One Second

Filmfestival

Filmkunst für die große Leinwand

| Kirsten Liese |
In San Sebastian war ein starker 69. Jahrgang zu erleben.

In einer chinesischen Kleinstadt ist die Enttäuschung groß: Die Filmstreifen für den geplanten Kinoabend treffen nach einem Transport-Unfall verspätet und in einem katastrophalen Zustand ein. Sie haben sich völlig ineinander verheddert und sind staubig vom Sand der Wüste. Fast sieht es so aus, als gäbe es nichts zu retten, aber dann gelingt unter der peniblen Anleitung des Filmvorführers doch noch eine Sanierung der propagandistischen Wochenschau. Wegen einer einzigen Einstellung darin, die seine Tochter zeigt, ist ein Mann aus einem Arbeitslager geflohen und in den Ort gekommen. Nur eine Sekunde währt diese Momentaufnahme und so lautet auch der englische Titel dieses jüngsten Werks des vielfach ausgezeichneten chinesischen Altmeisters Zhang Yimou, der eigentlich 2019 schon die Berlinale eröffnen sollte, aber weiland kurzfristig wegen einer angeblich erforderlichen „technischen Nachproduktion“ zurückgezogen wurde. Bislang nur in China zu sehen, eröffnete One Second nun den Wettbewerb des 69. Festivals in San Sebastian und setzte ihm eines seiner Glanzlichter auf.

One Second ist eine berührende Liebeserklärung an das Kino und ein Juwel, das es mit früheren Meisterwerken des Regisseurs wie Rotes Kornfeld, Judou, Rote Laterne oder Leben! aufnehmen kann, dies vor allem auch mit seinen Panoramen von den Weiten der Wüste und bizarren Bildlandschaften von trocknenden Zelluloid-Streifen an der Wäscheleine (großartige Kamera: Zhao Xiading). In der schönsten Szene arrangiert der Filmvorführer eine Dauerschleife von der einen besagten Einstellung mit der jungen Frau bei harter Arbeit.

Nicht zum ersten Mal profitierte der Wettbewerb von dem guten Geschmack des Festivalleiters José Luis Rebordinos, der seinen hohen künstlerischen Anspruch auch in Krisenzeiten aufrechterhalten konnte. Nur das Erstehen von Eintrittskarten – selbst für akkreditierte Presse – gestaltete sich aufgrund der Corona-Maßnahmen recht schwierig, wurden doch die Platz-Kapazitäten, die schon in früheren Jahren oftmals kaum ausreichten, in den Kinos wegen der Abstandsregeln deutlich verringert. Wer sich nicht frühmorgens diszipliniert den Wecker stellte, um Punkt 7 Uhr online die gewünschten Tickets zu reservieren, musste sich darauf einstellen, leer auszugehen. Schon innerhalb weniger Minuten waren besonders bei den Abendvorstellungen sämtliche verfügbaren Tickets ausgebucht.

Der internationale Wettbewerb, Herzstück des Festivals, gab sich höchst vielseitig mit einer großen Bandbreite unterschiedlichster Genres und Sujets und erlesen mit einer ganzen Reihe an cineastischen Perlen. An vorderster Stelle wäre da der französische Beitrag Earwig zu nennen, der von der literarischen Welt Franz Kafkas ebenso inspiriert erscheint wie von dem Mystery-Kino eines David Lynch. Die Französin Lucile Hadzihalilovic skizziert einen Alptraum voller Rätsel und Andeutungen um einen dubiosen Wissenschaftler, der ein Mädchen für Experimente missbraucht. Dass es keinen klaren Handlungsfaden gibt, ist sekundär. Der Film lebt von der bedrohlichen Atmosphäre, von unheimlichen Einstellungen in dunkel ausgeleuchteten Räumen, von starken Metaphern für das Unbewusstsein, sinistre Gestalten, völlig unvorhersehbare Wendungen und Aufnahmen, die wie inspiriert erscheinen von Bildern des Malers Edward Hopper (Kamera: Jonathan Ricquebourg).

