Auch die 54. Edition der Solothurner Filmtage in dem charmanten Barockstädtchen Solothurn, hielt wie die Ausgaben zuvor eine vielgestaltige, umfassende Auswahl des aktuellen Schweizer Filmschaffens für seine Besucher bereit.
Schon der Eröffnungsfilm, dem eine besonders launige und zugleich scharfsinnige Rede von Bundesrat Alain Berset voranging, in der er den Film als „das Leitmedium unseres Selbstverständnisses“ bezeichnete, weshalb es bedeutsam sei, dass der Film die großen politischen Fragen der Gegenwart offensiv anpackt, verwies auf den Blick der Festivalkuratoren.
Tscharniblues II, der sich mit den Machern des Films Dr Tscharniblues aus dem Jahr 1979 auseinandersetzt und danach fragt was aus den Ideen und Ideale von damals geworden ist, zieht eine direkte Verbindung zur Vergangenheit und mit der verhandelten Gesellschaftsgeschichte auch zu der Geschichte der Solothurner Filmtage, auf denen der Film 1980 gezeigt und zu einem Überraschungserfolg wurde. 1979 drehten Vater, Onkel und Freunde des Regisseurs Aron Nick den idealistischen Super-8-Film Dr Tscharniblues. Ein wildes, ungeschminktes Selbstporträt einer Gruppe von Freunden, die in der gleichen Wohnanlage, der Hochhaussiedlung Tscharnergut aufgewachsen sind. Aron Nick trifft die Freunde heute und spricht mit ihnen über ihre Ideale und über ihr Leben, über ihre Erfolge und Enttäuschungen. Ein sensibler und aufgeschlossener Film, ein gelungener Dialog zwischen den Generationen, in dem Nick schöne Bilder und Situationen findet, um die sich wandelnden Ideale und den bleibenden Wert von Freundschaft darzustellen.
Zuvor hatte Festivalleiterin Seraina Rohrer dazu aufgefordert, stets Fragen zu stellen und neue Welten zu schaffen: „Die Kunst braucht Idealisten!“ Sie wies darauf hin, dass sich die Ideale auch wandeln dürften, so wie die der Solothurner Filmtage. Sie nahm damit Bezug auf die Debatte, die zuvor von einer Gruppe älterer Schweizer Regisseure entfacht worden war, die das Auswahlverfahren der Direktorin kritisierten, weil es der Film Passion des etablierten Filmemachers „Christian Labhart“ nicht ins Programm geschafft hatte. Eine Petition sollte die Entscheidung revidieren, blieb jedoch ohne Erfolg. Stattdessen lud Rohrer zu einer Diskussionsrunde zur Filmauswahl der Solothurner Filmtage ein und lancierte damit wiederum einen Dialog zwischen den Generationen. Ihre Position, dass es deutlich mehr Einreichungen als Plätze auf dem Festival gibt und deshalb eine Auswahl, die möglichst repräsentativ ist, und die verschiedenen Genres und Generationen repräsentiert unvermeidbar ist, leuchtet ein. Es kann bei einem kuratierten Festival kein Recht auf einen Platz im Programm geben, auch wenn die Enttäuschung auf Seiten der abgelehnten Filmemacher verständlich ist. Die Thematik als Generationenkonflikt darzustellen, scheint mit Blick auf die Filmauswahl jedoch in keinem Fall zutreffend. In dem im Schweizer Filmschaffen durchgehend groß geschriebene Dokumentarfilmbereich waren in Solothurn etablierte Filmmemacher der älteren Generation prominent vertreten.
Christoph Schaub setzt sich in seinem Film „Architektur der Unendlichkeit“ mit sakralen Bauwerken auseinander und erforscht deren Transzendenz. Das Gespräch mit den namhaften Architekten Peter Zumthor, Tadao Ando und Peter Märkli geht den Fragen der Inspiration und der intendierten Wirkung der Bauwerke nach. Schaub, der schon zuvor filmische Auseinandersetzungen mit dem Thema Architektur führte, kann mit seiner Untersuchung der Wirkung von Architektur faszinieren. Die Erzählung der persönlichen Geschichte, sein Umgang mit dem Tod und die Suche nach der Unendlichkeit stehen jedoch der nüchternen Strenge der Architektur auf weniger überzeugende Weise entgegen und rutschen manchmal beinahe ins leicht esoterische ab. Unnötig, da sich die Transzendenz und die damit verbundene Verbindung der Räume zu Spiritualität auch so überträgt.
