Filmkrise in Frankreich – Kino im Einsturzgefahr

Kino im Einsturzgefahr

| Karin Schiefer |

Frankreichs Filmproduktion driftet in zwei Extreme: hoch dotierte Unterhaltung da, sparsam bestückte Kunst dort. Der facettenreiche Autorenfilm, Markenzeichen und Herzstück des französischen Kinos, bleibt langsam auf der Strecke. Die unabhängige Filmszene hat nun den Notstand erklärt und einen eloquenten Bericht zur Krise auf den Tisch gelegt.

Frankreichs Kino ist dafür bekannt, sich am eigenen Markt heldenhaft gegen die US-amerikanischen Giganten zu behaupten. 63,7% Marktanteil im ersten Quartal 2008 hat jedoch auch in der stärksten europäischen Filmwirtschaft alle bisherigen Zahlen übertroffen. Zu verdanken ist dieser quantitative Höhenflug Dany Boon. Er hat mit seiner neuen Komödie Bienvenue chez les Ch’tis Gerard Ourys La Grande Vadrouille aus dem Jahr 1966 als erfolgreichsten französischen Film verdrängt und bis Ende April an die 20 Millionen Besucher in die Kinosäle gelockt. Vergleicht man die Kinozahlen von März 2008 mit jenen des Vorjahres, so stellt man ein Plus von 49,1% fest, wirft man einen Blick auf die Gesamtbesucherzahlen des ersten Quartals 2008, so haben nicht weniger als 61,75 Millionen Besucher ein Ticket an der Kinokasse erstanden.

Kaum zu glauben also, dass alles andere als Grund zur Euphorie unter Frankreichs Filmschaffenden herrscht. Doch ein kommerzieller Volltreffer wie Bienvenue chez les Ch’tis ist vielmehr der schlagende Beweis dafür, welcher strukturelle Wandel sich in den letzten fünfzehn Jahren vollzogen und die Prinzipien des beispielhaften französischen Fördersystems ausgehöhlt hat. Pascale Ferrans legendärer Appell, den sie anlässlich der Verleihung von fünf Césars für Lady Chatterley im Februar 2007 vor Frankreichs versammelter Film-Community verlas, brachte die Problematik auf den Punkt – und einen Stein ins Rollen. Die Filmemacherin sprach darin eine Entwicklung an, die nach und nach zu einer Polarisierung zwischen immer höher dotierten, kommerziellen Produktionen (Budgets über 15 Millionen Euro) und immer magerer budgetierten, künstlerisch ambitionierten Filmen (unter 3 Millionen Euro) geführt hat. Konsequenz daraus ist eine wachsende Kluft zwischen reicher Unterhaltung und armer Kunst, die dazu führt, dass der so genannte „film du milieu“ – jener mit mittleren Budgets ausgestattete Film (4 bis 7 Millionen Euro), der seit Jahrzehnten von Regisseuren wie Chabrol, Téchiné, Miller, Ozon oder Assayas getragen wird und für das weltweite Renommee des französischen Kinos sorgt – auf der Strecke bleibt. Ferrans Weckruf zum gemeinsamen Handeln, um ein ursprünglich effizientes und intelligentes System der Solidarität neu zu überdenken, traf den sensiblen Nerv der Branche. Nur wenige Tage nach der César-Zeremonie sah sie sich angehalten, eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, die sich mit den Ursachen und Auswegen aus der Krise auseinandersetzen sollte. Eine mit 13 Mitgliedern quer durch alle Sparten der Verwertungskette besetzte Gruppe von selbstständigen Autoren, Produzenten, Verleihern, Kinobetreibern und einem Exporteur begann ohne offiziellen Auftrag mit einer ehrenamtlichen Arbeit, die in Form von wöchentlichen Sitzungen ein ganzes Jahr dauern sollte. Das Motto des „Club des 13“: „Angesichts der Dringlichkeit der Lage sich die Zeit nehmen, Gedanken zu entwickeln“. Auf vier erste Monate der Anhörungen verschiedenster Branchenvertreter, um die Probleme, Fehlentwicklungen und Zusammenhänge im System zu erfassen, folgte das Verfassen eines Berichts, auf dessen Basis im Herbst Lösungsvorschläge erarbeitet wurden. Vorigen März legte der „Club des 13“ unter dem Titel Le Milieu n’est plus un pont mais une faille (Die Mitte ist keine Brücke mehr, sondern eine Kluft) einen medial viel beachteten, 200 Seiten umfassenden Bericht vor, der innerhalb weniger Wochen 300 Unterzeichner fand und bereits als Arbeitsgrundlage für Verhandlungen mit der staatlichen Förderinstitution CNC angenommen wurde. „Wir haben ein herausragendes System“, so François Yon, Mitglied des „Club des 13“ und Koautor des Berichts, „das so ausgeklügelt ist, dass wir dafür in aller Welt beneidet und imitiert werden. Dieses System hat Fehlentwicklungen genommen und wird heute missbraucht, und wenn wir nicht Acht geben, wird es bald leer laufen. Damit es weiterhin auch ein Qualitätskino hervorbringen kann, haben wir mit dem Bericht einen Raum geschaffen, um gewisse Dinge zu überdenken.“

