Filmmuseum

Die Gesellschaft stürzen

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Das Österreichische Filmmuseum zeigt erstmals seine spektakuläre Neuerwerbung: alle sechs Filme des radikalen französischen Theoretikers, Kulturkritikers und Aktivisten Guy Debord.

Text – Ken Knabb
Übersetzung – Andreas Ungerböck

Sollten wir uns jemals aus diesem Chaos befreien können und es schaffen, eine vernünftige, befreite Gesellschaft herzustellen, werden künftige Generationen auf Guy Debord zurückblicken, als jenem Menschen, der mehr zu dieser Befreiung beigetragen hat als irgendjemand sonst im 20. Jahrhundert. Guy Debord (1931–1994) war die einflussreichste Figur in der Situationistischen Internationale, jener berühmt-berüchtigten Gruppierung, die eine Schlüsselrolle dabei einnahm, die Revolte des Mai 1968 in Frankreich in Gang zu bringen. Die Wirkung seiner Schriften war tiefgreifend und deutlich erkennbar für all jene, die in der Lage waren, unter die Oberfläche zu blicken. Seine ebenso bemerkenswerten Filme jedoch sind weit weniger bekannt – jedenfalls bis jetzt.

Das liegt daran, dass sie nur sehr spärlich verfügbar waren. Die ersten drei Filme wurden selten gezeigt, obwohl der erste, Hurlements en faveur de Sade (Howls for Sade, 1952), in den fünfziger Jahren ein paar kleine Skandale auslöste. Die drei letzten waren in den Siebzigern und Achtzigern in Paris etwas häufiger zu sehen, aber wenige Leute, die anderswo lebten, hatten eine Chance, sie zu sehen. 1984 wurde Debords Freund und Verleger Gérard Lebovici, der auch seine drei letzten Filme finanziert hatte, ermordet. Verärgert durch die Reaktion der französischen Presse, die Gerüchte über Lebovicis „dubiose Bekannte“ ausstreute und in manchen Fällen sogar andeutete, Debord selbst könne etwas mit der Ermordung seines Freundes zu tun haben, zog Debord alle seine Filme aus dem Verkehr. Außer in ein paar privat oganisierten Vorführungen sah niemand diese Filme – bis 1995, als zwei der Filme (zusammen mit einem kurz zuvor fertiggestellten Video) auf einem französischen Kabelkanal ausgestrahlt wurden. Das war kurz nach Debords Tod. Raubkopierte Videos dieser drei Arbeiten zirkulierten seitdem, but die Filme selbst blieben bis 2001 unzugänglich, als Debords Witwe Alice begann, sie wieder zu veröffentlichen.

In technischer und ästhetischer Hinsicht gehören Debords Filme zu den brillantesten und innovativsten Arbeiten der Kinogeschichte. Aber sie sind nicht so sehr „Kunstwerke“ als vielmehr subversive Provokationen. Meiner Meinung nach sind sie die wichtigsten radikalen Filme, die je gemacht wurden, nicht nur, weil sie die tiefgreifend radikalste Perspektive des letzten Jahrhunderts audrücken, sondern auch, weil sie keine wirkliche kinematografische Konkurrenz hatten. Viele Filme haben diesen oder jenen Aspekt der modernen Gesellschaft kritisch beleuchtet, aber Debords Arbeiten sind die einzigen, die eine durchgehende Kritik des gesamten globalen Systems beinhalten. Viele radikale Filmemacher haben ein Lippenbekenntnis abgegeben zu Brechts Forderung, man müsse die Zuschauer dazu provozieren, selbst zu denken und zu handeln anstatt sie in eine passive Identifikation mit Helden und Geschichten hineinzusaugen – aber Debord ist buchstäblich der einzige, der dieses Ziel erreicht hat.

Mit Ausnahme einiger minder bemerkenswerten, von ihm beeinflussten Arbeiten sind seine Filme die einzigen, die zusammenhängenden Gebrauch von der situationistischen Taktik des détournement machen: der Ver-Wendung von bereits existierenden kulturellen Elementen für neue, subversive Zwecke. Détournement ist vielfach imitiert worden, aber üblicherweise nur in einer eher wirren und halb bewussten Art für rein humoristische Zwecke. Es bedeutet nämlich nicht, ganz beliebig inkongreunte Elemente nebeneinanderzustellen, sondern (1.) aus diesen Elementen ein neues kohärentes Ganzes zu schaffen, das (2.) sowohl die existierende Welt als auch seine eigene Beziehung zu ihr kritisiert. Manche Künstler, Filmemacher und sogar Werbegrafiker haben, oberflächlich gesehen, ähnliche Juxtapositionen verwendet, aber die meisten davon sind alles andere als befriedigend in der ersten Hinsicht, geschweige denn, dass sie das zweite Ziel erreichen.

