Die Kunst der Partnerwahl: Mit der Retrospektive „Partly Preminger“ beschreitet das Filmmuseum ungewohnte Wege der Geschichtsschreibung.
Der Ausflug ins Private ist schlagartig vorüber. Dem Liebespaar war nur eine kurze Parenthese des Friedens beschieden. Als der britische Polizist und die junge Frau, die möglicherweise der israelischen Untergrundbewegung angehört, nach Haifa zurückkehren, hören sie in der Ferne die Explosion einer Bombe. „Das wirft uns wieder zurück ins 20. Jahrhundert,“ sagt der Offizier lakonisch. Diese Szene könnte aus Exodus stammen, Otto Premingers Epos über die Staatsgründung Israels. Das plötzliche, unausweichliche Eindringen der Gewalt in den Alltag ist ein Erzählprinzip des Films. Souverän führt er die große Historie parallel zur individuellen Geschichte. Unter den großen Hollywood-Regisseuren war Preminger der wachsame, unbeirrte und unerbittliche Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts.
Tatsächlich findet sich die Szene jedoch in einem anderen Film: Hill 24 Doesn’t Answer, der ersten israelischen Filmproduktion überhaupt, die der Brite Thorold Dickinson 1955 inszenierte. Im Filmmuseum treten beide Filme nun in Dialog miteinander. Die Retrospektive „Partly Preminger“ stellt 15 Arbeiten des gebürtigen Wieners jeweils einen Partnerfilm gegenüber. Sie zieht Linien, arbeitet Gegensätze und Verwandtschaften heraus, gibt individuellen Erzählhaltungen Kontur. Die Filme von Preminger und Dickinson verbindet viel: nicht nur der Schauplatz Palästina und die Chronik eines historischen Übergangs, sondern auch ein Klima der Unwägbarkeit und Überwachung. Das teure historische Fresko, das den Produktionsapparat Hollywoods hinter sich weiß, und die tastende Pionierarbeit einer im Entstehen begriffenen Kinematografie nähern sich ihrem Stoff auf je eigene Weise, aber in dem gemeinsamen Bewusstsein, dass er sich nur vielstimmig erzählen lässt. .
Der erweiterte Blick
Querverbindungen werden üblicherweise innerhalb eines Oeuvres oder Genres gezogen. Bei Preminger hätte man da leichtes Spiel: Das Double ist ein Grundmotiv seiner Films noir; Bonjour Tristesse verweist bereits auf die Ahnung einer inzestuösen Beziehung in Bunny Lake Is Missing; seine Filmografie umfasst sogar ausgesprochene Zwillingsfilme The Moon is Blue und dessen deutschsprachige Version Die Jungfrau auf dem Dach). Aber die Retrospektive des Filmmuseums beweist einen übergreifenden Ehrgeiz. Sie lädt ein zu einem Spiel um Verblüffung und Evidenz, in dem sie Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Preminger-Filmen und denen von Zeitgenossen wie Henri-Georges Clouzot, Roberto Rosselini oder Fred Zinnemann herstellt. Die Regeln dieses Spiels sind offen, aber nicht willkürlich; sie müssen sich nicht auf Anhieb erschließen, sondern laden ein, vertraute Blickachsen zu revidieren. Damit darf die Filmreihe Preminger ganz auf ihrer Seite wissen, der den erweiterten Blick zu einer filmischen Disziplin entwickelte, die den Zuschauer zwingt, seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Stets beschreiben seine Filme skeptische Wahrheitssuchen, die er mit erstaunlicher Objektivität vorantreibt: Immer wägt er die Gesamtheit der Facetten und Argumente ab.
