Filmförderung – Peter Zawrel und Helmut Grasser im Zwiegespräch

| Andreas Ungerböck :: Gunnar Landsgesell |

Gunnar Landsgesell und Andreas Ungerböck trafen Peter Zawrel, Geschäftsführer des Filmfonds Wien, und den Produzenten Helmut Grasser („We Feed The World“, „In 3 Tagen bist du tot“), Obmannstellvertreter des Produzentenverbandes Film Austria, zu einem recht animierten Gedankenaustausch.

ray: Der heimische Film steckt in der Krise. Künstlerisch gesehen hat es schon einmal mehr Erfolge bei internationalen Festivals gegeben, kommerziell ist der Marktanteil an heimischen Kinokassen mit zwei Prozent einer der geringsten in Europa. Wo sehen Sie die Ursachen?

Peter Zawrel: Wir konnten in den vergangenen Jahren große Erfolge verzeichnen, derzeit befinden wir uns aber in einem Tal. Während Deutschland eine kontinuierliche Aufwärtsbewegung erlebt, gelingt es uns nicht, aus dem Tal herauszukommen. Die Frage ist: warum?

Helmut Grasser: Europaweit boomt der nationale Film in den Heimatländern, nur in Österreich nicht. Das Gleiche gilt für die Lizenzerlöse auf ausländischen Märkten. Eine Ursache dafür liegt in der Fokussierung der Filmförderung auf Festivalteilnahmen. Hier haben wir eindeutig eine Entwicklung verschlafen. Der Festivalbetrieb hat sich mittlerweile von dem, was das Publikum sehen will, völlig abgekoppelt. Selbst renommierte Firmen wie Celluloid Dreams, der profilierteste europäische Weltvertrieb für Arthouse-Filme, musste das eingestehen.

Zawrel: Ich würde die Frage nach den Ursachen nicht auf den Festivalbetrieb beschränken, das ist nur ein Punkt – neben dem Box-Office-Ergebnis. Deutschland hat es geschafft, mit qualitativ hochwertigen Filmen ein breites Publikum zu finden, sie also zu einem „populären“ Phänomen zu machen. In Österreich fehlt die populärkulturelle Tradition völlig, hier gibt es vor allem Hochkultur. Es ist aber entscheidend, welche Stoffe aufgegriffen und welche Geschichten erzählt werden.

Grasser: Werden überhaupt Geschichten erzählt? Es geht doch in österreichischen Filmen vor allem um Befindlichkeiten. Um Zustandsbeschreibungen. Aber Sie haben Recht: Wir entfernen uns völlig davon, dass Film ein Massenmedium ist. Ich sage Ihnen, warum: In den Filmförderungen entscheiden Jurys, und Jurys erzeugen Jury-Filme. Die haben mit dem Publikum nichts zu tun.

Zawrel: Sie koppeln hier zu sehr vom kulturellen Umfeld ab. In Österreich hatte und hat Film nie jene Aufmerksamkeit, die etwa allein schon die Absage von Frau Netrebko bei den Salzburger Festpielen erreicht. Ich würde grundsätzlich in Frage stellen, ob Österreich überhaupt eine Filmnation ist.

Grasser: Das führt zu weit. Ich behaupte, dass mit dem vorhandenen Geld weit mehr erreicht werden könnte. Ich sehe die Krise des österreichischen Films auch als Krise des Fördersys­tems. Hier fehlt ganz einfach die gezielte Förderung interessanter Geschichten.

Zawrel: Ich muss Sie schon fragen, woher die interessanten Geschichten kommen sollen – von der Förderung? Filmförderungen sind strukturell reaktiv angelegt, wir sind immer noch abhängig davon, was von den Produzenten kommt.

Grasser: Eine reaktive Sicht ist mir zu wenig. Ich meine, es gibt Möglichkeiten, wo der Förderer ganz aktiv auf die Produzenten zugeht, sie fragt, welche Stoffe vorhanden sind, sich dialogisch einbringt, statt das bürokratisch über Einreichtermine abzuwickeln.