Und auch aus Dänemark kam mit As in Heaven ein Werk, das mit seinen starken optischen Qualitäten an einen ganz Großen erinnert, einen wie Ingmar Bergman. Sehr dicht, feinfühlig, mit sparsamen Dialogen und unter angelegentlichen Einsatz einer bewegten Kamera in aufwühlenden, panischen Momenten, erzählt Tea Lindeburg (Silberne Muschel für die beste Regie) hier von fünf Kindern, die im ausgehenden 18. Jahrhundert in der dänischen Provinz ihre Mutter bei der schmerzreichen, komplizierten Geburt eines sechsten Kindes verlieren.

Hauptfigur ist die 14-jährige, älteste Tochter Lise, die mit ihren Geschwistern heimlich einen Blick hinter die verschlossenen Türen zu erhaschen sucht. Ihre Mutter keucht, stöhnt und schreit, aber die alten, schwer katholischen Frauen, die sich um die Gebärende versammelt haben, warten in ihrem Gottvertrauen zu lange, bevor sie einen Arzt rufen. Wie Lise, die mehr ahnt als sie wissen kann, mit all den Ungewissheiten, Verlustängsten und diffusen Schuldgefühlen fertig wird, die ihr nachhängen, weil sie eine Haarspange der Mutter verloren hat, drückt Flora Ofelia Hofmann Lindahl (Darstellerpreis) mit großer Reife aus. In ihrem Gesicht steht jede Regung geschrieben, ein bisschen fühlt man sich an die ganz junge Liv Ullmann erinnert.

Was die Jury unter dem Vorsitz der georgischen Regisseurin und Produzentin Dea Kulumbegashvili angetrieben haben mag, die Goldene Muschel für den besten Film an den rumänischen Beitrag Blue Moon zu vergeben, bleibt ihr Geheimnis. Das spannungslose Sozialdrama verschenkt sein Thema sexuelle Unterdrückung an eine allzu überdrehte Story um zwei Frauen und deren Fluchtversuch aus ihrer dysfunktionalen, höchst exaltierten Familie. Das rumänische Kino hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten weitaus größere Filmkunst hervorgebracht.

Wohl bemerkt: Es ist nicht die Dialoglastigkeit, die in dem Gewinnerfilm störte. Beispielhaft zeigte sich vielmehr an zwei anderen Beiträgen, wie gerade auch sehr lange, anregende Dialogpassagen ein Drehbuch bereichern können.

So begibt sich das englische Drama Benediction (Drehbuchpreis) mit viel Poesie und trockenem Humor in die schwule britische Künstlerszene in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum steht nach wahren Begebenheiten der Dichter Siegfried Sassoon, der sich im Ersten Weltkrieg, nachdem er mehrfach verwundet wurde, weigerte an die Front zurückzukehren. In einem Lazarett für traumatisierte Offiziere lernte er den Dichter Winfred Owen kennen und lieben, der aber schon bald seine Soldatenuniform wieder anlegen musste. Weitere kurzzeitige Affären ergaben sich wenig später mit dem exaltierten Schauspieler Ivor Novello und dem dekadenten Aristokraten Stephan Tenant. So sehr es Sassoon vergönnt war, seine Homosexualität auszuleben, so wenig glücklich wurde er jedoch. Die in dem Milieu verbreitete Arroganz, Dekadenz und Polygamie machte ihm zu schaffen. Sensibel schildert Regisseur Terence Davies die Einsamkeit des mehr und mehr desillusionierten Protagonisten, der schließlich eine Frau heiratet, die ihn verehrt und treu ergeben ist, aber sein Glück in dieser Ehe nicht findet.

Um eine ganz ähnliche Konstellation nach wahren Ereignissen geht es in Vous ne désirez que moi?, ein wunderbares Stück französisches Konversations-Kino. Hier geht es um den Autor Yann Andréa, der, wiewohl homosexuell, einst als Philosophie-Student in den 1970er Jahren eine Liebesbeziehung mit der wesentlich älteren Schriftstellerin Marguerite Duras einging. Schon einmal erzählte diese ungewöhnliche wahre Geschichte das Drama Diese Liebe mit Jeanne Moreau als der berühmten Literatin. Dagegen legt Claire Simon den Fokus auf den exzentrischen Mann und seine ambivalenten, widerstreitenden Gefühle aus dem Rückblick.

