Filmkritik

The Sisters Brothers

| Michael Pekler |
Jacques Audiard trägt sich mit formidabler Starbesetzung ins Westerngenre ein. Endlich.

Es gibt Western, die es darauf anlegen, sich mit dem ersten Bild von ihren Vorgängern zu unterscheiden. Das kann angestrengt wirken, wie bei Quentin Tarantino, oder bahnbrechend sein, wie bei Sergio Leone. Doch im Grunde geht es immer darum, dieselbe Geschichte nur ein wenig anders zu erzählen. Das macht den Reiz des Genrekinos im Allgemeinen aus, und jenen des Western im Besonderen.

Jacques Audiard ist Franzose. Und mit Arbeiten wie dem Gefängnisthriller Un prophète versierter Genreautor. The Sisters Brothers ist sein erster Western, also ein Film über Amerika, und er beginnt in pechschwarzer Nacht. Eine Farm wird belagert. Das Mündungsfeuer ist grell, die Schüsse sind ohrenbetäubend und die Männer, die sich im Haus verbarrikadiert haben, bald tot. Manche nicht sofort, aber dann legen Eli und Charlie Sisters (John C. Reilly und Joaquin Phoenix) noch mal Hand beziehungsweise die Waffe an. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei, und man hat den Unterschied bemerkt, auf den Audiard als Regisseur abzielt.

Die Geschichte von The Sisters Brothers basiert auf dem Roman von Patrick deWitt, der diese dort beginnen lässt, wo er selbst wohnt, nämlich im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Sie handelt vom ungleichen Brüderpaar mit dem lächerlichen Schwesternnamen, das von Oregon Richtung Süden zieht, um bis nach Kalifornien einen Mann zu verfolgen, der alles verändern könnte: Der Chemiker Warm (Riz Ahmed) hat eine Substanz entwickelt, mithilfe derer man im Fluss Gold entdecken kann.

Ein, wie sich herausstellen wird, tödlich giftiges Wunderwasser in den Händen eines naiven Träumers, dieses Alchemisten des Goldrauschs, zu dem sich bald ein dandyhafter Beschützer (Jake Gyllenhaal) gesellt. Und schließlich die Sister Brothers mit ihrem Auftrag, dem aber ihr Eigeninteresse entgegensteht. Das Gute und das Böse haben im Western immer schon seltsame Allianzen geschmiedet, weil ihre Ziele zwar verschieden, ihre Wege aber oft dieselben sind.

The Sisters Brothers ist ein, wie es sich für Jacques Audiard gehört, intelligenter Western, weil er dem Mythos mit großer Ernsthaftigkeit begegnet und dennoch eine lakonische Distanz behält. Weil er sehr genau die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Brüdern herausarbeitet, die, nicht nur weil die Tage lang sind, viel zu erzählen haben. Denn von der kleinen Boomtown ist es ein weiter Weg bis nach San Francisco, so wie von der Gemeinschaft zur Gesellschaft. Da kann man sich zwischendurch wie Eli Sisters auch gerne zum ersten Mal im Leben die Zähne putzen.