Filmische Architekturen

| Gabriela Seidel-Hollaender |

Das Crossing Europe Filmfestival hatte 2014 ein beachtliches Programm zu bieten.

Ein Bilderrauschen. Klänge, die in meditativen Gesang übergehen. Abstrakte Bilder, wirre Muster, tanzende Pixel hinter denen sich Gegenständliches erahnen lässt. Colours of Noise, Pt. III nennt der Künstler Rainer Kohlberger seinen Festivaltrailer für das 11. Crossing Europe-Festivals in Linz.

Der Trailer des letzten Jahrs war von Ella Raidel, die mit ihrem Film Double Happiness die Festivalsektion „Local Artists“ eröffnet. Ihr Film dreht sich um das idyllische Städtchen Hallstatt im Salzkammergut, sowohl um das Original als auch um einen chinesischen Nachbau. Er richtet seinen Bick auf das groteske Szenario des alpenländischen Folklorismus in Südchina und zugleich wirft er Fragen nach Identität und Heimat, Realität und Fiktion in Zeiten der Globalisierung auf.

Jonathan Glazers Under the Skin, ein Sci-Fi-Thriller mit Horroranteilen, erzählt von einer Außerirdischen in Menschengestalt: Laura eine eisige Schönheit fährt ziellos durch die schottische Landschaft und greift Männer auf, die sie verführt und anschließend verschwinden lässt. Glazer inszeniert die Verführung wie einen skurrilen Tanz mit hypnotisierender Wirkung. Die Männer verschwinden im schwarzen Fluid und werden zu Embryonen, Hüllen, pathologischen Präparaten, entfernt aus der Welt und im Äther konserviert. Ein unterkühlter Film der sich auf einem schmalen Grad zwischen faszinierender psychologischer Tiefe und Trivialität bewegt und von zwei Protagonisten getragen wird: Der großartigen Scarlett Johannsen und dem Soundtrack der jungen Komponistin Mica Levi (Micachu).

Gare du Nord von Claire Simon erzählt von Figuren, deren Wege sich zufällig kreuzen und lose miteinander verbinden. Simon versteht es, dokumentarische Ergebnisse ihrer Recherche über das Leben auf dem gleichnamigen Pariser Bahnhof mit einer fiktionalen Liebesgeschichte zwischen einer alternden Schönheit und einem jungen arabischstämmigen Studenten kunstvoll zu verweben und eine Art höhere Ebene, die des Schicksals, miteinzubauen. Im Gespräch sagt Simon, sie wäre statt mit einer Geschichte in den Bahnhof zu gehen, in den Bahnhof gegangen, um dort nach Geschichten zu suchen. Ein soziologische Studie des Lebens auf einem großen Umschlagplatz.

Ehrengast des diesjährigen Festivals war die Britin Joanna Hogg. Nachdem sie 1988 ihr Filmstudium an der National Film & Television School in Beaconsfield abgeschlossen hatte, arbeitete sie lange als Regisseurin für Fernsehserien und Musikvideos. In ihrem Abschlussfilm Caprice debütierte Tilda Swinton in der Hauptrolle. Sie spielt eine junge Frau, die, fasziniert von einer Modezeitschrift unversehens in das Glitzeruniversum des Journals hineingerät. In einer tour de force durch die Welt der schönen Outfits muss sie sich ihren Weg hinaus bahnen. Der Film setzt sich sowohl kritisch mit dem Modediktat auseinander wie er sich der Faszination für Stil und modischer Verwandlung hingibt.

2007 stellte Hogg ihren ersten Kinofilm vor. Unrelated ist der erste Teil einer Trilogie auf den nach Archipelago (2010) und zuletzt Exhibition (2013) folgte. In allen drei Filmen spielt die Architektur des schauplatzgebenden Gebäudes eine tragende Rolle: Ein Herrenhaus in der Toskana, ein Landhaus auf den Scilly Isles in Cornwall, ein Londoner Designhaus des Architekten James Melvin. Doch das ist kein Spleen, kein nerviger ästhetischer Manierismus der Regisseurin. Vielmehr zeigt Hogg in ihren Filmen über Familien- und Beziehungskonflikte welche Rolle die Räume, in denen die Konflikte ausgetragen werden, selbst spielen. Hoggs Filme sind Kleinode der Subjektivität, Stilsicherheit und Subtilität, die den Blick für Beziehungen und Relationen schärfen.

Crossing Europe feiert den eigenwilligen Autorenfilm und interessiert sich dabei immer auch für die Protagonistinnen der Branche. Ein Panel zum Thema „Women in Film Business & Gender Equality“ versammelt die geladenen Regisseurinnen und stellt die Frage nach den Chancen von Frauen in einer weitgehend von Männern dominierten Branche zu recht.