Mit großer Zartheit gibt Emmanuelle Devos die Journalistin, die diese Lebenserinnerungen aufzeichnet, intelligente Fragen stellt und zuhört und damit die Weichen dafür stellt, dass man gebannt folgt und immer tiefer eintauchen will in diese berührende, außergewöhnliche Beziehung, die für den Mann zunehmend zur Belastung wurde, nicht zuletzt auch deshalb, weil Duras seine Homosexualität nicht duldete. Die Schriftstellerin ist hier aber nur in kurzen historischen dokumentarischen Aufnahmen zu erleben, die sich dann und wann zur Auflockerung zwischen die intensiven Gespräche schieben. Aber eben diese Dramaturgie verleiht dem Film eine besondere Authentizität.

Und auch um die weibliche Homosexualität ging es in San Sebastian. In der Sektion „Perlen“ zeigte das Festival Paul Verhoevens Epos Benedetta, das in Cannes bereits seine Weltpremiere hatte und demnächst ins Kino kommt, aber nicht überzeugt, weil Hauptdarstellerin Virginie Efira in ihrer Erscheinung nicht in das 17. Jahrhundert passt, in dem sich diese Geschichte zuträgt. Vor allem die Sexszenen, bei denen ein Dildo (!) zum Einsatz kommt, wirken sehr heutig und fallen aus dem ansonsten aufwendig ausgestatteten, vordergründigen Historienfilm heraus.
Den ungleich subtileren Film um lesbische Frauen bescherte Camila saldrá esta noche, eine argentinische Antwort auf diverse leise Dramen der Französin Céline Sciamma.
Camila, die 16-jährige Heldin, muss nach dem Tod ihrer Großmutter in die Großstadt Buenos Aires umsiedeln, wo sie erste sexuelle Erfahrungen mit einem Jungen sammelt, sich dann aber heftig in eine Mitschülerin verliebt, von der sie zunächst verführt, dann aber scheinbar verhöhnt und verraten wird. Psychologisch behutsam fühlt Regisseurin Inés Barrionuevok ihren beiden Heldinnen und ihren Geheimnissen auf den Zahn.

Freilich richtete sich in San Sebastian das Augenmerk auch verstärkt auf das spanische Kino, das im Wettbewerb facettenreich vertreten war. Iciar Bollaín, eine der international bekanntesten Repräsentantinnen, porträtiert in Maixabel (Irizar Basque Film Award) die wahre Geschichte einer Frau, die sich als erste Hinterbliebene eines Opfers der baskischen Terrororganisation ETA nach vielen Jahren mit den Mördern ihres Mannes zu Gesprächen traf. Der Regisseurin gelingen aufwühlende Szenen von dokumentarischer Glaubwürdigkeit, zumal sie auch die Täter in ihrer Zerrissenheit zeigt zwischen ihrem ursprünglich politischem Idealismus, Unbedarftheiten, Reue und Frust über eine Organisation, mit der sie sich kaum mehr identifizieren können. Sie hoffe, mit dem Film einen Beitrag zur Versöhnung zwischen Opfern und Tätern leisten zu können, sagte die Regisseurin auf dem Festival, der historisch lang anhaltende Beifall von fast 10 Minuten (!) während des Abspanns scheint diese Hoffnung zu bestätigen.

Aber auch die einzige Komödie im Wettbewerb, El buen Patron/The Good Boss, mit einem bestens aufgelegten Javier Bardem in der Titelrolle eines Firmenchefs, der nicht uneigennützig allerhand Hebel in Bewegungen setzt, um geschätzten Mitarbeitern bei Problemen und Krisen zu Hilfe zu kommen, kam dank lakonischem Humor gut an.