FIlmstudios in Osteuropa

Die Goldene Filmstadt

| Günter Pscheider |

Prag, das Stadt gewordene Freilichtmuseum, hat es schon kurz nach der Wende geschafft, sich als Top-Location zu etablieren. Und ein erstklassiges Studiogelände gibt es auch.

Warum wurden allein im vergangenen Jahrzehnt an die hundert internationale Filme – viele davon mit Stars besetzte Hollywood-Actionspektakel – in den Straßen von Prag gedreht, während man sich im größeren Wien schon freut, wenn sich alle paar Jahre eine Großproduktion hierher verirrt, obwohl beide Städtearchitektonisch und atmosphärisch ähnliche Attraktionen zu bieten haben? Vielleicht liegt es daran, dass in Wien die Brücken über die Donau nicht mitten in der Stadt liegen und längst nicht so malerisch sind wie ihre Prager Pendants?

Nein, der wohl wichtigere Grund sind oder waren zumindest lange Zeit die erheblich geringeren Lohn- und damit Produktionskosten in der Tschechischen Republik. Außerdem kann Prag mit dem größten und wohl auch am besten ausgestatteten Filmstudio Zentral- und Osteuropas aufwarten. Der riesige, in den nahen Hügeln gelegene Barrandov-Komplex, gegründet von Miloš und Václav Havel Senior, hat in seiner 80-jährigen Geschichte schon einiges erlebt: Nach einer kurzen Blütezeit wurden hier während der deutschen Okkupation 82 Filme produziert, darunter auch der notorische Propagandastreifen Jud Süss. Die Kommunisten verstaatlichten das gesamte tschechische Filmwesen, in den sechziger Jahren drehten junge Regisseure wie Miloš Forman oder Jirí Menzel ihre einflussreichen Werke der Tschechischen Neuen Welle zwar hauptsächlich on location, nutzten aber auch die Möglichkeiten des Studios. Nach der Niederschlagung des Aufstandes von 1968 und der Emigration einiger der wichtigsten Filmkünstler wurden etliche auch international erfolgreiche Kinder- und Märchenfilme in Barrandov gedreht, darunter die legendäre Pan-Tau-Serie. In den achtziger Jahren entstanden pro Jahr an die dreißig Filme hier, 2000 Menschen waren im Studio und in der Zulieferindustrie beschäftigt.

Nach der Samtenen Revolution 1989 wurde die Anlage bald privatisiert, mehr als die Hälfte der Techniker verlor ihren Job, und die Produktion sank um zwei Drittel. Da traf es sich gut, dass genau in dieser Zeit das Mission-Impossible-Team etliche Millionen Dollar in Prag ausgab und es sich danach in Hollywood offensichtlich herumsprach, dass man hier ohne Qualitätseinbußen eine ordentliche Stange Geld sparen konnte. In rascher Folge wurden, wann immer mittelalterliches Flair oder auch nur enge Gässchen für Verfolgungsjagden gefragt waren, in der mittlerweile goldenen Filmstadt und in den bestens ausgestatteten Barrandov Studios Werke wie Van Helsing, From Hell, The League of Extraordinary Gentlemen oder zumindest kleine Teile von Casino Royale oder The Bourne Identity gedreht. Wie in jeder auf Profitmaximierung ausgerichteten Industrie zieht die Karawane aber schnell weiter, wenn es woanders noch günstigere Preise gibt. In dem Fall geht die Reise Richtung Osten. In letzter Zeit bieten Budapest, Bukarest oder Sofia in der Regel schlechter ausgestattete Studios und weniger qualifiziertes Personal, aber nachdem bei größeren Produktionen sowieso immer mehr mit CGI gearbeitet wird, spielt dieser Unterschied keine so große Rolle. Der tschechische Staat bietet zwar neuerdings ein Filmindustrie-Support-Programm an, bei dem man 20% der Produktionskosten zurückerhält, wenn man gewisse Auflagen wie die, einheimische Techniker zu beschäftigen, einhält und einen sehr vage formulierten EU-Kommissionskonformen „cultural test“ mit Punktesystem besteht, aber es wird sich erst zeigen, ob man mit diesen Mitteln die Abwanderung in weniger lohnkostenintensive Regionen verhindern kann.