Ein Einflussdelta wird vermessen
Kein Hollywood-Regisseur ermutigt so sehr wie er zu dieser Herangehensweise. Die einzigartige Strahlkraft seines Werks hat gleichermaßen historische wie biographische Gründe. Preminger wusste die die Zeichen der Zeit schneller zu lesen als andere: Als das Anti-Trust-Gesetz die Hollywood Majors ab Ende der vierziger Jahre zwang, sich von ihren Kinoketten zu trennen, sah er das Ende des Studiosystems voraus. Danach vollzog er entschlossen den Wechsel vom Vertragsregisseur zum unabhängigen Produzenten. Seine Filme gingen eine Wette mit der Fortschrittlichkeit ein. Er wagte es, das Unsagbare und Unzeigbare auf die Leinwand zu bringe. Als einer der ersten Hollywoodregisseure setzte er 1949 sich mit der Psychoanalyse auseinander (Whirlpool, 1949) und griff mit präzedenzloser Anschaulichkeit kontroverse Themen wie Drogensucht auf (The Man with the Golden Arm). Seine Filmoper Carmen Jones konfrontierte 1954 das Publikum mit einer Liebesgeschichte unter Schwarzen, die von ungekannter Sinnlichkeit war.
Seine aus heutiger Sicht harmlose Komödien The Moon Is Blue kam 1953 als erster Film ohne das Siegel der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmindustrie in die Kinos; die Zensoren hatten den Gebrauch der Vokabeln „Jungfrau“ und „schwanger“ bemängelt. Fortan wurde er zum wehrhaften Herausforderer der Zensur (in einer Szene aus Anatomy of a Murder, in der Richter und Anwälte verschämt über die Zulässigkeit des Wortes „Höschen“ vor Gericht debattieren, persifliert er sie maliziös). Als er 1960 darauf bestand, den Namen des verfemten Drehbuchautors Dalton Trumbo im Vorspann von Exodus zu nennen, läutete er das Ende der Schwarzen Liste ein. Er kalkulierte mit der Publicity, die ihm diese Tabubrüche einbrachten. In den sechziger und siebziger Jahren war Preminger neben Hitchcock der einzige Regisseur, dessen Gesicht weltweit bekannt war – nicht zuletzt deshalb, weil er in den hinreißenden Trailern zu seinen Filmen oft selbst auftrat, um das Publikum mit deren brisanten Geschichten vertraut zu machen. Die avantgardistischen Plakate und Vorspanne, die Saul Bass für ihn gestaltete, wurden ein unverwechselbares Markenzeichen. Augenblicklich wussten die Zuschauer, dass sie ein Preminger-Film erwartete.
Sein sicheres Gespür für originelle und tragfähige Dramaturgien wirkt noch Jahrzehnte später nach. Eine kleine Stegreifliste, die sich mühelos fortsetzen ließe: The Contender (Regie: Rod Lurie) wandelt auf den Spuren von Advise and Consent und stellt den Untersuchungsausschuss als ein zentrales Ritual der US-Politik dar, als einen Schauprozess, in dem sich die Wirksamkeit demokratischer Instanzen erweisen soll und der zugleich auf einer symbolischen Ebene als puritanischer Akt der Reinigung fungiert; in Dejà vu (Regie: Tony Scott) verliebt sich der Polizist Denzel Washington, wie einst Dana Andrews in Laura, in ein Mordopfer; Where the Sidewalk Ends nimmt die moralische Doppelbödigkeit von Martin Scorseses The Departed um mehr als ein halbes Jahrhundert vorweg: In beiden Filmen muss ein Cop einen Verdächtigen jagen, von dem nur er weiß, dass er es selbst ist.
Kombinationsgabe
Für die Spiegelbildlichkeit von Polizist und Verbrecher allerdings wählt die Retrospektive ein anderes, bezwingendes Pendant: The Offence (von Sidney Lumet. Mithin nimmt sie weniger Premingers Einfluss in den Blick, sondern eröffnet Resonanzräume. Manche der Paarungen drängen sich auf; die Filme sind als Wiederverfilmung oder Hommage miteinander verbunden. Aber die Konzept hat wenig Raum für das Offensichtliche und Naheliegende; auch Premingers Kameraführung geht ja selten den direkten Weg. Es hätte sich angeboten, Jacques Tourneurs klassisches Westernepos Canyon Passage zu zeigen, in dem der archetypische Preminger-Darsteller Dana Andrews die Hauptrolle spielt. Statt dessen läuft als Gegenstück zu River of No Return der famose Way of a Gaucho. So lassen sich unterschiedliche Formen des Abweichens von Hollywood-Konventionen präsentieren: eine gestische bei Preminger, der den Western als Kulisse für ein Melodram der Annäherung nutzt, und eine topografisch-atmosphärische bei Jacques Tourneur.
