Filmkritik

Das erste Jahrhundert des Walter Arlen

| Jakob Dibold |
Exzellenz im Exil. Ein feinsinniges Denkmal für einen Großen

„This is very delicate, it‘s an original wrapping paper from the store …“ – „Ja, … a Sackerl.“ Aufgewachsen ist der 98-jährige Musikkritiker und Komponist Walter Arlen inner- und überhalb des „Kaufhauses Dichter“ in Wien Ottakring; die lapidare Manier, in der er dem mit peniblem Bedacht präsentierten, aus ebendiesem Geschäft stammenden Papiersack dessen allzu mythisch anmutenden Relikt-Status nimmt, pointiert sein bemerkenswertes Wesen ganz vorzüglich. Seinerzeit als junger Jude gezwungen, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren, konnte er dort erst als Musikkritiker Fuß fassen, bevor er nach vielen Jahrzehnten endlich wieder die Kraft fand, auch selbst zu komponieren.

Arlen spricht über alle Abschnitte seines Lebens in einer mal unterhaltsamen, mal rührenden und mal markerschütternden Sachlichkeit, über die Schrecknisse gleichermaßen offen wie über die Freuden. Wir dürfen ihn auf seiner Rückkehr nach Wien begleiten, in die Stadt, die für ihn in all den Jahren nie aufgehört hat, Zuhause zu bedeuten. Im Zuge dessen muss der Film außer solide gesetzten Archivaufnahmen und stets mehr als nur ausschmückender Musikuntermalung im Grunde nicht viel tun, außer Arlen und seinen langjährigen Weggefährten Howard Myers sprechen zu lassen, sprechen, durch die Straßen streifen und die späte, aber deshalb nicht geringere Wertschätzung entgegennehmen. Selbstredend werden dabei viele Wege präzise choreografiert, etwa, als die beiden sich an just jenem Steingeländer wiederfinden, an dem sich Hitler zum ersten Mal von den Wiener Massen bejubeln ließ. Dass er 78 Jahre später selbst da stehe, meint Arlen, könne er eigentlich kaum fassen.

Stephanus Domanig erzählt beide Perspektiven mit gleicher Berechtigung und gleicher Behutsamkeit, so ineinander verschlungen und sich nur schrittweise in all ihren Details entfaltend, wie sie eben sind: Das Leben als Vertriebener und Heimatloser, der Dinge erlebt hat, die niemand vergessen kann, und das Leben als Komponist, als Künstler, der es entgegen allen Widrigkeiten vollbringt, sich der geliebten Sache vollends hinzugeben. Als müheloser Spagat offenbaren sich Zeitzeugenbericht und Musiker-Biografie, als Porträt eines Menschen, das auch über das Individuum hinaus Gesellschaftsdynamiken zwar einerseits historisch absteckt, jedoch auch ihrer Zeitgebundenheit enthebt. Man möchte Walter Arlen ein zweites Jahrhundert Lebenszeit schenken, ein Jahrhundert ohne Horror. Ein Stück weit ist dies mit diesem Film, zum Glück aller, schon getan.