Aufarbeitung eines Mordes, der hohe Wellen schlug
Die Deutschtürkin Hatun Aynur Sürücü wurde am 7. Februar 2005 im Alter von 23 Jahren von ihrem jüngsten Bruder in Berlin auf offener Straße erschossen – es war ein Ehrenmord. Aynur, Mutter eines fünfjährigen Sohnes, musste sterben, weil sie sich dem Zwang und der Unterdrückung durch ihre streng gläubige muslimische Familie nicht unterwerfen und ein selbstbestimmtes Leben führen wollte. Sie hatte mehrmals bei der Polizei gegen sie gerichtete Morddrohungen gemeldet, bekam aber keine Hilfe. Ihr Tod sorgte über die Landesgrenzen hinaus für Entsetzen und Fassungslosigkeit und trat eine Debatte über patriarchalisch geprägte Familienverbände und die Verbesserung des Schutzes für Frauen los.
Regisseurin Sherry Hormann erzählt in Nur eine Frau die Geschichte der jungen, mutigen Hatun, die allen unter dem Namen Aynur – was in etwa „so hell leuchtend wie der Mond“ bedeutet – bekannt war. Dabei setzt sie auf einen sehr wirkungsvollen Kunstgriff: Sie gibt der Toten eine Stimme und lässt sie die großteils gespielten, teils dokumentarischen Szenen aus dem Off kommentieren. So baut der Zuseher nicht nur eine Bindung zu Aynurs Charakter auf, er begreift auch die Komplexität des strengen muslimischen Glaubens und welch große Gefahr er für viele Frauen darstellt.
Aynurs Eltern, sunnitische Kurden, kommen in den Siebzigern aus Ostanatolien nach Berlin. Hier wächst Aynur mit fünf Brüdern und drei Schwestern auf. Im Alter von 16 Jahren meldet sie der Vater vom Gymnasium ab, Aynur wird in Istanbul mit ihrem Cousin zwangsverheiratet. „Sie feiern alle, dass ich meinen Besitzer wechsle“, erklärt Aynur aus dem Off. „Aus mir, der Tochter meines Vaters, wird die Frau des Mannes“. Ein Jahr später flieht die hochschwangere Frau vor ihrem gewalttätigen Ehemann zurück nach Berlin. Die Eltern wollen ihre in Ungnade gefallene Tochter zunächst wieder in die Türkei schicken, letztlich gewähren sie ihr doch zu bleiben – als minderwertiges Wesen, das keine Rechte besitzt. Zermürbt von den beengten Verhältnissen und dem psychischen Terror im Elternhaus zieht Aynur in ein Wohnheim für minderjährige Mütter und später in eine eigene Wohnung. Sie macht den Schulabschluss nach, beginnt eine Lehre als Elektroinstallateurin und legt ihr Kopftuch ab. Was andere als mutig und stark bezeichnen, ist für Aynurs Familie, die sich als verantwortliche Ordnungsmacht sieht, eine Beschmutzung der Ehre und verlangt den Tod. Ein packender Film, der einem die Augen ein Stück weit mehr öffnet für die Hintergründe jenes geschichtsträchtigen Mordfalls – und der das Problem, das dem Tod Hatun Aynur Sürücüs zugrunde liegt, nicht in Vergessenheit geraten lässt.