Hinter Gemeinsamkeiten wie dem gleichen Entstehungsjahr, Setting, Genre oder der Handlung zeigt die Reihe fundamentale Unterschiede auf. Premingers Beiträge zum Film noir etwa scheren aus dem semi-dokumentarischen Stil aus, der in der Nachkriegszeit zum Paradigma wird. Im Gegensatz zu Anthony Mann verzichtet er weitgehend auf Realschauplätze und dreht im Studio. Jede Paarung wirft ihre eigenen Fragen auf. Gelingt es Preminger bei The 13th Letter, seinem Remake Le Corbeau, den Pessimismus von Clouzots fiebrig-kalter Sittenstudie in Hollywood heimisch zu machen? Unerbittlich erforscht der Franzose die Vergiftung sozialer Beziehungen durch eine Serie anonymer Briefe. Das Drehbuch zitiert eine zentrale Szene aus dem Original, den philosophischen Disput der Widersacher unter der Pendellampe, die den Raum in Hell und Dunkel teilt. Bei Preminger besitzt der Streit über die menschliche Natur eine ähnliche Doppelwertigkeit von Allegorie und visueller Konkretion; auch hier behält der Idealismus des jungen Arztes nicht das letzte Wort.
Filmische Zwiesprache
Dieses Schillern zwischen Hollywood und Europa ist ein Leitmotiv der Reihe, in der auffallend viele US-Regisseure vertreten sind, die ebenso wie Preminger europäische Wurzeln haben: Michael Curtiz, William Dieterle, Jacques Tourneur, William Wyler, Fred Zinnemann. Besonders zu Wyler, dem großen Handwerker des Prestigefilms, müsste eine starke Affinität bestehen. Der behandelt vorzugsweise gewichtige Themen, die sich in Hollywoods Regelwerk nicht unbedingt mit einem persönlichen Blickwinkel und einer individuellen Handschrift vertragen. Beide Regisseure sind fasziniert von der Gleichzeitigkeit filmischer Ereignisse: Wyler setzt die Tiefenschärfe ein, um Aktion und Reaktion in einer Einstellung zu bündeln, Preminger tut dies in langen, raumgreifenden Plansequenzen. Die Retrospektive zeigt sie beide auf vergleichsweise fremdem Terrain, dem Psychothriller über sexuelle Abweichungen. Während in The Collector eine beklemmende Klaustrophobie herrscht, in der die Darsteller zu expressiven Kraftfeldern werden, flaniert Bunny Lake Is Missing durch London, das wie eine Menagerie absonderlicher Charaktere anmutet. Auch im Vergleich zur Dringlichkeit, mit der Zinnemann in From Here to Eternity den japanischen Angriff auf Pearl Harbor rekonstruiert, zeigt sich in In Harm’s Way, wie entspannt Premingers Erzählhaltung ist: Sein Film fügt sich in einen Zyklus, in dem er nüchtern und systematisch gesellschaftliche Institutionen untersucht.
Sein erzählerisches Temperament gewinnt auch in der Zusammenschau zweier Gerichtsfilme klare Kontur. Compulsion ist ein eindeutiges Plädoyer gegen die Todesstrafe. Zugleich verhandelt Richard Fleischers Film amerikanische Vorstellungen von Aristokratie – die Beschuldigten sind zunächst durch ihren gesellschaftlichen Status geschützt – und wirft die Frage auf, wie eine demokratische Gesellschaft ihrer Herr werden kann. Darin besitzt er deutliche Berührungspunkte mit Anatomy of a Murder, wo die amerikanische Justiz ebenfalls als Spielfeld der Manipulation und des Showtalents erscheint. Bei Preminger freilich wird der Zuschauer selbst zum Geschworenen, denn es bleibt offen, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht. Seine Filme münden oft im Zweifel, halten sich die Möglichkeit offen, in Berufung zu gehen.