Gateways to New York von Martin Witz erzählt die Geschichte des Schweizer Ingenieurs Othmar H. Ammann, der 1904 nach New York auszieht, die Regeln der Brückenbaukunst neu definiert und damit das Stadtbild New Yorks entscheidend mitprägt. Der Film zeichnet das Leben des Mannes nach und zeigt Archivaufnahmen vom Bau seiner grandiosen Konstruktionen, die auch heute noch eine Sensation sind, darunter die George Wahington Bridge, die Goethalsbridge und die Verrazano-Narrows Bridge. Als Berater war Amman auch am Bau der Golden Gate Bridge in San Francisco beteiligt. Martin Witz hat überdies interessante Protagonisten gefunden, die mit dem Bau dieser Brücken noch unmittelbar verbunden waren: Ein ehemaliger Mitarbeiter Ammans, zwei indianische Brückenbauer und ein Anwalt, der sich für die Rechte der Anwohner einsetzte, die aufgrund des Brückenbaus ihre Häuser verlassen mussten. Martin Witz wurde für Gateways to New York mit dem Publikumspreis „Prix du Public“ ausgezeichnet.
Auch in David Bernets Kurzfilm Jenseits der Musik spielt außergewöhnliche Architektur eine Rolle. Die Schaffung der visionären Barenboim-Said Akademie in Berlin, die jungen Nachwuchstalenten aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika ein paralleles Musik- und Philosophiestudium ermöglicht, ist ein gemeinsames Projekt von Daniel Barenboim und dem inzwischen verstorbenen palästinensischen Philosophen Edward Said. Die Pläne für das Akademiegebäude mit dem phantastischen Konzertsaal stammen von dem kanadisch-amerikanischen Architekten Frank Gehry. Bernets Film überträgt die ambitionierte Idee der Akademie auf emotionaler und intellektueller Ebene und lässt den Zuschauer teilhaben an dem zutiefst humanistischen Ideal dieses Unternehmens.
Fanny Bräuning begleitete in ihrem berührenden zweiten langen Dokumentarfilm Immer und ewig ihre Eltern auf eine Reise durch Südeuropa. Ihr Vater Niggi, leidenschaftlicher Fotograf und engagierter Ehemann pflegt seine gelähmte, an MS erkrankte Frau Annette seit mehr als zwanzig Jahren. Er hat einen Camper so ausgestattet, dass es für ihn und seine Frau möglich ist, damit eine Reise durch Südeuropa zu unternehmen – so wie sie vor ihrer Erkrankung gern zusammen gereist sind. Der Regisseurin ist ein sehr persönlicher, zutiefst menschlicher Film zwischen Ernst und Humor gelungen. Sie begleitet ihre Eltern und zeigt deren Beziehung zueinander, die Unwägbarkeiten und Härten dieser Krankheit und Situation, die Aufopferung des Vaters und die große Liebe zwischen den beiden. Ein Film der eine persönliche Geschichte erzählt, aber auch die großen Fragen des Lebens stellt. Er gewann zu Recht den „Prix des Soleure“, den die Regisseurin Fanny Bräuning als erste Regisseurin bereits zum zweiten Mal mit nach Hause nehmen kann.
Die Festivalreihe „Rencontre“ ehrt jährlich eine Persönlichkeit des Schweizer Films und zeigt ausgewählte Werke ihres Schaffens. In diesem Jahr waren die „Rencontre“ dem Schweizer Schauspieler Bruno Todeschcini gewidmet. Fünfzehn Filme aus Schweizer, Französischer, Österreichischer und Deutscher Produktion, darunter „Lourdes“ von Jessica Hausner wurden gezeigt. In dem Gespräch mit Bruno Todeschini, in Kooperation mit der Filmzeitschrift „Revolver“, erinnert sich der Schauspieler intensiv an seine Zusammenarbeit mit dem 2013 verstorbenen französischen Film- und Theaterregisseur Patrice Chéreau.