Wer als Filmfan die Barrandov Studios besichtigen will, muss sich leider mit der eindrucksvollen Kostüm- und Propsabteilung begnügen, der restliche Komplex ist nur für Professionals zugänglich. Aber natürlich finden sich in der sowieso wunderschönen, fast schon zu sehr herausgeputzten Stadt genügend Locations, an denen man buchstäblich in die Fußstapfen von Matt Damon oder Sean Connery treten kann. Die Suche nach Drehorten erleichtert ungemein, wenn man eine spezielle Segway-Tour bucht, die für entdeckungsfreudige Cineasten maßgeschneidert ist. Es ist zwar nicht ganz billig, aber der dreieinhalbstündige Ausflug quer durch die Stadt lohnt sich allemal: Der brasilianische Guide mit den Rastalocken und dem charmanten Englisch entführt einen u.a. genau dorthin, wo Tom Cruise die Ermordung seiner Freundin im ersten Teil von Misson Impossible mit ansehen musste. Praktischerweise kann man sich direkt vor dem eher unauffällig wirkenden Holzzaun an der Moldau von der Richtigkeit seiner Angaben überzeugen, denn auf dem mitgebrachten Laptop spielt er einfach die entsprechende Szene ab. Dieses beeindruckende Spielchen wiederholt sich noch viele Male, meistens stellen die Kopfsteinpflastergassen oder die Barockhäuser Prags im Film eine andere Stadt dar. Welcher amerikanische Multiplex-Besucher kann schon unterscheiden, ob ein alt aussehendes Gebäude jetzt in Prag, Wien, Rom oder Paris steht? Aber auch für Ortskundige ist es bisweilen unmöglich, zu unterscheiden, wo ein Film wirklich gedreht wurde. Amadeus spielt zwar in Wien und Salzburg, die entsprechenden Locations waren aber an der Prager Kleinseite und am Hradschin. Ein besonders krasses Beispiel für den Einsatz von Computertechnik bietet der zu Recht vergessene Film Euro Trip. Der Guide zeigt, wie in einer Szene das Kolosseum von Rom hinter den Prager Gassen auftaucht, und gleich einige Hundert Meter weiter am Wasser ist unser Filmpärchen schon in Amsterdam gelandet. Die Tour bietet neben den meist pittoresken Drehorten auch interessante Hintergrundinformationen von den Dreharbeiten.

Wenn man sich schon auf die Spuren der glamourösen Hollywoodhelden macht, kann man auch gleich im Kampa Park Restaurant einkehren, einem direkt an der Moldau mit herrlichem Ausblick auf die Karlsbrücke gelegenen Gourmettempel, dessen Wände mit den Porträts der hier speisenden Stars geschmückt sind. Luxus wirkt ansteckend, deswegen spart man auch beim Hotel nicht und wohnt am besten gleich im Kempinski unweit aller touristischen Attraktionen, in dessen geräumigen Suiten der Regisseur, die Produzenten und etliche der Schauspieler vom demnächst anlaufenden vierten Teil von Mission Impossible die Annehmlichkeiten genossen. Nach dem nächtlichen Videostudium und einem ausgiebigen Frühstück kann man sich dann im Alleingang noch auf die Suche nach Drehorten so unterschiedlicher Filme wie Oliver Twist, XXX, Kolja, Yentl, Hostel, Wanted oder des unlängst in Venedig ausgezeichneten Faust, der allerdings hauptsächlich in Barrandov gedreht wurde, machen. Natürlich wäre es schön, könnte man sich auch in Wien auf die Spurensuche von internationalen Großproduktionen machen, im Vergleich der nationalen Filmförderungen hat jedoch Österreich das eindeutig bessere System gefunden. Davon zeugen die vielen Preise und Ehrungen weltweit für einheimische Filme, während die tschechische Filmproduktion – von wenigen Ausnahmen abgesehen – schon bessere Zeiten gesehen hat.