Filmkritik – Blühende Nischen

Blühende Nischen

| Benjamin Moldenhauer |

Mit Texten über Filme lässt sich kaum noch Geld machen, im Netz aber tummelt sich der prekarisierte Enthusiasmus. Ein Niedergang ist das nicht, um eine durchmischte Erwerbsbiografie aber kommen Menschen, die über bewegte Bilder schreiben, heute nicht herum.

Die Krise der Kritik ist unübersehbar. Der Vorstand des Verbands der deutschen Filmkritik hat Mitte 2014 in einem „Flugblatt für aktivistische Filmkritik“ Alarm geschlagen. Das zentrale Argument: Um „zu reüssieren“, müsse die Filmkritik ihr Denken „an vorherrschende Normen und Marktgegebenheiten anpassen“. Das Resultat ist ein tristes: Sie büßt „ihren unabhängigen Geist ein und wird zur Dienstleistung. Eigenständiges Denken wird von Reflexen abgelöst.“ Konkret wurde das Projekt der aktivistischen Filmkritik während der von den Unterzeichnern initiierten „Woche der Kritik“ dann bei der diesjährigen Berlinale.

Die Intervention kam nicht zu früh. Die Dominanz von journalistisch aufgebrezelten PR-Texten hat den argumentierenden, im Zweifelsfall auch gern idiosynkratischen Text weiter an die Peripherie gedrängt. David Steinitz hat in seiner in diesem Jahr erschienenen „Geschichte der deutschen Filmkritik“ die Gründe der Krise rekonstruiert. Tatsächlich sei bereits ab den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts eine zunehmend enge Verflechtung von PR und Filmberichterstattung zu beobachten; ein „brutales Gegengewicht zur Filmkritik, deren Vertreter sich der Gefahr ausgesetzt sahen und sehen, im Sinne einer Service-Kritik nur noch als verlängernder redaktioneller Arm der Filmverleihe agieren zu können“.

Tatsächlich ist der Bedarf an Texten über Filme, die über Infotainment hinausgehen, zurzeit überschaubar. Das Expertenurteil spielt insbesondere für die, die ihre Informationen primär aus dem Netz ziehen, eine bestenfalls marginale Rolle, gerade im Vergleich zur Hochzeit der Filmkritik in den 1970er und 80er Jahren. Dieser Relevanzverlust ist zuallererst auf einer materiellen Ebene spürbar. Die Prekarisierung greift immer weiter um sich, der Printjournalismus verliert Leser, und ein Rezept, wie sich mit Texten im Netz ausreichend Geld machen ließe, ist noch nicht gefunden und wird sich vielleicht auch nicht finden lassen. Im Juli dieses Jahres beispielsweise musste „The Dissolve“, eine der lesenswertesten Film-Websites, schließen – keine randständige Fan-Publikation, sondern eine von Pitchfork Media finanzierte Unternehmung, der weltweit am häufigsten angesteuerten Website für Independent-Musik. Der fest angestellte Filmkritiker verschwindet mehr und mehr von der Bildfläche. Das ist, ganz subjektiv, traurig genug. Ins Kino zu gehen, das Gesehene zu beschreiben, zu verorten und zu gewichten, und dafür dann so ausreichend und vor allem so regelmäßig bezahlt zu werden, dass es zum guten Leben reicht, eine schönere Arbeit kann ich mir nicht vorzustellen.

Die Klage über die Entwicklung ist auch nicht neu. Exemplarisch ist Christoph Eggers Artikel „Abschied von der Filmkritik“, erschienen in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Auch wenn der Beitrag inzwischen auch schon wieder eine Ewigkeit, nämlich sechs Jahre alt ist, die Haltung, die sich in ihm manifestiert, ist eine interessante – gerade jetzt, wo sie zu verschwinden droht (der Text verrät nicht, dass er Eggers letzter Beitrag als leitender Redakteur des hauseigenen Filmressorts der NZZ ist, das im Jahr 2009 Jahr aufgelöst wurde). „Kritik“, definiert Egger, „das ist im Bereich des Ästhetischen eine Auseinandersetzung, in der das Kunstwerk öffentlich reflektiert wird. Zugleich verständigt sich, über diese Form von Kritik, eine Öffentlichkeit über sich selbst, ihre Prämissen und Präferenzen. Ort dieser Kritik ist zuallererst die Tageszeitung, auch beim Film.“