Zawrel: Das machen wir sowieso auch. Ich wäre der Erste, der die eingereichten Projekte eines bestimmten Zeitraums öffentlich diskutieren würde, um deren Entwicklung zu evaluieren. Und: Natürlich geben wir Impulse, ich predige seit Jahren, doch mehr von der Soziologie der Stadt zu erzählen, mehr Literatur zu verfilmen.

Grasser: Ich möchte meine Argumentation nicht auf eine Förderung beschränken. In Summe haben die Fördereinrichtungen dieses Landes die derzeitige Krise heraufbeschworen. Ich finde das Geschäftsführer-Prinzip der Filmförderungen einfach falsch. Hier kann sich der Geschäftsführer bequem hinter der Jury verstecken und sagen: „Die Jury hat entschieden.“ Diese Politik der Polstertüren verhindert eine Evaluierung.

Zawrel: Liefern Sie mir das Einverständnis der Branche – und wir übertragen die nächste Jurysitzung im Internet! Ich halte Ihre Unterstellung mangelnder Transparenz für wirklich problematisch.

Grasser: Darum geht’s doch nicht, sondern um direkte Verantwortung. Ich behaupte, dass ich – oder auch jemand anderer aus der Branche – als Verantwortlicher innerhalb von zwei Jahren den Marktanteil mindestens verdoppeln, die Verkäufe kräftig ankurbeln würde – bei gleicher Festivalpräsenz. Allein dadurch, dass ich den Dialog mit den Talenten suchen würde: durch gezielte Förderung.

ray: Sie fordern die Abschaffung der drei existenten großen Kinofilm-Fördertöpfe, weil Sie meinen, dass für die Realisierung eines Projekts die Zustimmung aller drei Förderer nötig sei, man diese aber selten bekommt. Stattdessen fordern Sie einen allein verantwortlichen Intendanten. Was soll das bringen?

Grasser: Ich fordere zwei verantwortliche Intendanten, etwa wie in Dänemark. Sie werden für jeweils zwei Jahre bestellt, kommen aus der Branche und gehen dorthin wieder zurück. Sie stehen in Konkurrenz zueinander und kooperieren mit jenen Produzenten, denen sie Erfolg zutrauen. Wenn ein Projekt abgelehnt wird, kann der Produzent zum zweiten Intendanten gehen. Das ermöglicht eine ideale Evaluierung des Erfolgs und ein Modell nach dem Leistungsprinzip.

Zawrel: Ihre Ausführungen sind voller Widersprüche. Erstens: Es existiert in Österreich offenbar eine Mentalität bei etlichen Produzenten, Entscheidungen an Förderer zu delegieren. Das kann doch nicht sein, dass man seine Pflicht darin erledigt sieht, Formulare auszufüllen, statt mit kreativen Autoren Projekte punktgenau zu entwickeln. Ich habe manchmal den Eindruck, Produzenten holen sich lieber die Ablehnung des Förderers, als selbst zu entscheiden. Zweitens: Bleiben wir beim Modell von Dänemark. Ich sehe keinen essenziellen Unterschied zwischen einer Jury und einer Einzelperson, was Entscheidungen betrifft. Sie haben auch keinen schlüssigen genannt. Drittens, zu den Budgets: Dass die Budgethöhe einer Produktion deren Erfolg beeinflusst, ist ein oft widerlegtes Gerücht.

Helmut Grasser: Die Budgethöhe erhöht zweifellos die Chancen, etwa über bessere Schauwerte. Mir geht’s aber um Folgendes: Wir haben bei einer Gesamtfördersumme von 32 Millionen Euro einfach zu wenig Output. Von rund 35 Produktionen des vergangenen Jahres verfügen nur sechs über zwei Millionen Euro Budget. Das sind aber potenziell jene Filme, die gute Chancen auf Erfolg haben, von denen bräuchten wir mehr. Stattdessen wird eine Vielzahl kleinster Produktionen gefördert, von denen man dann nichts mehr hört. Wir sollten jährlich 20 Filme fördern, keinesfalls mehr.

