Filmkritik

Captain Marvel

| Andreas Ungerböck |
Licht und Schatten: der 21. Streich aus dem Marvel Cinematic Universe.

 

Seit Disney dank der Übernahme von Pixar, Marvel, Star Wars und Twentieth Century Fox die filmische Weltherrschaft übernommen hat – davon hätte nicht einmal der gute alte Walt zu träumen gewagt – geht es rund. Dies ist also der 21. Marvel-Blockbuster, der erste Film seit dem Tod von Stan Lee, dem in den Anfangscredits, dann mit einem Insert und später mit einem netten Cameo gehuldigt wird, und der erste Marvel-Film mit einer weiblichen Hauptfigur. Das ist nicht so überraschend, denn Konkurrent DC (angesiedelt bei Warner Bros.) hat es 2017 mit Wonder Woman (mit Gal Gadot) vorgemacht: 820 Millionen Dollar weltweites Box Office, das war mehr als respektabel, und mit Patty Jenkins führte erstmals eine Frau Regie bei einem Superhelden-Blockbuster.

Bei Captain Marvel ist zumindest eine Hälfte des Regieduos weiblich. Anna Boden und Ryan Fleck sind ein wirklich interessantes Paar: Sie starteten mit dem kleinen Independent-Film Half Nelson (2006) ihre Karriere, aber nicht nur die ihre: Ryan Gosling, der einen verständnisvollen jungen Lehrer in einer Problemzone in Brooklyn spielt, wurde über Nacht zum Star und erhielt seine erste Oscar-Nominierung. Mit Sugar (2009) über junge Baseball-Spieler, die aus der Dominikanischen Republik in die USA kommen, gelang Boden und Fleck ein weiterer Indie-Hit, es folgten mehrere Serien-Episoden, dann der Spielerfilm Mississipi Grind (2015) und nun der Sprung in die A-Liga.

Boden und Fleck, man muss es ihnen lassen, schlagen sich wacker und haben zusätzlich die Aufgabe gestemmt, zusammen mit Geneva Robertson-Dworet auch das Drehbuch zu verfassen. Neben allerlei MCU-immanentem Unfug (um die Plottwists hier alle „durchzudrücken“, muss man schon tief Marvel-gläubig sein), einem teilweise schauderhaften 3D, das die Figuren manchmal wie Ameisen aussehen lässt und einem recht seltsamen Musikeinsatz (zu einer der häufigen Keilereien ertönt ein 15-Sekunden-Schnipsel von Nirvanas „Come As You Are“, um nochmals klarzumachen, was ohnehin unübersehbar ist: Wir befinden uns in den 1990ern). Diese Reise zurück aus der Zukunft ist das Herzstück des Films und sehr unterhaltsam: als Blockbuster Video in den USA noch eine große Kette war, als die Computer noch furchtbar langsam und die spärlichen Mobiltelefone ungefähr drei Kilo schwer waren.

Dorthin verschlägt es unsere Heldin Vers, die Teil der Elite-Einheit Starforce ist (an Aliens gibt es die Kree und die Skrulls, wobei letzere „shape shifters“ sind, also jede beliebige Gestalt annehmen können, mit hübschen Resultaten). Warum Vers bei den Kree gelandet ist, dazu gibt es eine Geschichte, die man ihr erzählt hat. Diese stimmt aber nicht mit der überein, die sie in ihrem Kopf bzw. ihren Erinnerungen/Träumen hat, und so vergehen die 124 Minuten damit, herauszufinden, wie es wirklich war. Weil man ohnehin nicht viel erzählen kann, ohne zu spoilern, sei kurz auf die Figur eingegangen: Carol Danvers (so ihr wirklicher Name) war in den Comics der weibliche Gegenpart des Captain Marvel bzw. später auch als „Ms. Marvel“ bekannt. Sie überlebte den männlichen Captain, der 1982 in seiner letzten Story an Krebs starb. Mit Oscar-Preisträgerin Brie Larson (Room) hat man einen guten Griff getan, sie erweist sich als ebenso apart wie schlagkräftig und sattelfest in der Kunst des Oneliner-Gefechts; die verbalen Schlagabtäusche sind zum überwiegenden Teil wirklich gelungen. Das liegt auch an Samuel L. Jackson, der digital um gut 20 Jahre verjüngt wurde (hallo, Kinozukunft!), ebenso übrigens wie sein Kollege Clark Gregg. Das heißt, Jackson sieht in etwa so aus wie in „Pulp Fiction“, allerdings ohne die supercoolen Koteletten. Rund um die Rolle von Jude Law wurde im Vorfeld viel Geheimniskrämerei betrieben, er spielt aber nun doch, was man ohnehin vermutet hatte, dass er spielen wird. Ben Mendelsohn, der mit Boden und Fleck schon bei Mississipi Grind arbeitete, ist beeindruckend als in jeder Hinsicht wandlungsfähiger Ober-Skrull, während die große Annette Bening in der Rolle als Dr. Lawson / Mar-Vell doch deutlich unter ihrem Wert geschlagen wird.

Wie immer bei Marvel lohnt es sich, die Credits wirklich bis zur letzten Sekunde auszusitzen – es kommen noch zwei starke Szenen. Und wem die Zeit danach zu lang wird: Schon in Avengers: Endgame (Start: 25. April) gibt es ein Wiedersehen mit der Kapitänin. Und in den nächsten Jahren ganz bestimmt noch öfter. Darauf werden keine Wetten angenommen.