Mit „Drifter. Road | Movie 1974–2007“ zeigt das Filmmuseum von 1. September bis 5. Oktober den zweiten Teil der im Vorjahr begonnenen „Auto-Kino-Reihe“, die sich in einer historischen Rückschau dem Genre des Roadmovie widmet. „ray“ präsentiert auch diesmal sechs Favoriten in Schlaglichtern.
Redaktion ~ Oliver Stangl
Crash (1996)
Zwar murmelt Vaughan etwas von „the reshaping of the human body by modern technology“ und später dann etwas von „benevolent psychopathology“ – letztlich und eigentlich aber geht es ums Ficken. Um Sex in und mit Autos, um kaltes Metall und warme Haut, um Narben und Dellen und Wunden und Kratzer, um das Aufeinanderprallen, sich Umeinanderwickeln, das Eindringen und sich Ineinanderverkeilen, um die Bewegung und den Rhythmus, die Explosion von Lust, den Rausch des Adrenalin, das Fließen von Körper- und Maschinensäften, Motorenöl, Blut, Benzin, Sperma, Bremsflüssigkeit, Sekret.
Kompromisslos explizit verfilmt David Cronenberg mit Crash den gleichnamigen, 1973 publizierten Roman von J.G. Ballard, der die sexuelle Obsession, die der Individualverkehrende für sein Automobil hegt, übersetzt in die Gier entfremdeter Wesen nach Selbsterfahrung in der potenziell tödlichen Grenzüberschreitung. Kühl und elegant sind die Bilder zum rohen, hitzigen Treiben, mit Wucht fährt das Denken auf das Fühlen auf, verformt den Geschlechtsakt zum Mindfuck.
Alexandra Seitz
The Brown Bunny (2003)
Bud Clay ist Motorradfahrer. Auf dem Weg quer durch die USA, von einem Rennen zum nächsten, wirkt er wie in Trance, quengelt sich durch Begegnungen mit Frauen, die Blumennamen tragen: Violet, Lilly, Rose – Reminiszenzen an die Verflossene, Daisy. (Bud selbst ist folglich wohl die Knospe, aus der kein Kraut mehr wächst.) Am Ende wird bekanntlich nicht nur Vincent Gallos Penis explizit und intensiv gehuldigt, sondern auch das Geheimnis gelüftet, warum der gute Bud ein dermaßen sozial dysfunktionales armes Würstchen ist. Durch den 2003 in Cannes losgebrochenen Eklat wurde beinahe übersehen, was den Film eigentlich ausmacht: In seiner melancholischen Monotonie ist er die pure Essenz des Roadmovie, die poetische Wahrhaftigkeit dessen, was es bedeutet, on the road zu sein. Die körnige Ästhetik (16mm, aufgeblasen auf 35mm) wirkt so, wie man sich filmische Erinnerung vorstellt, und setzt in langen, langsamen Nahaufnahmen die Enge der eigenen Existenz in Kontrast zur Weite der Landschaft.
Brigitte Auer
Im Lauf der Zeit (1976)
Aus jener fernen Zeit, als Wim Wenders noch etwas zu sagen hatte, stammt dieses wunderbare Schwarzweiß-Roadmovie made in West Germany. Bruno (Rüdiger Vogler) fährt mit seinem Lastwagen durch die Lande und repariert Kinoprojektoren – dort, wo es noch Kinos gibt. Eines Tages lernt er Robert (Hanns Zischler) kennen, der sich, wenn auch halbherzig, mit seinem VW-Käfer in der Elbe ertränken will. Die beiden fahren zusammen weiter, sie reden und reden, es entwickelt sich eine Art Männerfreundschaft und „im Lauf der Zeit“ ein Bewusstsein von etwas – von Politik („die Amerikaner haben unser Unterbewusstsein kolonisiert“), vom Zustand des Kinos, vom Zustand der Welt. Die deutsch-deutsche Grenze ist allgegenwärtig, die Umbrüche im Selbstverständnis von „Männlichkeit“ offenkundig.