Zawrel: Im Fall des Filmfonds unterliegen Sie einem Missverständnis. Erstens fördern wir primär Produktionen aus standortpolitischem Interesse. Zweitens sehen wir uns immer stärker in die Situation gedrängt, auch eigentliche Fernsehproduktionen zu fördern. Das ist ein Riesenproblem. Das ursprüngliche Ziel des Fernsehfonds, Produzenten Zugang zu internationalen Projekten zu verschaffen, wurde – bis auf wenige Ausnahmen – klar verfehlt. Es erwachsen nicht den Produzenten finanzielle Vorteile, sondern allein dem Fernsehen. Wir sind aber bitte nicht zur Entlastung des ORF-Budgets da.

Grasser: Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Aber da sind wir wieder bei meiner Kritik an den Jurys angelangt: Warum fördern die kleine Fernsehdokus, die tendenziell Auftragsproduktionen des ORF sein sollten? Ich als Verantwortlicher würde das definitiv nicht tun.

Zawrel: Das würde aber alle Produzenten in eine extrem schwierige Situation bringen. Denn, darüber sind wir uns wohl einig, projektbezogene Filmförderung in Österreich dient zu einem großen Teil der Erhaltung der Struktur. Auch im Fernsehproduktionsbereich.

Grasser: Richtig. Allerdings ist es für die Produktionslandschaft extrem ungesund, dass Firmen sich nicht aus Erlösen, sondern durch ein paar Prozent der Projektförderung am Leben erhalten. Zudem halte ich es für einen der größten Irrtümer der Filmförderung, allein schon für eine Festivalteilnahme Referenzmittel – also eine automatisierte finanzielle Belohnung – zu vergeben.

Zawrel: Das stimmt schon, damit geht natürlich ein Anreiz verloren, offensiv mit dem Copyright zu arbeiten und seinen Film zu verwerten. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass einem ein Festivalpreis etwas im Marketing hilft. Das Publikum interessiert sich nämlich gar nicht für diesen Preis. Dieses Denken hat über viele Jahre in eine Sackgasse geführt. Aber vergessen Sie nicht: Diese Referenzförderung ist nur einer von mehreren Bestandteilen einer Erfolgsdefinition. Die entscheidende Frage ist, welchen man betont.

Grasser: Ich meine, er wurde überbetont. Ich verweise nur auf das heurige Jahr. Wir hatten bisher 17 österreichische Filme im Kinoeinsatz mit einem Ergebnis von insgesamt 180.000 Besuchen. Das ist eine absolute Katastrophe.

ray: Ihre Kritik an der Förderpolitik haben Sie deutlich formuliert. Welchen Anteil haben denn die Produzenten an der Krise? Liegt die Stoffentwicklung nicht immer noch in deren Verantwortung? Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Grasser: Wir haben eine Stoffkrise, keine Frage. Wie erwähnt, es werden statt Geschichten oft sozialkritische Zustandsbeschreibungen entwickelt. Ein Jurymitglied des Filmfonds Wien hat einmal gemeint, manchmal wäre es besser, dem Autor eine Psychotherapie zu bezahlen als einen Film. Die Produzenten haben es aber tatsächlich über Jahre nicht geschafft, verschiedene Genres regelmäßig zu bedienen. Wir brauchen sicherlich eine Professionalisierung der Produzenten, die auch in Kategorien von Genres und damit an ein mögliches Publikum denken. So wie die Produzentenlandschaft heute strukturiert und die Filmförderung fokussiert ist, nämlich auf die Belohnung von Festivalteilnahmen, wird es aber keine Lösung der Situation geben.

Zawrel: Das Phänomen, Befindlichkeiten zu transportieren, ist aber auch tief in der österreichischen Literatur verankert. Welche Geschichten hat denn Thomas Bernhard erzählt? Es hat in den 70er Jahren einmal wunderbare Literaturverfilmungen gegeben, die Frage ist nur, wo und wieso diese Erzähltradition ihren Bruch erlebt hat? Vielleicht hat es auch mit der Ausbildung zu tun: Die Frage ist, mit welcher Erwartungshaltung gehen Drehbuchautoren überhaupt an ihre Arbeit heran? Mehr als Impulse können wir da nicht geben, z. B. durch unsere Kooperation mit dem Drehbuchforum, aber die Stoffe müssen schon die Produzenten selbst entwickeln.