Die sich immer stärker zu den Fernsehsendern verlagernde Einflussnahme auf die filmischen Inhalte, die marktbeherrschende Position großer Verwertungsketten, die seit 15 Jahren stagnierende Dotierung der „Avance sur Recettes“ (des selektiven Fördertopfs des CNC), die zunehmende Macht der populären Schauspieler und ihrer Agenten, die Standardisierung der Inhalte oder die fehlende Erneuerung des künstlerischen Nachwuchses sind einige der eingangs im Bericht festgehaltenen Phänomene, für die es Gegenstrategien zu entwickeln galt, ohne zusätzliche Steuermittel in Anspruch zu nehmen.

Angst vor Risiko

Audrey Estrougo ist eines jener Talente, der es 24-jährig und ohne jegliche Filmausbildung gelang, ihr Debüt Regarde-moi zu realisieren und damit ins Berliner Forum des jungen Films geladen zu werden. Hatte sie das Budget ihres ersten Films nach der Devise „Frechheit siegt“ auf die Beine gestellt, so sieht sie sich gleich mit ihrem zweiten Projekt ganz abrupt in ihrem Elan gebremst. „Beim zweiten Film“, so die Filmemacherin, „gibt man dir sehr schnell zu verstehen, dass du nun Teil eines Systems bist, über dessen Regeln du dich nicht mehr hinwegsetzen kannst. Die Produzenten beschäftigt eine Frage – Casting und Promotion – und das zu einem Zeitpunkt, wo der Film in drei Zeilen auf dem Papier existiert. Sie üben Selbstzensur, und diese Zensur pflanzt sich in alle anderen Bereiche fort.“

Die Prämissen der zwölf eingebrachten Vorschläge, die sich vor allem auf eine Umgewichtung in der Verteilung der Fördermittel sowie auf regulative Maßnahmen gegenüber bestehenden Wettbewerbsverzerrungen in der Verwertung beziehen, lauteten daher: Zurück zu gleichberechtigten Positionen zwischen Kunst und Industrie, zu Solidarität zwischen den Filmen und Filmemachern untereinander und zurück zu einer Stärkung der Mitte in einer Produktionssituation, die das kreative Potenzial ebenso wie die cinephile Neugier des Publikums aushungert.

„Das Kino“, so Estrougo, „ist drauf und dran, sich zu uniformieren. Jeder Produzent hat Angst vor Risiko, als Regisseurin habe ich das Gefühl, das Kino, für das ich stehen möchte, zu verraten. Man muss verhindern, dass es nur noch zwei Kinos gibt, so wie in der Geografie: den Norden und den Süden. Das wäre das Ende von etwas.“