Ambivalente Doku über die fließenden Grenzen zwischen Normalität und psychischen Erkrankungen.
Der Hauptprotagonist von Richard Wilhelmers Dokuessay Anomalie über die gesellschaftlichen und biologischen Bedingungen für psychische Erkrankungen heißt Fritz Joachim Rudert, der sich selbst als Philosoph mit langjähriger Karriere in der Psychiatrie bezeichnet. Man sieht dem Mann mit den langen weißen Haaren im Indianerstil sofort an, dass er anders ist, dabei ist es nicht die auffällige Kleidung, sondern die Sprunghaftigkeit seines Sprechstils, seine uferlosen Assoziationsketten, die ihn von der Masse abheben. Die Kamera verfolgt ihn etwa bei seinen Bemühungen, sein Institut für kreativen Wahnsinn, das durchaus mit Erfolg gegen die oft menschenunwürdige psychiatrische Behandlung von Patienten kämpft, einigen desinteressierten Studenten auf der Straße näherzubringen.
Die zweite Ebene des Films bilden klassische Interviews mit Experten aus der Psychologie und Hirnforschung, die wie Gerhard Roth teils gewagte Thesen aufstellen, etwa, dass vor und während der Geburt erlebter Stress und Störfaktoren die Auslöser von psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen sind, die nicht heilbar, nur mehr oder weniger gut behandelbar sind. Auch von der Psychiatrie-Krise ist die Rede, die seit den siebziger Jahren die Autorität eines Berufsstandes wohl zu Recht untergraben hat, dessen Menschenbild vor allem in den USA auch durch die Herausgabe von Diagnosestandardwerken und die hauptsächlich medikamentös orientierten Behandlungsmethoden ein sehr mechanistisches war. Dazu erhält der Zuschauer noch Informationen über den starken Einfluss der Gruppe auf die Wahrnehmung des Einzelnen, und im letzten Drittel des Films durch die bekannte Gerichtsgutachterin Adelheid Kastner auch noch Einblicke in ihr stofflich orientiertes Weltbild, in dem psychische Erkrankungen nicht nur existieren – was Herr Rudert und seine Mitstreiter bestreiten – sondern auch entsprechend behandelt werden müssen. In einer der interessantesten Szenen stellt sie auch gleich an Hand eines Videos die plausible Ferndiagnose einer verfestigten Schizophrenie bei Fritz Joachim Rudert.
Obwohl die Expertinnen und Experten schon eine Menge Information vermitteln, baut der Regisseur noch eine Off-Stimme ein, die zum Beispiel erklärt, wie sich unsere Gesellschaft von einer der Negation und der Verbote zu einer der Bejahung entwickelt hat, in der man alles schaffen kann und bei hoher geforderter Leistungsfähigkeit zur ständigen gute Laune verpflichtet ist. Was früher die Verbrecher und Ketzer waren, sind jetzt die Depressiven und die Versager. Dazu werden noch Foucault oder Watzlawick zitiert. Mitunter wünscht man sich etwas weniger Information, dafür mehr Begegnungen des Protagonisten mit seiner Umwelt, bei denen er sehr trocken Sprüche loslassen kann, etwa vom ständigen Am-Handy-Kleben, das für ihn einen selbstgewählten Autismus darstellt. Wer sich für das etwas weit gefasste Thema der psychischen Erkrankungen in Bezug auf die Gesellschaft und das Individuum interessiert, erfährt hier zweifellos einige wertvolle Informationen. Bei aller Kritik am Umgang mit psychisch Kranken bzw Menschen mit psychiatrischer Karriere wird zumindest von Frau Kastner die Notwendigkeit aufgezeigt, diese Menschen auch medikamentös zu behandeln, bevor sie eine Gefahr für sich oder die Anderen werden. Diesen schmalen Grat zwischen Sicherheit und Freiheit zeigt Richard Wilhelmer hauptsächlich auf der Textebene sehr gut auf, leider ist die visuelle Ebene des Films weniger gelungen. Es ist natürlich schwierig, für ein so komplexes Thema Bilder zu finden, die nicht nur das Gesagte illustrieren, aber Kunstgriffe wie Zeitlupenaufnahmen des Protagonisten, wie er, unterlegt von sanft zirpender elektronischer Musik, auf einem Roller durch Berlin fährt, sind vollkommen überflüssig. Der sehr konventionellen filmischen Umsetzung mit Interviews und Voice-over hätte etwas mehr formale Anomalie sicher nicht geschadet.
