmung bei Empfängen und Partys und vor allem das regionale Filmangebot Parallelen zum Crossing Europe Festival in Linz auf. 175 Filme wurden heuer in Sarajevo gezeigt, davon 16 Welt- und 12 internationale Premieren. Viele Produktionen aus Bosnien und dem ex-jugoslawischen Raum beschäftigen sich naturgemäß mit dem Krieg und werden das weiterhin tun, laut Purivatra noch ein bis zwei Generationen lang. Das Spektrum reicht dabei von technisch ausgereiften, jedoch nichtssagenden Kriegsfilmspektakeln (The Living and the Dead aus Kroatien) über Begegnungen zwischen Daheimgebliebenen und Heimkehrern (Huddersfield von Ivan Živkovi’c und der schon bei Crossing Europe gezeigte Tomorrow Morning von Oleg Novkovi’c, beide aus Serbien) zu ehrlich bemühten Alltagsdramoletten (wie der in Sarajevo spielende Eröffnungsfilm It’s Hard to be Nice von Srdan Vuleti’c, in dem ein Taxifahrer aus dem Teufelskreis routinierter Kleinkriminalität aussteigen will).
Den Hauptpreis des Spielfilmwettbewerbs erhielt einer von drei türkischen Beiträgen, Özer Kiziltans Debütfilm Takva (A Man’s Fear of God), über einen zwischen Enthaltsamkeit und sexueller Begierde hin- und hergerissenen Muslim. Die mazedonische CineLink-Produktion I am from Titov Veles (Regie: Teona Strugar Mitevska) porträtiert eine junge Frau (Labina Mitevska), die seit dem Tod ihres Vaters zu sprechen aufgehört hat, im komplizierten Verhältnis zu ihren zwei Schwestern. Für diese feinfühlige Gestaltung einer inneren Suche, und wohl auch für die Expressivität der Bilder eines gottverlassenen, umweltverseuchten Industriegebiets vergab die Jury den Spezialpreis. Ein verhalten optimistischer Grundton des Wettbewerbsprogramms fand auch hier seine Entsprechung.
Bosnisch-österreichische Bilateraloffensive
Zwei Galapremieren wurden außer Konkurrenz auf den Spielplan gesetzt: Neben dem Cannes-Gewinner 4 Months, 3 Weeks and 2 Days des Rumänen Cristian Mungiu fand sich Ulrich Seidl mit seinem zweiten Spielfilm Import Export (der inzwischen zu 45 Festivals eingeladen und in 20 Länder verkauft wurde) in bester Gesellschaft. Dem Österreicher war auch ein – von Panorama-Gestalter Howard Feinstein betreuter – Tribute gewidmet, eines von mehreren sorgfältig kuratierten internationalen Programmen (ein ausführliches Interview mit Seidl finden Sie zum Start von Import Export im nächsten ray).
Damit aber noch lange nicht genug der österreichisch-bosnischen Bilateralkulturoffensive: Ein „Österreicher-Tag“ im Rahmen des CineLink-Programms, zu dem unter anderen Martin Schweighofer (AFC), Barbara Fränzen (ORF), Roland Teichmann (ÖFI) und Peter Zawrel (WFF) eingeladen waren, bildete den Auftakt zu einer intensiven Kooperation des Festivals mit der Diagonale in Graz im kommenden April. I am from Titov Veles und der Dokumentarfilmpreisträger Interrogation von Namik Kabil sollen gezeigt werden, dazu wird Nina Kusturica drei Spielfilme aus dem Wettbewerb von Sarajevo auswählen. Der mit dem „Österreicher-Tag“ korrespondierende „Bosnier-Tag“ in Graz mit Panel und Party soll dann vernetzen und CineLink-Verhandlungen weitertreiben helfen. Womöglich kann man ja auch ein paar Uniformierte engagieren, um den Gästen aus Sarajevo einen Empfang in vertrauter Atmosphäre bieten zu können. Wie wäre es mit lächelnden Zigarettenwerbedamen, die einem „Avangard“-Stängel anbieten? Aber das wäre, zumal im April 2008 im dann vielleicht schon rauchfreien Österreich, auch eine Art Utopia.