Wenders schafft einen großen Bogen, lässt sich 168 Minuten lang Zeit, und keine davon ist zu viel. Besser als der deutsche Originaltitel ist nur der englische: „Kings of the Road“ – das ist weniger ironisch, als es den Anschein hat.
Andreas Ungerböck
Drugstore Cowboy (1989)
Für Bob Hughes (Matt Dillon) und seine Freunde ist das Leben in Portland 1971 ein einziger, nicht enden wollender Drogentrip. Den Stoff beschafft man sich mittels originell orchestrierter Einbrüche in Drugstores und Krankenhäusern, der bürgerlichen Welt und ihren Wertvorstellungen setzt die Truppe auch sonst eine geradezu anarchistisch durchsetzte Attitüde entgegen. Der Trip an der Westküste bleibt nicht lange bloß ein Abenteuer am Rand der Legalität, er erweist sich zusehends als Sackgasse. Doch das Aussteigen aus dem Junkie-Dasein hält – Bob wird es schmerzlich erfahren – mehr als nur einen Fallstrick parat.
Wie unter einem Brennspiegel macht Gus Van Sant
anhand seiner Protagonisten deutlich, wie die Gegenkultur der Swinging Sixties spätestens in den Siebziger Jahren ihre Unbeschwertheit und Unschuld zu verlieren begann und viele ihrer Proponenten zusehends desillusioniert zurückließ.
Jörg Schiffauer
Professione: reporter (1975)
Der von Leben und Beruf frustrierte Reporter David Locke (Jack Nicholson) nimmt in einer afrikanischen Wüstengegend spontan die Identität eines verstorbenen Waffenhändlers an, fährt mit dessen Honorar durch Europa, trifft auf eine namenlose junge Frau (Maria Schneider) und entkommt, trotz anfänglicher Euphorie, doch nicht dem Gefühl der Leere und Ausgebranntheit. Neben Landschaft und Architektur, von Antonioni meisterhaft in Szene gesetzt, spiegelt sich die Psyche des Protagonisten in den Fortbewegungsmitteln: Am Land Rover, der im Wüstensand steckenbleibt, lässt der sonst Lethargische seine Wut aus, und als er ein offenes amerikanisches Cabrio durch eine Allee in Spanien steuert, fragt das Mädchen: „What are you running away from?“ Seine Antwort: „Turn your back to the front seat.“ In der vorletzten Szene, die wegen ihrer ungeschnittenen, siebenminütigen Kamerafahrt durch ein vergittertes Hotelfenster Filmgeschichte geschrieben hat, fährt ein Fahrschulauto – ein Fiat 500 – im Kreis und übertönt die Zündung eines Citroën DS einen Schuss.
Oliver Stangl
Into the Wild (2007)
Wie die meisten guten Reisefilme handelt auch dieser von parallelen Reisen: von einer äußeren, in diesem Fall durch die fabelhaft in den Bildrahmen gefassten, von einem ingeniös gestrickten Soundteppich überzogenen Weiten an und abseits der Panamericana; von Begegnungen mit einer disparaten Gesellschaft, die diese Räume mit Leben, Liebe und Lügen füllt; und schließlich von einem spirituellen Weg ins Selbst, der sich hier als road of no return erweisen wird. Der störrische Aussteiger Chris McCandless (charmant: Emile Hirsch) ließ auf seiner Odyssee alles zurück, was ihm lieb war; warum, das lässt Regisseur Sean Penn, basierend auf einem Tatsachenbericht von Jon Krakauer, untadelig offen. Welches Kino hier in der ganzen Spannbreite zwischen Trübsinn und Heiterkeit abläuft – ob Abenteuerromantik, Zivilisationsflucht, Selbsterfahrung oder alles drei und mehr –, entscheidet sich letztlich erst im Kopf des Betrachters. Am Ende gerinnt Into the Wild zu einer Art Roadmovie im Stillstand. Mehr dazu in ray 02/08.
Roman Scheiber
