Filmkritik

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

| Jakob Dibold |
André-Heller-Adaption als eher öde Ode an die Vorstellungskraft

Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum’ davon in jedem Augenblick“, trällert es durch die hinter ihrer prunkvollen, großbürgerlichen Fassade düstere und einsame Welt des jungen Paul. Von seinem autoritären Vater, Süßwarenfabrikant und Kommerzialrat Roman Silberstein, unterdrückt und der erzieherischen Obhut eines erzkatholischen Buben-Internats anvertraut, sieht er sich gezwungen, seine strahlende Phantasie und kreative Begabung im Stillen und Geheimen auszuleben. Spätestens nachdem ihn sein reges Interesse an einem geheimnisvollen blonden Mädchen, das in Internatsfenster-Sichtweite zu reiten pflegt, in die Bredouille bringt, zieht sich der Junge  vermehrt auch den Argwohn der dortigen Obrigkeiten zu.

Mit dem Ableben des despotischen Familienoberhaupts ändert sich dann so einiges: Hatte Paul früher noch eine Liste seiner Hauptängste geführt, beginnt er nun eine der Hauptfreuden und blüht, von seiner über den Tod ihres Gatten auch nicht allzu unglücklichen Mutter zurück ins Elternhaus geholt, richtiggehend (und sogar tanzend!) auf. Bald jedoch wird ihm klar, dass ihm zum völligen Glück noch die Liebe eines gewissen jungen Fräuleins fehlt …

All das klingt zuckerbäckersüß und ist es irgendwie ja auch. Doch die Frage, die vor allen anderen (Hat die Anzahl der Voice-overs die Dreistelligkeit geknackt? Warum klingt das Sprechen einer großbürgerlichen Dame der späten Fünfziger wie die computergenerierte Stimme eines Smart-Speakers? Gibt es die Droge, mit der sich der grimmige Vater schließlich zu Tode beruhigt, am Kinobuffet?) essenziell scheint, ist jene nach der Dringlichkeit. Während der Film zunächst durchaus nicht unerfolgreich eine unter Repressalien leidende Kindheit greifbar macht, gefällt er sich insgesamt doch zu sehr darin, die imaginative Genialität eines privilegierten Jungen abzufeiern.

Selbst wenn man den Kleinen sympathisch finden kann, benötigt man nämlich Engelsgeduld und eine gehörige Portion Sturheit, um sich seinen endlos poetischen Ergüssen hinzugeben, ohne sich einzugestehen, dass eine eindringlichere Bezugnahme auf fast egal welchen aller Antagonisten eigentlich interessanter wäre. Der gelungenen handwerklichen Umsetzung einer eigenwilligen, lieblichen Atmosphäre sei Dank, ist der fantasieüberladene Ego-Trip mitunter wenigstens wirklich recht hübsch anzusehen; außer vielleicht für glühendste André-Heller-Verehrende gibt’s jedoch trotz der mehr als zweistündigen Laufzeit ein tatsächlich nur sehr kleines bisschen Filmglück.