Der Anspruch an die Filmkritik, der hier formuliert wird, ist bewahrenswert: Wenn es um nicht mehr als Servicetexte und Punktevergaben geht, kann man es lassen. Die Bestimmung der „Tageszeitung“ als dem einzigen Ort, an dem eine solche öffentliche Verständigung stattfinden kann, wirkt allerdings anachronistisch – wenn ein großer Teil der interessanten Beiträge inzwischen in Blogs zu finden sind, sind diese dann keine wertvolle Auseinandersetzung mit dem Kino? Und ob eine Tageszeitung inzwischen zwangsläufig eine größere Öffentlichkeit erreicht als Dinge, die ausschließlich im Netz zu finden sind, kann man bezweifeln.

Then fuck you, Jack

Wer sich im Netz umschaut, findet, nicht überraschend, viel halbgares Zeug – und Massen an kenntnisreichen, reflektierten und wundervollen Texten. Das Vorurteil, in Blogs fänden sich nur Reizprotokolle, aber keine fundierten Beiträge, ist Quatsch. Wo die redaktionellen Zusammenhänge, falls überhaupt in einem klassischen Sinne vorhanden, eher locker strukturiert sind und die Anzeigenkunden weitgehend fehlen, ist mehr Platz für Peripheres. Es mischen sich akademisch geschulte Stimmen, Fan-Texte, fundierte filmhistorische Aufbereitungen, Gespräche über Filme. Man kann blühende Nischen entdecken: die Autoren, die unter dem Schlagwort slow criticism publizieren zum Beispiel, die Blogs „Hard Sensations“, „new filmkritik“, „Negativ“ und das Webmagazin „critic.de“ – um nur ein paar der Seiten zu nennen, auf denen Texte zu lesen sind, die von einer präzisen Wahrnehmung, Eigensinn, einer Begeisterung für das Medium, Humorfähigkeit und manchmal auch von all dem zugleich gespeist wurden. Eine repräsentativ gemeinte Auswahl aus den gefühlt tausenden englischsprachigen Blogs müsste zwangsläufig noch unvollständiger geraten, deswegen belasse ich es bei meinem momentanen Favoriten: „Then fuck you, Jack. Vern’s Reviews on the Films of Cinema“.

Diese Parzellierung des Diskurses, der nicht mehr von einer überschaubaren Anzahl von Leitmedien strukturiert wird, korrespondiert mit einer veränderten Rolle des Kinos, jenseits der hauptsächlich unter dem Stichwort Digitalisierung diskutierten ökonomischen Aspekte: Für alle, die nach, sagen wir, 1990 geboren sind, fungiert es gemeinhin nicht mehr als das wichtigste Pop-Medium neben der Musik („Pop“ hier verstanden als die Gesamtheit der populären Künste, die in Form ästhetischer Erfahrungen vermitteln können, wie es um die Welt bestellt ist). Filme werden nur noch selten als Welt erschließend wahrgenommen. Das aber waren sie auch zu Hochzeiten der politisierten Filmrezeption nie einfach an und für sich, sondern in einem spezifischen Kontext oder eben im Rahmen eines bestimmten Diskurses, der inzwischen historisch ist, von einer ausreichenden Menge Menschen aber einmal für relevant erachtet wurde.

Den Weltverlust des Kinos und der Filmkritik kann man als Nachgeborener nur noch abstrakt nachvollziehen, als wehmütige Erinnerung an eine Zeit, die man selbst nicht erlebt hat. Diedrich Diederichsen hat 2006, im Rahmen einer von der Filmzeitschrift Revolver (ein weiterer Beleg der Einschätzung, dass der Niedergang der Filmkritik nicht unabwendbar ist) veranstalteten Diskussionsrunde, der Zunft eine „Nostalgie nach Situationen“ diagnostiziert, in denen „kulturelle Konfrontationen relativ parallel mit politischen Konfrontationen gelaufen sind und deswegen besonders heiß waren“.