Debords Arbeiten sind weder philosophische Diskurse aus dem Elfenbeinturm noch reflexartige militante Proteste, sondern schonungslos luzide Untersuchungen der fundamentalsten Tendenzen und Widersprüche der Gesellschaft, in der wir leben. Das heißt, dass es nötig ist, sie viele Male wiederzulesen (oder, im Fall der Filme, wiederzusehen), es heißt aber auch, dass sie so gültig wie eh und je sind, während zahllose radikale und intellektuelle Modeerscheinungen gekommen und wieder gegangen sind. In den Jahrzehnten seir der Veröffentlichung von „La societé du spectacle“ (1967), ist das Spektakel noch allgegenwärtiger geworden, bis hin zu dem Punkt, dass es buchstäblich jedes Bewusstsein von einer Geschichte vor dem Spektakel oder die Möglichkeit von Anti-Spektakel-Maßnahmen unterdrückt. „Die Herrschaft des Spektakels war erfolgreich darin, eine ganze Generation großzuziehen, die nach seinen Gesetzen geformt ist.“ (Guy Debord in seinen “Commentaires sur la Societé du Spectacle”, 1988)

Ein Ergebnis dieser neuen Entwicklung ist, dass Stellungnahmen von Debord, die früher als extravagant oder unverständlich abgetan wurden, nun mit der gleichen Oberflächlichkeit als banal und allzu offenkundig beurteilt werden. Leute, die zu behaupten pflegten, dass die Verworrenheit situationistischer Ideen deren Bedeutungslosigkeit beweise, sagen nun, dass ihr Bekanntheitsgrad darauf hinweise, wie veraltet sie seien. Aber jene, die denken, die Situationisten seien vom System „eingekauft“ worden, weil ein paar Fragmente ihrer Arbeiten in Museen gezeigt, an Universitäten zerpflückt und in den Medien diskutiert wurden, haben sich nicht die Mühe gemacht, sie neuerlich zu lesen.

„Unsere Provokateure haben Ideen verbreitet, die eine Klassengesellschaft nicht schlucken kann. Die Intellektuellen im Dienste des Systems – die noch viel mehr auf dem absteigenden Ast sind als das System selbst – untersuchen nun sorgfältig dieses Gift, in der Hoffnung, Gegengifte zu entdecken, aber es wird ihnen nicht gelingen. Sie haben alles versucht, um diese Ideen zu ignorieren, aber vergeblich, so groß ist die Macht einer Wahrheit, die zur richtigen Zeit ausgesprochen wird. Fragt jetzt nicht, wozu unsere Waffen gut waren: Sie stecken noch immer in der Kehle des herrschenden Lügensystems.“ (Guy Debord in seinem Film In girum imus nocte et consumimur igni, 1978)

Ich gehe so weit zu sagen, dass das auch für Debords Filme gelten wird, trotz aller Versuche, sie totzuschweigen. Weil er der schärfste Diagnostiker der Gegenwart war, ist es kaum überraschend, dass Debord mehr und mehr berüchtigt wurde, und auch nicht, dass dieser schlechte Ruf hauptsächlich auf feindseligen Gerüchten, sein Privatleben betreffend, beruhte, sowie auf aberwitzig falschen Vorstellungen über seine Projekte und Absichten. Glücklicherweise war er durchaus fähig, sich selbst zu erklären und zu verteidigen, es gibt also keine Notwendigkeit, warum ich das für ihn tun sollte. Ich nehme mir allerdings die Freiheit, ihn noch einmal zu zitieren, um eine der widerlichsten und verbreitetsten Verleumdungen zurückzuweisen, die ihn als einen Künstler oder literarischen Stilisten brandmarkt, der durch eine radikale Phase gegangen, aber offensichtlich später desillusioniert und resigniert worden sei: “Von Beginn an habe ich mich der Aufgabe gewidmet, diese Gesellschaft zu stürzen, und ich habe entsprechend gehandelt. Ich nahm diese Haltung zu einer Zeit ein, als fast jedermann glaubte, diese verabscheuungswürdige Gesellschaft (in ihrer bürgerlichen oder bürokratischen Ausführung) werde die strahlendste Zukunft haben. Seit damals habe ich nicht, wie viele andere, meine Ansichten einmal oder mehrere Male geändert; eher haben sich die Zeiten geändert, in Entsprechung zu meinen Ansichten. Das ist einer der Hauptgründe, warum mir von meinen Zeitgenossen so viel Animosität entgegenschlug.“ (Guy Debord in seinem Film In girum imus nocte et consumimur igni, 1978)

Selbst jene, die sich über Debords “Unverständlichkeit” beklagen, sollten diese Stellungnahme leicht verstehen. Ich behaupte nicht, dass Debord über alle Kritik erhaben ist, sondern nur, dass die meiste Kritik, die an ihm geübt wurde, sich als irrig oder irrelevant erwies. Es sollte selbstverständlich sein, dass ihn passiv zu verehren, genau das Gegenteil von allem ist, wofür er stand. Der springende Punkt ist, aufzunehmen, was er zu sagen hat, zu verwenden, was passend erscheint und zu ignorieren, was nicht stimmt. Die wahre Kernfrage in seinen Filmen ist ja nicht, was Debord aus seinem Leben machte, sondern was jeder von uns aus seinem macht.

 

Ken Knabb

Ken Knabb, geboren 1945, ist ein US-amerikanischer Autor, Übersetzer und radikaler Theoretiker. Auf seiner Website „Bureau of Public Secrets“ (www.bopsecrets.org) finden sich unter anderem ausführliche Informationen, zahlreiche Aufsätze und Übersetzungen zu den Schriften und Filmen Guy Debords, aber auch die Drehbücher und Dialoge, die Knabb im Auftrag von Debords Witwe Alice seit 2001 ins Englische übersetzt hat. 2003 erschienen sie in „Guy Debord: Complete Cinematic Works“ in Buchform. Der vorliegende Text stammt von der Site www.bopsecrets.org/SI/debord.films/intro.htm. Die meisten Texte auf www.bopsecrets.org sind frei von Copyright und für jedermann zugänglich, übersetz- und bearbeitbar.