Man kann die politisch und ideologiekritisch engagierten Filmtexte der siebziger und achtziger Jahre heute im Sinne von Mark Fishers „Ghosts of my Life“ lesen: als Erinnerungen an die uneingelösten Versprechen, die das Kino Menschen, die es mit Bedeutung aufgeladen hatten, geben konnte. In den Worten des Filmwissenschaftlers Hermann Kappelhoff: „Die Idee eines Bildes, das imstande wäre, die soziale Welt in vollkommen sinnlicher Evidenz auszubreiten; ein Bild, das die Gesetze und Bedingungen, die Gewalten und die Notwendigkeiten, die das Leben der Gemeinschaft durchherrschen und konstituieren, als ein individuell-leibliches, leibhaftes In-der-Welt-Sein in Szene setzt.“ Dieses Versprechen beinhaltete im Kern, dass das Kino mehr als Unterhaltung und stattdessen ein Zugang zur Welt sein kann.

Das gelingt dem Medium nach wie vor, wenn auch in seltener gewordenen Momenten: Man nimmt sich im Kino selbst wieder als gesellschaftliches Wesen war, gemeinsam mit anderen, die sich affektiv mit denselben bewegten und bewegenden Bildern verknüpfen wie man selbst. Diese Konstellation ist auch unter den momentanen prekären Bedingungen noch ein möglicher Ausgangspunkt eines Schreibens über Filme, das sich lohnt – wenngleich auch nicht mehr monetär. Aber die desolate Lage schafft eben auch Freiheiten: Wenn man sich von der Idee verabschiedet, man könne ausschließlich damit Geld verdienen, über Gesehenes zu schreiben, eröffnet sich ein weites Feld, das vor allem begrenzt wird von dem Brotjob, den man machen muss, um das Schreiben zu refinanzieren.

Davon abgesehen sind die Bedingungen nämlich nicht so schlecht: Die Publikationsmöglichkeiten sind niederschwelliger als noch vor 20 Jahren, es ist inzwischen leichter, seine Sachen
öffentlich zu machen. Wenn man sich nicht mehr darüber grämt, dass es oftmals nur wenig Honorar bringt und die Leserschaft im Zweifelsfall überschaubar bleiben wird, kann man die neuen wie die alten Möglichkeiten unbelastet nutzen: das Netz und die Print- beziehungsweise Online-Redaktionen, die den Autoren ihren Eigensinn lassen.

Das soll keine Feier der Prekarisierung sein, sondern ein Plädoyer für mehr Angstfreiheit. Wenn etwas dem Schreiben über Filme fundamental schadet, dann ist es die momentane Omnipräsenz von Texten, die sich in einer Plotzusammenfassung und einer im Zweifelsfall nicht allzu sauber begründeten Daumen-rauf/Daumen-runter-Wertung erschöpfen. Die aber schreibt man ausschließlich des Honorars wegen; das ist keine Schande, es ist dann halt nur der einzige Grund, aus dem man sich an den Schreibtisch setzt.

Vielleicht ist dieser Punkt mit der Drohung aus dem Flugblatt der aktivistischen Filmkritik gemeint, wenn es heißt, man sei „bereit, wirtschaftliche Risiken für sie zu tragen“. Wer sich ökonomisch jenseits des kulturellen Feldes – so gut es heutzutage eben geht – abgesichert hat, kann, wenn er seine Lage gelassen betrachtet, tun und lassen, was er will, und hat die Möglichkeit, eine eigene kritische Perspektive auf die Bilder zu entwickeln, die ihn umtreiben; egal, ob es um den neuen Film von Christopher Nolan geht oder um eine Powell/Pressburger-Produktion aus den fünfziger Jahren. Wo materiell nichts zu holen ist, gibt es auch nichts zu verlieren. Alejandro Jodorowsky hat die Marschrichtung vorgegeben: „Eines Tages zeigte mir jemand ein Glas Wasser, das halbvoll war. Und er sagte: Ist es halbvoll oder halbleer? Also habe ich es ausgetrunken. Finito. Problem beseitigt.“